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Der Norden Ein Dorf plant seine Zukunft
Nachrichten Der Norden Ein Dorf plant seine Zukunft
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17:55 26.09.2018
Täglich im Einsatz: Bürgermeister Hermann Holsten und Nils Blödorn, Jana Hoops und Cord Trefke (von links) vom Organisationsteam. Quelle: Gabriele Schulte
Bötersen

Die Euphorie klingt spürbar mit, wenn die Menschen in Bötersen (Kreis Rotenburg) von ihren Aktionen und Plänen erzählen. Cord Trefke und einige Mitstreiter haben sich am Nachmittag wie so oft unter den uralten Hofeichen in der Ortsmitte getroffen, der Versicherungskaufmann zeigt auf einen Klinkerbau. „Das wird unser Einkaufs- und Kommunikationszentrum“, sagt er und strahlt. Noch braucht es Fantasie, sich in dem früheren Kaufmannsladen wieder Leben vorzustellen. Seit einem Jahr sind die Rollläden heruntergelassen, der Kaugummi- und der Zigarettenautomat an der Außenwand leer. Doch wenn alles nach Plan läuft, ist es schon im Frühjahr so weit. Sogar Geld abheben soll man dann im Dorf wieder können.

Beim diesjährigen Wettbewerb Unser Dorf hat Zukunft ist die Gemeinde als einer drei besten im Land gekürt worden. Das Bestreben der Bötersener, einen Dorfladen zu gründen, hat wesentlich dazu beigetragen. Der Sieg auf Landesebene hat die Begeisterung vor Ort weiter verstärkt: Mitte August wurde die Laden-Genossenschaft gegründet, und schon 130 Menschen aus den drei beteiligten Dörfern Bötersen, Höperhöfen und Jeerhof mit insgesamt nur rund 1000 Einwohnern haben Anteile zu mindestens 250 Euro gezeichnet. 40.000 Euro Eigenkapital sind schon zusammengekommen. Die Bewohner haben, unabhängig vom Gemeinderat, dieses und sämtliche anderen Dorf-Zukunft-Projekte selbst angeregt und ehrenamtlich in die Hand genommen.

Mittagstisch und Mittsommer

Jana Hoops vom derzeit fast täglich aktiven Organisationsteam erzählt von viel Erfolgreichem, was so entstanden ist: Mittsommerfeste, Bollerwagen-Sternfahrten zum Grünkohlessen, offener Mittagstisch für alle, Begrüßungskomitee für Neubürger ... Die 27-Jährige ist nach dem Studium in Hildesheim in ihr Heimatdorf zurückgekehrt und unterrichtet dort Grundschüler. „Die Gemeinschaft hier ist einfach toll“, schwärmt die junge Frau. Im Team kennt man sich seit Kindertagen: von der Landjugend, aus dem Sport- und dem Schützenverein und der Feuerwehr. In den Arbeitsgruppen im Rahmen des Wettbewerbs, sagt Hoops, seien aber auch Zugezogene aktiv.

Eins wird in Bötersen deutlich: Die Bewohner können und müssen selbst dazu beitragen, dass ihr Dorf Zukunft hat. Die Leute hier sind dazu entschlossen. So nutzen etwa die Vereine das Traditionsgasthaus, statt sich sich mit Bier aus einem Getränkemarkt in einem Dorfgemeinschaftshaus zu versammeln –schließlich soll die Gaststätte erhalten bleiben. Auch die immerhin 93 Unternehmer in der Gemeinde treffen sich dort neuerdings –zu einem Stammtisch, der das Ziel hat, sich gegenseitig bei der Vergabe von Aufträgen im Auge zu haben. Eine Arztpraxis gibt es in der Gemeinde nicht mehr; Ehrenamtliche steuern einen Bürgerbus bis nach Rotenburg, um vor allem im Dienste wenig mobiler Senioren das eher dünne Linienbusnetz zu ergänzen.

Viele Beispiele mehr ließen sich nennen, wie sie ähnlich in manch anderem beim Zukunftswettbewerb erfolgreichen Dorf zu finden sind. Doch Bötersen ist nicht irgendein Dorf. Das Thema Zukunft ist hier auch mit der Diskussion um Energie und Umwelt verknüpft. Die Gemeinde liegt im größten Erdgasfördergebiet Deutschlands. Seit Jahren wird über mögliche Nebenwirkungen diskutiert: Erdbeben, Krebs, Trinkwasserverseuchung.

Pastoren beten um „Frack-loses Gasbohren“

Zwei Kilometer vom Dorf entfernt haben sich an diesem Nachmittag vier Männer versammelt, die Bötersens Zukunft ebenfalls umtreibt –auch wenn sie an Unser Dorf hat Zukunft nicht beteiligt sind. Die Mitglieder der Bürgerinitiative Frack-loses Gasbohren und zwei Pastoren aus umliegenden lutherischen Gemeinden stehen an der umstrittenen Bohrstelle Bötersen Z 11. Gebohrt wird hier zurzeit nicht, doch Exxon Mobil hat 2011 angekündigt, von dieser Stelle aus schräg unter der Erde bis zum Ort Bötersen fracken zu wollen. Der Konzern würde also gern mithilfe von hohem Druck, Wasser und Chemikalien das Gas aus dem kalkigen Boden lösen und fördern. Im Moment liege weder hier noch irgendwo sonst in Niedersachsen ein Fracking-Antrag vor, versichert das Landesbergbauamt.

