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Der Norden Gericht wertet tödlichen Taxi-Unfall als  Mord
Nachrichten Der Norden Gericht wertet tödlichen Taxi-Unfall als  Mord
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10:23 22.02.2018
Bei diesem Frontalzusammenstoß mit dem gestohlenen Taxi starb ein junger Mann. Quelle: Foto: dpa
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Hamburg

Fast surreal – so empfand ein Zeuge die tödlich endende Flucht eines Taxidiebs vor der Hamburger Polizei. Mit mehr als 100 Stundenkilometern war das unbeleuchtete Taxi am frühen Morgen des 4. Mai 2017 an dem Autofahrer vorbeigeprescht. „Der Zeuge hat den Angeklagten mit einem Weißen Hai verglichen, der plötzlich aus der Tiefe kam“, erklärt der Vorsitzende Richter der Großen Strafkammer am Landgericht Hamburg.

Wenige Minuten später habe der 25-Jährige aus Litauen mit mehr als 160 Stundenkilometern ein anderes Taxi frontal gerammt. Ein 22 Jahre alter Fahrgast starb, ein weiterer Passagier und der Taxifahrer wurden schwer verletzt. „Wir haben es hier mit dem vorsätzlichen Werk eines maximal rücksichtslosen Täters zu tun“, stellt Richter Stephan Sommer am Montag fest. Das Urteil: lebenslange Haft wegen Mordes.

In jener Nacht sei der Litauer auf Diebestour unterwegs gewesen – wieder einmal, rekapituliert Sommer den Tatablauf. Eine Vorstrafe wegen Autoaufbrüchen und Hehlerei hatte der Angeklagte zuvor schon kassiert. Er brach das Taxi mit Handschuhen und professionellem Werkzeug auf und entdeckte den Zündschlüssel in der Mittelkonsole. Der 25-Jährige habe der Versuchung nicht widerstehen können und sei losgefahren, obwohl er betrunken war und weder Führerschein noch Fahrerfahrung hatte.

Die stockende Fahrweise und das bei noch nächtlicher Stunde unbeleuchtete Taxi sei einem Zeugen aufgefallen. Er habe versucht, den Angeklagten zu warnen, und sei ihm gefolgt. Doch der Taxidieb habe in einem Wohngebiet von Hamburg-Barmbek Vollgas gegeben und sei über eine rote Ampel gefahren. Da habe der Zeuge die Verfolgung aufgegeben.

Ein Streifenwagen mit Blaulicht übernahm. Doch der Litauer habe sich entschieden, seine Flucht konsequent fortzusetzen. Er raste über eine weitere große Kreuzung, an der die Ampel nur zufällig gerade auf Grün schaltete. Eine Videosimulation der Fahrt für das Gericht habe gezeigt: „Wer das macht, der hat schon einmal dem Tod ins Auge gesehen“, sagt Sommer.

Kurz vor der Binnenalster beschleunigt der Autodieb auf Tempo 160. Es geht quer über den Glockengießerwall, haarscharf vorbei an einem Wagen mit sechs Bauarbeitern.

Dann lenkt der 25-Jährige das Taxi auf die Gegenspur des Ballindamms, dessen Richtungsfahrbahnen deutlich getrennt sind. „Nach Überzeugung der Kammer wusste der Angeklagte sehr genau, was Sache war“, betont der Richter. Auch ein ortsunkundiger Mensch ohne Führerschein müsse davon ausgehen, dass es gegen vier Uhr morgens in Hamburg schon Verkehr auf den Straßen gebe.

Der Angeklagte habe aber noch mal beschleunigt, auf 163 oder 164 Stundenkilometer, wie aus Gutachten hervorgehe. Sekunden später kommt es zu dem verheerenden Zusammenstoß mit dem Großraumtaxi eines 57 Jahre alten Fahrers. Dessen 22 Jahre alter Fahrgast – ein Barkeeper, der gerade erst eingestiegen war – erleidet so schwere Kopfverletzungen, dass er noch am Unfallort stirbt. Ein weiterer Fahrgast und der Taxifahrer kommen mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus. Der Unfallfahrer habe versucht, weiter zu flüchten, trotz zweier Beinbrüche, sagt Sommer.

Für die Strafkammer ist klar: Das war Mord, zweifacher versuchter Mord und zweifache gefährliche Körperverletzung. „Der Angeklagte billigte den Tod anderer – möglicherweise auch den eigenen Tod“, sagt Sommer. Damit widerspricht er dem Verteidiger, der zuvor von einer spontanen, nicht vorsätzlichen Tat gesprochen hatte, die sein Mandant unter dem Einfluss von Alkohol und der affektiven Erregung durch die Flucht begangen habe. Die Staatsanwaltschaft hatte sich für lebenslang wegen Mordes ausgesprochen.

Der Richter betont, dass die Strafkammer kein Grundsatzurteil fällen wollte. Ein solches wird nämlich schon am 1. März vom Bundesgerichtshof erwartet. Die höchsten deutschen Strafrichter entscheiden darüber, ob das Urteil gegen zwei junge Raser Bestand hat. Vor einem Jahr hatte das Berliner Landgericht die zur Tatzeit 24 und 26 Jahre alten Männer wegen Mordes zu lebenslang verurteilt. Sie hatten sich mit ihren Autos ein spontanes Rennen geliefert. Einer von ihnen rammte mit bis zu 170 Kilometern pro Stunde einen Geländewagen. Dessen Fahrer, ein 69-Jähriger, starb. Auch gegen das Urteil des Landgerichts Hamburg kann noch Revision eingelegt werden.

Von Bernhard Sprengel

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