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Kultur Bühnenbild für den Bayreuther „Lohengrin“: Neo Rauch und Rosa Loy im Interview
Nachrichten Kultur Bühnenbild für den Bayreuther „Lohengrin“: Neo Rauch und Rosa Loy im Interview
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08:01 24.07.2018
Viel beschäftigtes Künstlerpaar: Neo Rauch und Rosa Loy bei der Eröffnung ihrer gemeinsamen Ausstellung in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben Ende Mai. Quelle: dpa
Bayreuth/Leipzig

Am 25. Juli beginnen die Bayreuther Festspiele mit der Neuinszenierung von „Lohengrin“ in der Regie des israelisch-amerikanischen Regisseurs Yuval Sharon, die musikalische Leitung hat Christian Thielemann. Bühnenbild und Kostüme (Fotos davon werden erst am Premierentag veröffentlicht) hat das Leipziger Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy gestaltet. Es ist ihre erste Arbeit für die Bühne. Im Interview sprechen sie über surreale Momente, das Unklare, Bayreuth und die Arbeit am „Lohengrin“. Rosa Loy (60) und Neo Rauch (58) sind seit 1985 verheiratet. Für Bühnenbild und die Kostüme des männlichen Personals zeichnet Neo Rauch verantwortlich, Rosa Loy für die Kostüme der Frauen.

Sie haben sich seit sechs Jahren mit dem Bühnenbild für „Lohengrin“ beschäftigt. Wie ist das für Sie, jetzt Ihr Konzept, Ihr Bühnenbild, Ihre Malerei, Ihre Kostüme in Funktion, in Bewegung zu sehen?

Neo Rauch: Das ist geradezu ein surrealer Moment. Als ich das erste Mal einer Kostümprobe beiwohnte, und es trat ein Herr aus der Kulisse hervor, den ich kurz zuvor gezeichnet hatte – bis ins Physiognomische hinein präzise erfasst – , da dachte ich, das kann doch nicht wahr sein. Das war unheimlich. Und so setzt sich das fort bis ins Große. Ich sitze im Zuschauerraum und stelle fest, dass meine Bilder von erwachsenen Menschen in seltsamer Kostümierung zum Leben erweckt werden, und das geschieht mit einem heiligen Ernst. Das rührt mich total an.

Rosa Loy: Mich fasziniert der Umgang Reinhard Traubs mit dem Licht, er bietet verschiedene Möglichkeiten an – und dann darf man sich entscheiden. Das ist dann wie ein Weihnachtsgeschenk, ein Luxus.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Christian Thielemann?

NR: Ich habe mich beizeiten mit ihm über das Konzept unterhalten. Und wir waren uns einig, es muss sich etwas Romantisches finden. Und das deckt sich mit meinen Assoziationen, die ich schon frühzeitig mit „Lohengrin“ verband: ein glühender Abendhimmel und keine neuzeitlichen Eskapaden, nichts, was irgendwo in Richtung unserer augenblicklichen Problemzonen weisen würde, jedenfalls nicht in einem vordergründigen Sinne.

RL: Wir hatten die Idee, es relativ traditionell zu gestalten, mit Rundhorizont. Die Techniker konnten sich nicht erinnern, wann das zuletzt gemacht wurde. Und Christian Thielemann war begeistert.

Das Bühnenbild birgt Assoziationen an die flämische Malerei des 17. Jahrhunderts, mitten auf der Bühne sehen wir ein surreales, verlassenes Umspannwerk. Lohengrin trägt eine Montur, die ein Elektriker in den 30er Jahren tragen könnte, wie Sie selbst andeuteten. Viele Figuren haben Flügel. Im Hintergrund ragen schemenhaft Felsen auf, es gibt Blitze, es geht um Licht und Dunkel. Da ist viel Bläuliches, Wasser spielt eine Rolle, Sumpf, Schilf. Eine so unheimliche wie unklare Gemengelage. Wie wichtig ist es Ihnen, diese Unklarheiten im Bühnenbild gerade nicht zu beseitigen?

NR: So wichtig, wie man auch bei der Arbeit an einem Bild unklar bleiben sollte. Wenn man sich einer zu großen Eindeutigkeit befleißigt, dann produziert man Propaganda. Es geht immer um Ambivalenz, immer um das Sowohl-als-auch. Das ist natürlich schwierig in einer Atmosphäre, in der das Entweder-Oder wieder ganz stark im Kommen ist – wer nicht für uns ist, ist gegen uns und so weiter. Wir sind Vertreter des Sowohl-als-auch-Prinzips. Wir mögen das Changieren, das Ambivalente, das nicht mehr Bestimmbare. Das sind die Gründe, aus denen sich die Kunst speist.

Wie ist es für Sie, in Bayreuth zu arbeiten, wo ja auch Abgründe lauern?

NR: Wir sind uns dessen bewusst, dass wir auf einem kontaminierten Feld arbeiten. Wir alle wissen, was hier war, dass hier der Ungeist ein- und ausging. So ist die künstlerischer Arbeit hier auch eine Art Exorzismus.

Und wenn Lohengrin Sie selbst an einen Elektriker aus den 30er Jahren erinnert, sind das dann möglicherweise unbewusste historische Rückkoppelungen?