 „Aber jetzt schon ist durch das Verpressen von Lagerstättenwasser Lebensraum gefährdet“, sagt Dietmar Meyer, Pastor am Samtgemeindesitz Sottrum. Solche „Gewalt an der Erde“ wollen er und einige Kollegen sichtbar machen –und die Gefahren, die es im Übrigen sogar erschwerten, in der Region Stellen zu besetzen. „In diese Gegend will nicht jeder ziehen“, sagt Meyer. Einmal im Monat veranstaltet der kirchliche Arbeitskreis neuerdings Rotenburger Gebete an Bohrstellen. Zu den Teilnehmern gehören, wie Meyer erzählt, auch mittlerweile besorgte Bauern, die vor Jahrzehnten ihr Land gern der Gasindustrie gegen viel Geld zur Verfügung stellten. Eine Aufteilung in Freund und Feind gibt es in den Dörfern nicht.

„Gesunde dörfliche Strukturen kann auch ein Thema wie Fracking nicht kaputt machen“, meint der FDP-Landtagsabgeordnete Jan-Christoph Oetjen aus Sottrum. Das habe sich schon im Nachbarort Waffensen gezeigt, der mehrfach beim Dorfwettbewerb erfolgreich war. Waffensens Bürgermeister Hartmut Leefers berichtet von Erfahrungen und Kontakten, von denen der 850-Einwohner-Ort bis heute profitiere. „Man lernt Geduld zu haben“, sagt er. Nicht zuletzt ein aus dem Wettbewerbsleitbild entstandener Dorfentwicklungsplan helfe, Arbeitsplätze, Zuzugswillige und bald wohl auch eine Sozialstation in den Ort zu holen.

Die Erdgasindustrie steht auch der Waffenser CDU-Politiker mittlerweile skeptisch. Beim Rotenburger Gebet erinnerte Leefers kürzlich an die anfängliche „Goldgräberstimmung“ in der Region: „Erdgasförderzins und Steuereinnahmen waren die Triebfedern, die die Sensibilität für Risiken in den Hintergrund treten ließen.“ Es habe „vielleicht zu lange“ gebraucht, bis sich das Bewusstsein geändert habe. Im Rotenburger Kreistag leitet Leefers außer dem Ausschuss für den Dorfwettbewerb auch die Arbeitsgruppe Erdgas- und Erdölförderung. Sowohl der CDU-dominierte Landkreis als auch die betroffenen Gemeinden haben Anti-Fracking-Resolutionen verfasst, die die Angst vor Chemie im Trinkwassergebiet „Rotenburger Rinne“ zum Thema machen.

Bötersen hat von Gasindustrie finanziell profitiert

Bötersens Bürgermeister Hermann Holsten (CDU) hat einen solchen Beschluss mitgetragen „Aber mir persönlich ist da nicht bange,“ sagt er, bevor er sich vom Treffen mit dem Organisationsteam auf den Rückweg zu seinem Schweinemastbetrieb macht. Wenn Exxon Mobil in fast fünf Kilometer Tiefe bis an den Ortsrand fracken würde, wird seiner Ansicht nach „nichts wackeln“. Von Erdbeben, die durch die Gasförderung auch in den benachbarten Landkreisen Verden und Heidekreis ausgelöst wurden, war Bötersen bisher so gut wie nicht betroffen. Der Bürgermeister hebt hervor, dass der Ort von der Energiebranche sehr profitiert habe: „Die Gemeinde hat keine Schulden. Null,“ Sie habe in den „guten Jahren“ ohne Fremdfinanzierung den Kindergarten bauen können, der hat 50 Plätze.

Holstens Parteifreund Cord Trefke vom Wettbewerbs-Team erinnert sich, dass auch die Vereine an der Gasindustrie früher ihre Freude hatten. Wer ein Projekt finanziert haben wollte, sei stets unterstützt worden. Über das Thema spricht der 43-Jährige nur zögernd. „Heute ist man schon besorgt, dass mit Fracking was ins Trinkwasser kommen könnte“, sagt er und scharrt die Eicheln unter seinen Turnschuhen hin und her. Das ändere aber nichts daran, dass Bötersen ein Dorf mit Zukunft sei.

Als Trefke wieder auf den Wettbewerb zu sprechen kommt und den genossenschaftlichen Dorfladen, kehrt die Begeisterung in seine Stimme zurück. Mancherorts wurden solche Hoffnungen nicht erfüllt, weil Kunden doch lieber zum Discounter fuhren. Andernorts klappte es aber doch. Die Leute in Bötersen haben sich für die Planung, unter anderem der großzügigen Öffnungszeiten, professionelle Hilfe geholt, einen Fachmann für Dorfläden. „Bei uns wird es funktioniere, da stehen die Leute dahinter“, sagt Trefke – so überzeugt, dass man ihm gerne glaubt.

Von Gabriele Schulte

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