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Kultur Das alte Berlin: Eine Stadt wie ein Roman
Nachrichten Kultur Das alte Berlin: Eine Stadt wie ein Roman
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14:00 30.09.2018
Berlin Mitte, das Straßenleben am Alexanderplatz. Quelle: arkivi
Hannover

Was für ein Gewusel! Da kommt der Junge aus der Provinz in die Großstadt – und staunt. “Diese Autos!... So ein Krach!... Und von allen Seiten Straßenbahnen, Fuhrwerke, zweistöckige Autobusse!... Und hohe, hohe Häuser.“ Emil Tischbein fühlt sich schier erschlagen.

Und der Leser, der die Stadt durch die Augen des Jungen erlebt, gleich mit. Selbst heute noch, fast 90 Jahre, nachdem Erich Kästners “Emil und die Detektive“ erschienen ist, und selbst, wenn man der Zielgruppe dieses Romans für Kinder deutlich entwachsen ist.

Unglaubliche 168 Auflagen hat Kästners Klassiker mittlerweile erlebt, mehrfach wurde das Buch verfilmt – und es hat die Vorstellung mehrerer Lesergenerationen vom Berlin der späten Zwanzigerjahre geprägt. Genau beschreibt Kästner in seinem 1929 veröffentlichten Buch, großartig illustriert von Walter Trier, die Gegend zwischen Bahnhof Zoo und Nollendorfplatz.

Mehr Moloch als Metropole

Fast noch mehr als die Schilderungen von Straßen und Plätzen prägen die Figuren das Bild und die Atmosphäre Berlins: Typen wie Pony Hütchen und Gustav mit der Hupe sind kindliche Repräsentanten einer Stadt, in der sich jeder auf seine Art durchsetzen muss – gewitzt, schlagfertig, selbstbewusst.

Im selben Jahr wie Kästners “Emil“ erschien Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz“. In dem Roman irrt Franz Biberkopf, frisch aus dem Gefängnis entlassen, durch die Stadt. Die ist in Döblins Klassiker mehr Moloch als Metropole: keineswegs arm, aber sexy, sondern hässlich und hart, mit ein paar wenigen Inseln der Menschlichkeit.

“Emil und die Detektive“, “Berlin Alexanderplatz“, Kästners “Fabian“, auch Gabriele Tergits “Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ (erschienen 1931) und Irmgard Keuns “Das kunstseidene Mädchen“ (1932) sind die großen Berlin-Romane jener Zeit. Sie transportieren die Stadt in die Literatur. Denn sie erzählen nicht nur von Menschen an diesem Ort, sondern die Stadt wird selbst zu einer Romanfigur und wichtig: ihre Topografie, ihre Entwicklung und ihre sozialen Brüche.

Erich Kästner: “Emil und die Detektive“ Quelle: Verlag

Weil die Stadt in diesen Büchern so detailliert geschildert wird, eignen sich die Texte besonders gut als Grundlage für literarische Rundgänge, wie Michael Bienert sie organisiert. “Eigentlich sperrt sich jede Großstadt aufgrund ihrer Komplexität dagegen, in einem Roman eingesperrt zu werden“, sagt der Autor zahlreicher Berlin-Bücher über diese Jahre.

Das Können von Döblin, Kästner und Kollegen habe gerade darin bestanden, ein “doppeltes Bild von Berlin“ zu zeigen: “Einerseits die Metropole, andererseits die sozial gespaltene Stadt. Denn Berlin war zu der Zeit über weite Strecken auch eine graue, langweilige und arme Industriestadt“, sagt Bienert. In erster Linie jedoch seien die Romane bis heute so wirkungsvoll, weil sie sehr gut erzählt und plausibel seien und weil es um ein universelles Thema geht: “Wie bekomme ich in einer fremden Stadt ein Bein an die Erde.“

Gut 15, 20 Jahre zuvor waren Heinrich Zilles berühmte “Milljöh“-Bilder entstanden. Die strahlen bei aller Sozialkritik oft auch etwas Gemütliches aus; manche sind nah am Proletarier-Idyll. Damit haben die Autoren der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre nichts im Sinn: Ihre Metropole ist quirlig, hektisch, rau – und für viele ein einziges Glücksversprechen.

