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Was geschah wirklich in Munster?

Toter Soldat Was geschah wirklich in Munster?

Bevor Rekruten reihenweise kollabierten, mussten sie einen Strafmarsch absolvieren – aber erklärt das den Tod eines der Soldaten? Das Verteidigungsministerium wirkt ratlos, die Bundeswehr mauert.

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Quelle: dpa/Symbolbild

Es ist ein Dokument der Hilflosigkeit, das dem Verteidigungsausschuss im Bundestag am Donnerstag überreicht wurde. Es enthält die vorläufigen Erkenntnisse der Bundeswehr zum Tod eines Offiziersanwärters in Munster im Heidekreis, und die sind wenig erhellend – sie werfen sogar mehr Fragen auf, als dass sie Antworten liefern. Auch vier Wochen nach seinem Zusammenbruch ist noch immer nicht klar, warum genau der Rekrut nach einem Ausbildungsmarsch gestorben ist.

Ebenso liegt im Dunkeln, warum an dem warmen Juli-Tag weitere Soldaten kollabierten, das Bewusstsein verloren, über Übelkeit klagten. „Die genauen Ursachen, die zum Tod des Offiziersanwärters und zu den schwerwiegenden medizinischen Symptomen weiterer Soldaten führten, konnten bisher nicht aufgeklärt werden“, schreibt der Parlamentarische Staatssekretär bei Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), Markus Grübel. „Insbesondere“ gebe es „keine stichhaltige Erklärung“ für die „Auffälligkeiten dieses Ausbildungstages“.

Es gibt viele Auffälligkeiten. Am 19. Juli waren gleich mehrere Offiziersanwärter bei der Übung im Gelände kollabiert. War zunächst nur von vier Offiziersanwärtern in der Panzertruppenschule die Rede, spricht das Ministerium inzwischen elf Soldaten, die an dem Tag mit unterschiedlichen Beschwerden behandelt werden mussten, darunter auch leichtere Verletzungen. Nach ersten Untersuchungen hatten etliche Soldaten einen Hitzschlag erlitten – obwohl es bei Temperaturen von knapp 28 Grad nicht besonders warm war. Andere klagten über Verletzungen, weil sie offenbar gestürzt waren.

„S1“ ist tot

Waren Drogen im Spiel? Das Ministerium bestreitet das. Tragen die Ausbilder eine Mitschuld? Die Truppe mauert. Was hat es mit einer Blutvergiftung des toten Rekruten auf sich? Laut dem Obduktionsbericht für die Staatsanwaltschaft in Lüneburg führte diese Sepsis zu einem mehrfachen Organversagen und so zum Tod des Rekruten, dessen Identität von der Bundeswehr sorgfältig geheim gehalten wird.

Im Untersuchungsbericht wird er nur „S1“ genannt. Doch warum ist ein weiterer Soldat – „S4“ – so krank, dass er seit dem unheilvollen Tag in der Heide auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg mit dem Tod ringt? Er hatte sich kurz vor Ende des Ausbildungsmarsches „benommen sowie nicht mehr ansprechbar“ gezeigt und war schließlich zusammengebrochen.

Haben die Ausbilder die Rekruten, die erst seit wenigen Wochen bei der Truppe waren, zu hart rangenommen? Die Soldaten „S2“ und „S3“ kamen ebenfalls ins Krankenhaus. Sie wurden inzwischen entlassen, befinden sich aber in einer Reha – sie hätten eine „Anschlussheilbehandlung von drei bis sechs Wochen Dauer“ angetreten, wie Staatssekretär Grübel schreibt.

Sechs Kilometer Strafmarsch

Offenbar wurden die Rekruten von ihren Ausbildern dafür bestraft, dass sie einen Teil ihrer Ausrüstung in der Kaserne vergessen hatten, so auch der tote Rekrut. Unmittelbar vor seinem Tod wurde er mit mehreren Kameraden zurück in die Kaserne geschickt. Mehr als 25 Soldaten hätten zusätzlich zum geplanten Übungsmarsch „eine Strecke von insgesamt circa sechseinhalb Kilometern, streckenweise im Laufschritt“ absolvieren müssen. Einige mussten während des Strafmarsches außerdem „ergänzend Liegestütze absolvieren“. Insgesamt mussten die Rekruten an dem Tag zwölf Kilometer weit marschieren, statt der ursprünglich geplanten sechs Kilometer. Der Tote Soldat war laut dem Bericht allerdings schon nach drei Kilometern zusammengebrochen. Zehn Tage später starb er. Eine Rekrutin war im weiteren Verlauf mehrfach nicht ansprechbar. Warum die Ausbilder den Marsch nicht abbrachen, ist unklar.

Das Bundesverteidigungsministerium wies am Freitag die Vermutung zurück, der Strafmarsch könne die Ursache für die dramatischen Entwicklungen am 19.   Juli gewesen sein. „Es gibt im Moment keine große Hauptursache, auf die man dieses tragische Gesamtgeschehen zurückführen kann“, sagte ein Sprecher. Er warnte davor, „voreilige Schlüsse“ zu ziehen. Die Staatsanwaltschaft und Bundeswehrexperten ermittelten weiter in alle Richtungen. „Das ist ein großes Puzzlespiel. Entscheidende Puzzleteile fehlen noch.“

Die Ausbilder schweigen

Acht Ausbilder und 35 Offiziersanwärter seien bereits vom Kompaniechef zu dem Fall vernommen worden, berichtet Staatssekretär Grübel. Der Kompaniechef leitet die internen Ermittlungen der Bundeswehr. Andere Beteiligte wiederum konnten noch nicht vernommen werden, ein Rekrut zum Beispiel nicht, weil er den Dienst wieder quittiert hat. Bei ihren Untersuchungen stoßen die Ermittler aber offenbar auch auf Schweigen in der Truppe. Wie der „Spiegel“ berichtet, verweigern mehrere Ausbilder die Vernehmung. Sie sollen krankgeschrieben sein. Verschweigen die Ausbilder etwas, das sie belasten könnte?

Auch die Staatsanwaltschaft in Lüneburg ist mit dem Fall befasst und prüft, „ob jemandem ein strafrechtlich relevanter Vorwurf zu machen ist, insbesondere ob möglicherweise fahrlässige Tötung oder fahrlässige Körperverletzung in Betracht kommen könnten“, sagte Oberstaatsanwältin Angelika Klee am Freitag. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung gegen unbekannt.

Der Linken-Verteidigungspolitiker Alexander Neu forderte Bundeswehr und Verteidigungsministerium auf, die Vorgänge „transparent“ aufzuklären und auf „Verharmlosungen“ zu verzichten. Er habe in einer ersten Unterrichtung gefragt, ob der Marsch mit Laufintervallen oder anderem ergänzt worden sei. Das sei „mit einem unverschämten und höhnischem Unterton verneint“ worden. „Es hat den Anschein, dass wesentlich mehr stattgefunden hat als ein einfacher Marsch“, sagte Neu.

Die Eltern des toten Soldaten waren vor zehn Tagen auf eigenen Wunsch in der Panzertruppenschule. Fünf Tage, bevor ihr Sohn beerdigt wurde. Auch das hat Grübel notiert.

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