NR: Natürlich. Man muss sein Sensorium offen lassen, dass man solche Schwebteilchen auffängt, die aus dem Schilfgürtel aufsteigen – die Sumpfblasen, die Sumpfgase, die Irrlichter. Das ist ja das Material, mit dem wir hauptsächlich operieren als Maler – nicht die Schlagzeilen aus der Tagesschau. Wir sind für die Zwischengefilde verantwortlich, für die Dinge, für die wir keine Begriffe finden.

Wie ist „Lohengrin“ eigentlich zu Ihnen gekommen, ruft da irgendwann Katharina Wagner bei einem an, oder wie läuft das?

RL: Es wurde bei einer guten Freundin von uns, die in einem Wagner-Verein ist, vorgefühlt, und dann gab es den direkten Kontakt.

Wofür steht die Figur des Lohengrin?

NR: Er ist der geheimnisvolle Fremde, der auch der Künstler sein könnte. Ein Energielieferant, der am Ende scheitert.

RL: Er muss sich in den Mühen der Ebene bewähren, und das ist das Problem. Aber er trägt dazu bei, dass andere sich entwickeln. Er ist ein Katalysator.

Wie hat sich Lohengrin bei Ihnen in Kopf und Atelier breitgemacht, seit Sie wussten, dass Sie sich auf ihn einlassen würden. Kam da fortan nur noch Wagner aus der Anlage?

NR: Ich habe schon immer Wagner gehört. Ich höre in den letzten Jahren ohnehin überwiegend klassische Musik bei der Arbeit. Alles andere wirkt eher störend, spreizt sich kontraproduktiv in die inspirative Sphäre hinein. Es sind die subtilen Schwingungen, die die klassische Musik aussendet, auf denen auch die Eingebung zu mir gelangen kann. Von daher war der Übergang ein fließender.

Zurück zur „Energieversorgung“: Wie ausgepowert sind Sie jetzt?

RL: Man ist in diesen Tagen voll da, muss teilweise vom morgens um zehn bis abends um zehn dabei sein. Aber man bekommt hier auch ungeheuer viel Energie zurück. Hier greift alles ineinander, man nimmt aufeinander Rücksicht, will gemeinsam etwas schaffen. Die Leute hier denken voraus, das gibt sehr viel Energie.

NR: Wir haben uns hier auch in einem Maße involviert, das vielleicht gar nicht so typisch ist für Bühnenbildner, jedenfalls nicht für Bühnenbildner, die als Seiteneinsteiger in das Geschehen geraten. Ich habe mich in der Anfangsphase, in der ich auch noch einige Bedenken hegte, mal einem Kollegen gegenüber, vom dem ich wusste, dass er auch schon mal ein Bühnenbild gemacht hat, in der Hinsicht geäußert, dass ich nicht wisse, ob ich mir das zutraue. Er sagte dann: Ach, das ist doch ganz einfach. Du entwirfst etwas, gibst es ab, und die machen das dann. Und dann kommst Du irgendwann zur Generalprobe. Es mag sein, dass es viele so handhaben, aber das kam für uns von Anfang an nicht in Frage. Wenn schon, denn schon, habe ich gesagt. Dann sind wir auch von der ersten Minute an dabei. Zudem muss jeder Pinselstrich meinen Intentionen entsprechen. Denn gerade diese Form der Bühnengestaltung, die sich ja auf das klassische Kulissenprinzip gründet, steht und fällt mit der malerischen Qualität. Es kann zum Vorstadtbühnenhaften mutieren, wenn es nicht gut gemacht ist.

Wo ist das Bühnenprospekt eigentlich entstanden?

RL: Es wurde in Leipzig gemalt, in den Theaterwerkstätten. Leipzig war der Ort, wo das überhaupt möglich war.

NR: Die Leinwand war ungefähr so groß wie ein Hockeyfeld.

RL: Man geht dann hoch auf einen Steg und sieht herunter …

Es heißt, Ihr Mann leide unter Höhenangst.

RL: Er hat nur das Bild angeguckt, und dann war alles gut.

NR: Genau.

2016 hat der Lette Alvis Hermanis die Regie für „Lohengrin“ abgegeben. Er hatte unter anderem Angela Merkels Flüchtlingspolitik kritisiert und war deshalb selbst in die Kritik geraten. Wie haben Sie das wahrgenommen?

NR: Ich fand es sehr bedauerlich, dass er abgesprungen ist. Ich sagte ihm, lass uns doch gemeinsam den Shitstorm durchstehen. Aber er wollte uns nicht zu Geiseln seiner Gesamtlage machen, da mussten wir seinen Rückzug dann akzeptieren.

Für ihn hat der Amerikaner Yuval Sharon übernommen. Wie war das, er musste ja ein fortgeschrittenes Konzept übernehmen?

NR: Ein Glücksfall. Er hätte ja alles umwerfen können, aber das tat er nicht. Er schaltet und waltet, wie es ihm und uns gefällt. Er hat offenbar einen bequemen Einstieg gefunden.

RL: Er ist so positiv und optimistisch. Selbst wenn er abends total fertig ist, ist er noch offen und hat Ideen. Er hat großartige Fähigkeit, mit großen Menschengruppen umzugehen, er ist sehr motivierend für alle.

NR: Er hat die kalifornische Sonne.

Gab es eigentlich mal einen Ehekrach über der Arbeit am „Lohengrin“?

NR: Nee.

RL: Es geht ja vor allem darum, sich gegenseitig auf Fehler hinzuweisen, um Korrekturen. Und man wird entspannter, je älter man ist.

Von Jürgen Kleindienst

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