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Der Norden Gaby Lübben steht an der Seite der Opfer-Familien
Nachrichten Der Norden Gaby Lübben steht an der Seite der Opfer-Familien
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15:47 22.08.2018
„Ich habe erstmal gar nicht kapiert, worum es geht“: Rechtsanwältin Gaby Lübben ist seit Jahren mit dem Todespfleger-Prozess befasst. Jetzt vertritt sie fast 100 Nebenkläger. Quelle: Ingo Wagner/dpa
Delmenhorst

Die Rechtsanwältin Gaby Lübben sitzt an einem aufgeräumten Schreibtisch, dunkles Holz, ein Stapel Akten auf der einen Seite. Die schwarze Robe fürs Gericht hängt an einer Garderobe neben ihr. An diesem Tag trägt Lübben Jeans zur karierten Bluse und wirkt nach den Sommerferien sehr entspannt – noch. „Die Anspannung steigt“, gibt sie zu. In zwei Monaten startet der Prozess um die wohl größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. 98 Patienten soll der frühere Krankenpfleger Niels Högel ermordet haben. Fast 100 und damit einen Großteil der 120 Nebenkläger wird Lübben vor Gericht vertreten. Ihr Ziel: Den Opfern eine Stimme geben.

Wenn das Landgericht Oldenburg ab 30. Oktober den Tod der vielen Patienten an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst verhandelt, werden Details aus Patientenakten, Rückstände von Medikamenten und Aussagen von Gutachtern viel Raum einnehmen. Zu dieser notwendigen Faktensammlung möchte Lübben ein Gegengewicht bilden. Denn hinter jedem Opfer steht auch eine persönliche Geschichte. Diese will Lübben vor Gericht erzählen. „Das ist ihnen angemessen“, sagt die 41-Jährige.

Wegen der vielen Nebenkläger und Zuschauer hat die Kammer die Verhandlung in die Weser-Ems-Halle verlegt. 23 Verhandlungstermine bis zum 17. Mai 2019 hat das Gericht bisher anberaumt. Sechs Anwälte werden den Familien der Opfer nach Angaben des Landgerichts zur Seite stehen. Dass der Großteil sich für Lübben entschieden hat, liege an ihrer Erfahrung mit dem Fall, sagt sie.

Wegen des Todes von sechs Patienten am Klinikum Delmenhorst musste sich der Ex-Pfleger schon zweimal vor Gericht verantworten. Seit dem bislang letzten Prozess sitzt er lebenslang in Haft. In dem Verfahren war auch Lübben schon als Nebenklage-Vertreterin dabei.

Als sie damals die Akten auf den Tisch bekam, sei sie fassungslos gewesen. „Ich habe erstmal gar nicht kapiert, worum es geht – wir alle nicht“, berichtet sie. Zu grauenhaft war der Gedanke, dass ein Pfleger seine nichts ahnenden Patienten zu Tode spritzen könnte. Geschockt sei sie vor allem gewesen, als sie realisierte, dass es noch viel mehr als die angeklagten Fälle geben muss.

Im Februar 2000 tötete Högel nach Ansicht der Ermittler zum ersten Mal am Klinikum Oldenburg. Dann wieder und wieder, über Jahre. Erst im Sommer 2005 nahm das Morden ein Ende, als eine Kollegin den Pfleger auf frischer Tat ertappte.

Mit Beginn des jüngsten Prozesses endet für die Familien der Opfer eine lange Zeit des Wartens. „Sie sind froh, dass es voran geht“, sagt Lübben. Doch der Gang vor Gericht, dem mutmaßlichen Täter zum ersten Mal ins Gesicht sehen – das werde für ihre Mandanten nicht einfach. „Ich möchte sie möglichst stark durch den Prozess bringen“, sagt Lübben.

Neben den juristischen Aspekten müssen Nebenklage-Anwältinnen und -Anwälte nach Ansicht von Holger-Christoph Rohne vom Deutschen Anwaltverein auch viel in zwischenmenschlicher Hinsicht leisten. „Das unterscheidet dieses Mandat von anderen.“ Doch ob das bei so vielen Mandanten überhaupt noch möglich ist, bezweifelt er. „Es ist eine Herausforderung“, sagt Lübben. Für den Prozess hat sie deshalb eine Anwältin angestellt, die sie unterstützt.