Nach 1933 war wenig Weltstädtisches geblieben

Irmgard Keuns “kunstseidenes Mädchen“ Doris zieht aus Köln ins ungleich größere Berlin, weil sie dort “ein Glanz“ werden will, ein Leinwandstar. Für kurze Zeit scheint sie ihrem Ziel nahe zu kommen; doch selbst diese entschlossene Glückssucherin kann die Augen vor Elend und Prostitution nicht komplett verschließen.

Und der Moralist Fabian aus Kästners gleichnamigem Roman schon mal gar nicht. Der Mann, fasziniert und überfordert vom “Rummelplatz“ Berlin, wie er es nennt, und verzweifelt auf der Suche nach einigermaßen bezahlten Jobs, geht gleich zu Anfang der Geschichte in eine “Erotikbar“, eine Mischung aus Swingerclub – und Bordell.

All diese Romane greifen das Berlin-Gefühl jener Jahre auf. Dass diese literarischen Bilder so wirkmächtig waren und sind, hängt auch mit der Historie der Stadt zusammen. Nach 1933, später dann durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs sowie Teilung und Mauerbau ist Berlin eine “andere Stadt geworden“, sagt Michael Bienert. Da war wenig Pulsierendes, Weltstädtisches geblieben – weder im Westen noch im Osten.

Wer sich in das alte Berlin versetzen will, wird besonders bei den akribischen Beschreibungen Alfred Döblins fündig. Quelle: arkivi

Wer mit Sehnsucht und wohl auch einer Spur Nostalgie das alte Berlin wiederfinden wollte, fand das bei Kästner und Keun, Döblin und Tergit. Deren Literatur hat einiges von dem Glamour und dem Mythos der Stadt aufbewahrt, die mit der Nazi-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg verschwunden sind.

Akribisch beschreibt besonders Döblin die Stadt – ähnlich wie John Dos Passos mit seinem New-York-Roman “Manhattan Transfer“ –, als erfasse er sie mit einer Filmkamera: “Ruller ruller fahren die Elektrischen, Gelbe mit Anhängern über den holzbelegten Alexanderplatz, Abspringen ist gefährlich. Der Bahnhof ist breit freigelegt, Einbahnstraße nach der Königstraße an Wertheim vorbei…“

Film und TV-Serien prägen heute unser Bild von einer Stadt

Mittlerweile prägen Bilder aus Film und TV-Serien unser Bild von einer Stadt meist stärker als Texte. New York sieht in der Vorstellung von Millionen Menschen aus wie in “Sex and the City“ oder “Girls“, Baltimore wie in “The Wire“ und Paris wie in “Die fabelhafte Welt der Amélie“.

Die Welt der großen Berlin-Romane war alles andere als “fabelhaft“. Kästner wollte seinen Roman “Fabian“ eigentlich “Der Gang vor die Hunde“ nennen, um den Abstieg seines Helden in Zeiten von wirtschaftlicher und psychischer Depression und erstarkendem Nationalsozialismus zu betonen. Das hat sein Verleger unterbunden. Ein Happy End hat Kästner seinem Fabian nicht gegönnt – aber das erlebt immerhin Emil.

Irmgard Keun: “Das kunstseidene Mädchen“ Quelle: Verlag

Berlin in Romanen und Erinnerungen

Alfred Döblin: “Berlin Alexanderplatz“ (Erstveröffentlichung 1929), S. Fischer

Hans Fallada: “Kleiner Mann – was nun?“ (1932). Im Aufbau Verlag erscheint das ungekürzte Gesamtwerk.

Erich Kästner: “Emil und die Detektive“ (1929), Dressler

Erich Kästner: “Fabian“ (1931).

Franz Hessel: “Spazieren in Berlin“ (1929)

Irmgard Keun: “Das kunstseidene Mädchen“ (1932). Im Wallstein-Verlag ist jetzt das Gesamtwerk erschienen.

Paul Marcus: “Zwischen zwei Kriegen. Aus Berlins glanzvollsten Tagen und Nächten“ (1952)

Gabriele Tergit: “Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ (1932) und “Etwas Seltenes überhaupt“ (1951). Beide Bücher sind gerade im Verlag Schöffling & Co wiederveröffentlicht.

Die älteren Titel liegen in verschiedenen Ausgaben zu unterschiedlichen Preisen vor. Die meisten Bücher sind auch als E-Book und zum Teil als Hörbuch erhältlich.

Von Martina Sulner

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