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Der Norden Warum eigentlich Gedichte?
Nachrichten Der Norden Warum eigentlich Gedichte?
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00:27 21.06.2018
Auch eine Form von Dichtung: Die Verdichtung. Die Stopfmaschine der Bahn hebt die Gleise an, rammen den Schotter unter die Gleise und verdichtet das Material. Hier gilt: Rüttelsteine statt Schüttelreime. Quelle: Daniel Junker
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Hannover

Der Maler Francis Picabia hat im Laufe seines Schaffens mehrfach seinen Arbeitsstil verändert. „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, hat er gesagt – ein Satz, der eigentlich von einem Dichter hätte stammen müssen. Denn in keiner Kunstform muss man auf so kurze Distanz so offen für das Hakenschlagen der Gedanken und Gefühle sein, wie in der Lyrik.

Beispiel? „in einem februar, im winter vor einem frühjahr, in dem mein vater starb, vor einem sommer, in dem mein kind kam, ist mir ein schwan im haff festgefroren.“ Schreibt Katharina Schultens, 1980 geborene Berliner Lyrikerin, die in Hildesheim studiert und unter anderem den Leonce-und-Lena-Preis bekommen hat. Ein paar Strophen weiter notiert sie: „ich atme sein wesen ein, wenn ich schreibe, ich atme es aus. ich bin ein chor, der sich einsingt, und ein raum, der hallt. ich bin unzählig und nicht vorhanden. ich spreche mit euch: ich bin mein monster und ihr seid seine variationen.“

Eine Existenz in einer Handvoll Zeilen. Katharina Schultens gehört zu den zeitgenössischen Lyrikern, die das Dichten aus der marginalisierten Grauzone, in der es für Jahrzehnte in Deutschland gesteckt hat, allmählich wieder rausholen. Schultens neues Buch heißt „Untoter Schwan“ (erschienen bei Kookbooks), der zitierte Text ist nicht mal in Verse zerlegt, aber er ist trotzdem ein Gedicht. „Dichten“ steht für „verdichten“, für Komprimierung und Konzentration: Alles wird intensiver.

Gedichte zu schreiben war früher eine hohe, sehr geschätzte Kunst, dann wurde es was für Spinner und für Leute, die keine hitparadentaugliche Musik zu ihrem Geschreibsel hinzuerfinden konnten. Das lag aber nur zum Teil an jenen lehrplanfixierten Deutschlehrern des 19. und 20. Jahrhunderts, die ihren Zöglingen bloß die in den Standardwerken vorgegebenen Interpretationen zubilligen wollten und zudem noch glaubten, man könne Lyrik in einen Schüler hineinstopfen wie Paragrafen in einen Juristen. Es lag, paradoxerweise, auch an der Lyrik selbst. An ihrem Freiheitsdrang.

Nach dem Korsett von Stabreim und Endreim und Daktylus und Sonett setzten sich in der Moderne lose (manchmal auch haltlose) Verse und reimfreie Formate durch. Mit der allgemeinen Politisierung ging oft auch eine Profanisierung einher, weil die Kunst einem Zweck unterstellt wurde. Man muss nur Erich Frieds Liebesgedichte mit seiner politischen Lyrik vergleichen – ein freier Fall, manchmal bis hinab zum Flugblattdeutsch.

Zugleich entwickelte sich ein Hermetismus, der zu Texten führte, die man weder lesen noch vorlesen, geschweige denn verstehen konnte. Alles große freie Kunst. Aber die Freiheit hatte zu neuen, anderen Mauern geführt, die die Leser fernhielten.

Inzwischen sind diese Mauern aufgebrochen. Als Beispiel mag – sehr subjektiv ausgewählt – eine Dichterin wie Caroline Hartge gelten, Jahrgang 1966, aus Garbsen. Sie hat ihrer beeindrucken Bücherliste unlängst ein schmales Heft hinzugefügt, „Spur von Licht“, erscheinen in der Edition Michael Kellner im Blaubuch-Verlag Hamburg. Caroline Hartges Dichtung betrachtet die Welt durch ein Brennglas, das scharf und mild zugleich ist, analysierend und sanft: „nimm eine liebe schöpfe / sie aus bis auf den grund“, heißt es in einem titellosen Text: „geduld zu erde / gleichmut zu asche / gleichgültigkeit zu staub. // du bist in mir verschüttet“.

Oder Andreas Altmann aus Berlin, der gerade wieder ein neues Buch im Poetenladen-Verlag vorgelegt hat: „Weg zwischen wechselnden Feldern.“ Altmann, 1963 in Hainichen in Sachsen geboren, breitet darin das Universum einer melancholischen Natur aus: „im nebel liegt der himmel dem wald / zu füßen“. Oder: „ausgebreitet liegen die nächte wach.“ Altmann erzählt Geschichten, in denen sich die Emotionen auf ihrem Weg von einem Menschen zum anderen in Flora und Fauna und ins Sternenzelt eingraben.

Was sich alles in der zeitgenössischen Lyrik tut, kann man sich in Hannover in dieser Woche besonders gut im Literaturhaus begucken: Dort findet am Mittwoch das Lyrikfest „Gegenstrophen“ statt. Eine Gegenstrophe ist das, was im griechischen Drama auf die Strophe folgt; der Chor, der sich bei Letzterer in die eine Richtung bewegt hat, bewegt sich bei Ersterer in die andere. Neudeutsch nennt man so was Performance. Kreativschreibstudenten aus Hildesheim werden dabei sein bei der Lyrikpräsentation jenseits der Wasserglaslesung, aber auch arriviertere Gäste: Christian Uetz, José F. A. Oliver und Ulrike Almut Sandig.

Vor allem die 1979 in Großenhain geborene Pfarrerstochter Sandig steht für ein Konzept von Lyrik, dass die Grenzen der Texte durch Musik und Geräusche zu Sprechkonzerten aufweitet, um dann wieder in den Kern der Buchstaben zurückzukehren. Etwa bei den Versen aus ihrem letzten Buch (erscheinen bei Schöffling), bei dem schon der Titel ein Gedicht ist: „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“. Die Gedichte kommen leichtfüßig daher und gewinnen durch die Transformation eines Bildes in ein anderes an Tiefe – „seht ihr mein kurz geschnittenes Haar? ich lass es / flattern im Winde. ich bin ein Text, der zum Ende hin / ausfranst“ – und kippen dann in einen Assoziationsozean, in dem es mit Schießbefehl und Kriegsgericht und Rapunzel weitergeht.

Rapunzel? Rapunzel. Der Kopf ist rund.

Das Lyrikfest „Gegenstrophen“ beginnt am Mittwoch, 20. Juni, um 19 Uhr im Literaturhaus Hannover, Sophienstraße 2.

Von Bert Strebe

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