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Der Norden Wie die Stasi einen jungen Höhlenforscher aus Goslar überwachte
Nachrichten Der Norden Wie die Stasi einen jungen Höhlenforscher aus Goslar überwachte
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21:35 03.10.2018
 „Größe: ca. 190 cm, Haar: dunkel, Sonstiges: Backenbart“: Friedhart Knolle war als junger Geologe häufig in der DDR, hier 1983 mit seiner Frau Birgitta in den Ostharzer Rübelandhöhlen. Stasi-Spitzel hefteten sich an seine Fersen. Quelle: S.Kempe/pid
Göttingen

Der Fall der Mauer besiegelte nicht nur das Ende der deutschen Teilung, sondern auch das der Stasi. Jahrzehntelang hatte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR seine Bürger observiert und abgehört – aber auch Westdeutsche gerieten ins Visier des gigantischen Überwachungsapparats. So wie Friedhart Knolle. Die Stasi ließ den Geologiestudent der TU Clausthal in den Achtzigerjahren bespitzeln, weil er regelmäßig in die DDR fuhr, um sich mit Höhlenforschern auszutauschen. Sie schätzte den jungen Forscher, der heute als Sprecher des Nationalparks Harz arbeitet, sogar als so gefährlich ein, dass seine Internierung erwogen wurde. Knolle selbst ahnte davon nichts: „Erst nach der Wende wurde mir klar, wie gefährdet ich damals war.“

Mehr als 200 Seiten hatte die Staatssicherheit über ihn angelegt: Als ein Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde dem 63-Jährigen die Akten vor einiger Zeit zur Einsicht aushändigte, habe der Mann erstaunt gefragt: „So eine dicke Akte über einen Wessi – was haben Sie denn gemacht?“ 1982, so erfuhr Knolle, hatte die Stasi gegen ihn und zwei seiner Kollegen sogenannte Operative Personenkontrollen einleitete. Fünf Inoffizielle Mitarbeiter (IM) wurden als verdeckte Stasi-Spitzel auf Knolle angesetzt. Zeitweilig wurde sogar seine Wohnung in Goslar observiert.

Was den damals 27-Jährigen so verdächtig machte, war sein Forschungsgebiet: Knolle interessierte sich als Geologe und Fledermausschützer für die Beschaffenheit der Höhlen im Harz – auch jenseits der deutsch-deutschen Grenze. Das DDR-Regime stuft die Höhlen als strategisch wichtig ein – schon die Nationalsozialisten hatten Harzer Bergwerksstollen schließlich für die Waffenproduktion genutzt. Die genaue Lage der Höhlen, ihre Beschaffenheit und Nutzung sollte vor dem Westen geheim gehalten werden sollte. Weil sich der junge westdeutsche Geologe Knolle im Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher engagierte und regelmäßig mit Kollegen in der DDR austauschte, hielt die Stasi ihn für einen Agenten der westlichen Geheimdienste. Bis zur Wende im November 1989 wurde Knolle observiert – nicht nur bei seinen DDR-Reisen „Die ihm zugänglichen Informationen sind objektiv geeignet, staatl. Interessen der DDR zu schädigen“, heißt es in den Stasi-Unterlagen.

Dabei waren es Forscherdrang und Abenteuerlust, die ihn immer wieder zu den Besuchen im Ostharz motivierten: „Ich war einfach neugierig, und ich hatte immer den Geologenhammer dabei.“ Die Stasi nahm dagegen an, dass er Kontakt zum Militärgeografischen Dienst der Bundeswehr oder einem anderen feindlichen Dienst hatte und an Geheimwissen gelangen wollte. Um Material über den vermeintlichen Westagenten zu sammeln, versuchte die Stasi, Spitzel unter den Höhlenforschern anzuwerben – zum Teil mit Erfolg. Einer seiner Kollegen, so erfuhr Knolle später, war als Agent für die Hauptverwaltung Aufklärung, die Auslandsspionage der DDR, tätig. „Hätte ich das gewusst, hätte ich die Grenze nicht mehr überschritten“, sagt er heute.

Die Stasi habe sogar versucht, die Frau eines DDR-Kollegen als „weibliche IM mit Feindberührung“ auf ihn anzusetzen, erzählt Knolle. Sie erschien als besonders geeignet, weil sie seiner Ehefrau ähnelte: Die Stasi spekulierte auf einen „Romeo-Effekt“. Die Frau lehnte das Ansinnen ab – und berichtete dem Geologen später von dem Anwerbeversuch.

Einer der auf ihn angesetzten IM vermutete hinter dem regen Austausch mit den DDR-Kollegen eine politische Strategie: Es sei kein Zufall, dass die westdeutschen Höhlenforscher just zu der Zeit die DDR-Kontakte intensivierten, als die Nato die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen beschlossen hatte.

Aus den Stasi-Unterlagen geht hervor, wie „Höhle II“, wie Knolle dort genannt wurde, in der Bundesrepublik bespitzelt wurde. Im November 1987 observierte jemand sechs Stunden lang, von 18 bis 24 Uhr, sein damaliges Wohnhaus in Goslar. Der Bericht vermerkt, in welche Richtung sein Auto geparkt war, und gibt noch eine weitere Beobachtung wieder: „19.25 Uhr ging eine männliche Person aus der 1. Etage des Wohnhauses zum Erdgeschoß. Personenbeschreibung: Größe: ca. 190 cm, Haar: dunkel, Sonstiges: Backenbart.“ „Da hat tatsächlich jemand im kalten November den ganzen Abend hinter der Hecke gestanden, sicherlich sehr gefroren und sah mich den ganzen Abend über offenbar nur einmal durch das Fenster ein Stockwerk tiefer gehen“, sagt Knolle. „Dass ich später wieder hoch und ins Bett ging, entging ihm – oder er hatte die Überwachung schon abgebrochen.“

Ein Stasi-Oberstleutnant warnte explizit vor dem Höhlenforscher. Knolle unterhalte „umfangreiche Verbindungen/Kontakte zu operativ interessanten DDR-Personen, die sich mit der Höhlenforschung und Altbergbau befassen“. Der Geheimdienstler hielt ihn für so gefährlich, dass er sogar anregte, Knolle in Gewahrsam zu nehmen: „Die Ergebnisse der bisherigen Bearbeitung des operativen Komplexes rechtfertigen eine Internierung der Person K., sofern sie sich auf dem Territorium der DDR aufhält.“ Tatsächlich konnte die Stasi jedoch trotz intensiver Beobachtung keine Hinweise auf eine nachrichtendienstliche Tätigkeit entdecken. Im August 1988 kam man zu dem Ergebnis, dass ein „strafrechtliches Vorgehen wegen Geheimnisverrat bzw. der Verletzung anderer Rechtsnormen des Geheimnisschutzes“ bislang nicht möglich gewesen sei. 14 Monate später war die Stasi am Ende – und die Höhlen offen.

Von Heidi Niemann

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