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Der Norden Vater schüttelt Baby – schwerer Hirnschaden
Nachrichten Der Norden Vater schüttelt Baby – schwerer Hirnschaden
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17:13 16.01.2018
Symbolbild. Quelle: Arne Dedert
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Osnabrück

Äußerlich ungerührt sitzt der Angeklagte neben seinem Anwalt. Graue Freizeitkleidung, Lockenkopf, Dreitagebart. Nur einmal wird der 26-Jährige auffahrend: Als ihm sein Dolmetscher die Anklageschrift übersetzt. Darin wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, im März 2014 seine erst wenige Monate alte Tochter Anna geschüttelt zu haben, als er alleine mit ihr zu Hause war. „Das stimmt nicht, was hier steht“, ruft er zu Prozessbeginn am Dienstag.

Schwere Körperverletzung wirft die Staatsanwaltschaft dem aus Armenien stammenden Mann vor. Seine Tochter Anna ist wegen schwerster Hirnschäden mehrfach gelähmt und in höchstem Maße pflegebedürftig, so die Anklage.

Als der Säugling am 4. März 2014 per Rettungswagen in ein Osnabrücker Kinderhospital kam, bemerkten die Ärzte bei dem noch nicht einmal einem halben Jahr alten Mädchen Einblutungen im Auge und stellten mithilfe einer MRT-Untersuchung schwerste Hirnschäden fest. Das im Oktober 2013 geborene Kind musste intubiert und sediert werden und lag mehrere Monate im Krankenhaus. Die Mediziner schalteten die Polizei ein.

Die 23 Jahre alte Freundin des 26-Jährigen und Mutter des Kindes – mit dem 26-Jährigen ist sie weitläufig verwandt – war zum Tatzeitpunkt Auszubildende zur Einzelhandelskauffrau bei einem Juwelier in Melle. Zurzeit arbeite sie in der Gastronomie, erzählt die schmale, dunkelhaarige Frau. Sie sei an dem Vormittag morgens zur Arbeit gegangen. Mittags habe ihr Freund sie angerufen und gesagt, mit Anna stimme etwas nicht.

Schon einmal ein Verdacht auf Misshandlung

Der Angeklagte sagt dazu nichts. Seine Freundin erzählt, wie er ihr den Fall geschildert habe: Ihr Freund sei mit dem Baby vormittags im Kinderwagen Spazieren gegangen, habe es danach ins Bett gelegt. Als er in der Küche spülte, habe er nicht sofort gehört, dass das Kind schrie, erzählte die Mutter. Dann sei er aufmerksam geworden und habe nach Anna geschaut. Da habe er bemerkt, dass das Kind lethargisch war und seine Augen verdreht hatte und habe sie angerufen. „Ich war hysterisch und bin nach Hause“, erzählt sie. Sie habe sofort den Notarzt gerufen.

Im Lauf der Verhandlung wird klar, dass es schon einmal einen Verdacht auf Misshandlung des Mädchens gab, etwa einen Monat nach der Geburt. Damals habe sie das Mädchen ins Krankenhaus gebracht, weil Blut aus ihrem Mund kam, erzählt die 23-Jährige. Dem Kind sei wegen eines Windzugs eine Tür vors Gesicht geknallt, als der Vater mit ihm durch die Wohnung lief. Ein Arzt stellte damals fest, dass das Mädchen auf beiden Wangen verschiedenfarbige Blutergüsse hatte, sagt der Richter. Das könne nicht von der Tür kommen, stellte er fest.

Anna kam daraufhin zu ihren Großeltern. Hebamme und ein Jugendamt-Vertreter schauten jeden Tag vorbei, berichtet die Großmutter. Ein bis zwei Wochen vor dem zweiten Vorfall kam das Kind wieder zurück zu seinen Eltern. Inzwischen hat die kleine Anna einen Vormund. Das Mädchen befinde sich gerade in einer Kinderklinik und sei in einem heilpädagogischen Kindergarten untergebracht, berichtet die zum Vormund bestellte Frau.

Jährlich bis zu 200 Fälle

 Dass Kinder geschüttelt werden, macht immer wieder Schlagzeilen. Deutschlandweit gibt es pro Jahr etwa 100 bis 200 Fälle, bei denen Säuglinge und Kleinkinder mit Schütteltrauma in Kliniken gebracht werden, sagte eine Sprecherin des Sozialministeriums in Hannover unter Bezug auf Zahlen des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen. Zwischen 10 und 30 Prozent der geschüttelten Kinder sterben. Die große Mehrheit der Fälle werde von Männern verursacht, rund 30 Prozent von Frauen. In der Regel seien die Eltern oder Betreuer der Kinder überfordert – so hielten sie das Schreien von Babys nicht aus oder würden nicht wissen, wie man die Kinder beruhigt.

 „Viel zu wenige Menschen wissen, was Schütteln eigentlich verursacht“ – es könne von der Behinderung bis zum Tod des Kindes führen, sagte die Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, Cordula Lasner-Tietze. Auch Ärzte müssten geschult werden, um gezielter auf Symptome zu achten, die auf ein Schütteln hindeuten. „Die wenigsten Eltern sagen von sich aus, dass sie das Kind geschüttelt haben.“ 

Besonders Stiefväter im Alter um die 25 Jahren hätten oft keine Erfahrung mit kleinen Kindern und könnten schnell überfordert sein. Deswegen seien sie manchmal nicht die geeignete Betreuungsperson, vor allem für Kinder, die sehr viel schreien. „Denn Schreikinder überfordern selbst die geduldigsten Väter und Mütter“, sagte Lasner-Tietze. Hier müssten die Eltern sich professionelle Hilfe holen.

Von Elmar Stephan

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