Seit vielen Jahren arbeitet Lübben ehrenamtlich für den Opferhilfeverein Weißer Ring. Im Gericht werden bis zu sechs Mitarbeiter der Organisation die Nebenkläger betreuen. „Wir sind vor Ort, um die Menschen aufzubauen und zu stützen“, sagt Petra Klein, die die Oldenburger Außenstelle des Weißen Rings leitet. Obwohl Niels Högel schon lebenslang in Haft sitzt, sei der neue Prozess für die Angehörigen nicht verzichtbar. „Die meisten erwarten, dass der mutmaßliche Täter Verantwortung übernimmt. Das ist viel wichtiger für sie als eine Strafe.“

Der Prozess wird die Nebenkläger viel Kraft kosten – aber auch die Menschen, die sich um sie kümmern. „Das ist emotional belastend“, sagt Lübben.

Das enge und persönliche Verhältnis zu ihr hat Christian Marbach als sehr tröstlich empfunden: Sein Großvater gehört zu den Opfern, für deren Tod Högel sich bereits vor Gericht verantworten musste. „Gaby Lübben setzt sich weit über ihre berufliche Arbeit hinaus für die Opfer und Angehörigen ein“, sagt Marbach. Halt findet Lübben bei ihrem Mann und ihren drei Kindern, Ablenkung beim Bogenschießen und Klettern.

Nach dem Urteil, das nächstes Jahr im Mai fallen könnte, kann Lübben nur kurz durchatmen. „Das wird nur ein Etappensieg.“ Danach steht der Prozess gegen vier frühere Kollegen von Högel am Klinikum Delmenhorst und später möglicherweise noch gegen Klinik-Mitarbeiter aus Oldenburg an. Nach Ansicht der Ermittler waren diese trotz Hinweisen auf die Taten nicht eingeschritten. „Die meisten Nebenkläger wollen die Mitarbeiter und Vorgesetzten in Verantwortung sehen“, sagt Lübben. Und auch in diesen Verfahren werden sie jemanden an ihrer Seite brauchen, jemanden wie Gaby Lübben.

Der Fall Niels Högel: Eine Chronologie

1999-2002: Niels Högel arbeitet im Klinikum Oldenburg. Die Ermittler geben später an, dass es schon damals Hinweise auf ungewöhnlich viele tote Patienten und Wiederbelebungen während der Schichten Högels gab. In Oldenburg wird er mit einem guten Arbeitszeugnis verabschiedet.

2002-2005: Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst. Dort kursieren bald Gerüchte, dass die Zahl der Todesfälle während seiner Schichten hoch sei.

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt ihn, als er einem Patienten ein nicht verordnetes Mittel verabreicht. Der Patient stirbt, die Klinik lässt dessen Blut untersuchen. Dennoch wird Högel weder von Vorgesetzten sofort darauf angesprochen noch sofort entlassen. In seiner letzten Schicht tötet er eine weitere Patientin.

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Högel wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.

Juni 2008: Im Revisionsprozess verurteilt ihn das Landgericht Oldenburg zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs.

Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen Högel, der Prozess beginnt im September.

November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei ermittelt. Sie geht inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen nach.

Januar 2015: Högel gesteht vor Gericht etwa 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.

Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Högel wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft.

April 2015: Die Staatsanwaltschaft Osnabrück erhebt Anklage gegen einen früheren Oberstaatsanwalt, der für die Fälle zuständig war. Er soll die Ermittlungen verschleppt haben. Doch weder das Landgericht noch das Oberlandesgericht Oldenburg sehen einen hinreichenden Tatverdacht; es kommt nicht zum Prozess.

Juni 2016: Die Ermittler geben bekannt, dass Högel für weitere Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich sei. Er habe gestanden, auch in Oldenburg Patienten getötet zu haben.

März 2017: Das Landgericht Oldenburg eröffnet das Verfahren gegen zwei ehemalige Oberärzte und eine weitere Leitungskraft aus Delmenhorst. Ihnen wird Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen. Sie hätten von den Taten gewusst, seien aber nicht eingeschritten.

August 2017: Die aktuellen Leiter des Oldenburger Klinikums werfen in einer Stellungnahme ihren Vorgängern vor, die Ermittlungsbehörden nicht rechtzeitig eingeschaltet zu haben.

November 2017: Toxikologische Untersuchungen lassen die Ermittler davon ausgehen, dass Högel für rund 100 Todesopfer in Delmenhorst und Oldenburg verantwortlich ist.

Von Irena Güttel