Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Zu Besuch beim Schleusenwärter

Aller Zu Besuch beim Schleusenwärter

Sparzwang und Naturschutz haben den Beruf von Schleusenwärter Jörg Bresch stark verändert. Statt in der Dienstwohnung mit Flussblick auf Boote zu warten, pendelt er im Caddy zwischen den vier Staustufen der Aller: Oldau und Bannetze im Kreis Celle, Marklendorf und Hademstorf im Heidekreis.

Voriger Artikel
Fanforscher lehnt Freigabe von Pyrotechnik ab
Nächster Artikel
Polizei fasst flüchtigen Sexualstraftäter

„Ich mache Oberwasser“: Jörg Bresch ist Schleusenwärter an der Aller geworden, weil ihm die Arbeit seines Onkels so gut gefiel.

Quelle: Clemens Heidrich

Oldau. Es gluckert. Es brodelt. Kräftige Strudel treiben den Wasserspiegel in der Schleusenkammer nach oben. Per Fingerdruck auf den Knopf „Schütz auf“ hat Jörg Bresch einen Tunnel geöffnet, der das Niveau zweier benachbarter Becken angleicht. „Ich mache Oberwasser“, sagt der Schleusenwärter. „Für die ,Wappen von Celle‘.“ Das Linienschiff auf dem Weg Richtung Verden ist das einzige auf der Aller, das in Oldau (Kreis Celle) diesen Service genießt. Freizeit-Skipper dagegen müssen Schütz und Schleusentore inzwischen selbst bedienen. Bresch lacht, als er davon erzählt: „Frauen kriegen das super hin, weil sie die Anleitung lesen. Die Kerle geben sich damit nicht ab und rufen sofort den Schleusenwärter an.“

Er müsse dann telefonisch Tipps geben oder gleich mit dem Auto nach Oldau kommen. 450 Autokilometer Strecke am Tag, sagt der 52-Jährige, seien normal. Die Selbstbedienung und andere Sparmaßnahmen der letzten Jahre haben den Beruf des Schleusenwärters gründlich verändert. Statt in der Dienstwohnung mit Flussblick auf Boote zu warten, pendelt er im Caddy mit Allradantrieb, Kennzeichen „BW“ (Bundes-Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung) zwischen den vier Staustufen der Aller hin und her: Oldau und Bannetze im Kreis Celle, Marklendorf und Hademstorf im Heidekreis. Er kontrolliert die Pegel, stellt die Wehre je nach Wasserstand neu ein.

Seit Ende der Sechzigerjahre gibt es auf der Aller keine gewerbliche Schifffahrt mehr. Der Fluss blieb aber Bundeswasserstraße und wird bis heute aufwendig schiffbar gehalten. Das Bundesverkehrsministerium will die Aller aufgeben, hat die Pläne nach erheblichen Protesten aber nicht umgesetzt. Anrainerkommunen und Landwirte befürchten, der Abbau der Staustufen könnte die längst daran angepasste Landschaft allzu drastisch verändern. Für die Schleusen und Wehre gibt es eine Bestandsgarantie, die nur solange gilt, wie sie durch Sanierung erhalten werden können.

Die Aller soll ein Vorbild sein

Für den 112 Flusskilometer langen Abschnitt zwischen Celle und Verden haben Bund, Land, Anliegerkommunen, Angler, Wassersportler und der Naturschutzbund Nabu vor Kurzem eine neue Rolle gefunden: Die Aller wird zum „Blauen Band“, zum ökologisch aufgewerteten Freizeitgewässer. Zusammen mit der Lahn in Hessen soll die Aller nun Vorbild für die Neuorientierung weiterer Bundeswasserstraßen werden. Nur noch die Hälfte des bundesweiten Netzes wird von Güterschiffen genutzt.

Naturschützer haben schon damit begonnen, Altarme der Aller wieder mit dem Fluss zu verbinden. Auch der Alltag von Jörg Bresch ändert sich damit wieder ein Stück weit. Als Wasserbauer arbeitet er bei der Uferbefestigung mit. „Wir machen das inzwischen mit Weidenpflanzen“, erzählt er. Die Zeit der Plastikfolien plus Sandstein sei vorbei. Sie erschwerten Brutvögeln das Leben am Ufer. Der Schleusenwärter liebt die Abwechslung, die sein Beruf bringt: Holzarbeiten und Rasenmähen gehören dazu wie der Plausch mit Fußgängern und Radfahrern, die die Wehre und Schleusen passieren.

Der gelernte Zimmermann kam über einen Umweg als Fassadenbauer zur Wasser- und Schifffahrtsverwaltung. „Mein Onkel war Schleusenwärter in Oldau“, erzählt er. Der habe damals allein die Anlage bedient, an der er auch wohnte. Inzwischen arbeitet das Team der in Verden ansässigen Regionalverwaltung abwechselnd die 35 Flusskilometer zwischen den Staustufen ab - wobei der Schleusenwärter nur noch in Marklendorf mit hohem Kraftaufwand selbst das Schütz hochkurbeln muss.

Die Mitarbeiter können sich auch auf feste Arbeitszeiten verlassen. Nach einer Woche im Schleusendienst, von 7.30 bis 18.30 Uhr, mit Nachtbereitschaft, übergibt Gersch an einen Kollegen und hat die nächste Woche komplett frei. „Gleich Feierabend“, sagt der Familienvater und guckt auf die Uhr. Schnell räumt er noch eine Säge zur Seite und fegt die Werkstatt aus.

In der Freizeit fährt der Schleusenwärter gern ab und zu auf der „Wappen von Celle“ mit. „Vom Deck aus sieht man alles mal von einer ganz anderen Seite.“

Früher Klönschnack, heute Fernbedienung

22 Schleusen befinden sich an Kanälen des Landes, wie dem Hadelner Kanal, dem Großefehnkanal und dem Ems-Jade-Kanal. Auch diese Gewässer spielen vorwiegend für den Freizeitverkehr eine Rolle. Am Ems-Jade-Kanal werden nach Angaben des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) jedes Jahr rund 5000 Schiffe registriert.

Die Zeiten, in denen sich jeweils ein Schleusenwärter um eine Anlage kümmerte, sind auch beim Landesbetrieb vorbei. Schon seit 2003 werden von Haren im Emsland aus drei Schleusen am Haren-Rütenbrock-Kanal mithilfe einer Kamera per Fernbedienung gesteuert. Eine ähnliche Fernüberwachung findet bei der Kesselschleuse in Emden statt.

Die in Europa einzigartige Rundkammerschleuse verbindet vier Wasserstraßen und gleicht ihre unterschiedlichen Wasserstände aus: Ems-Jade-Kanal, Emder Stadtgraben, Fehntjer Tief und Rotes Siel. Der Schleusenbetrieb aus der Ferne funktioniere problemlos, sagt NLWKN-Sprecher Achim Stolz. „Bloß waren früher Leute da, mit denen man einen Klönschnack halten konnte.“ Das gehe bei einer Fernsteuerung so nicht mehr.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der Norden
24. Juli 2017 - Alev Doğan in Allgemein

Es gibt eine Wahrheit, vor der auch ich mich schon lange drücke. Eine, die auszusprechen weh tut: Um die Türkei steht es im Moment nicht gut. Ach was, um die Türkei steht es im Moment miserabel.

mehr