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Der Norden Sollte ein Gedenkstein an die Feste der Nazis auf dem Bückeberg erinnern?
Nachrichten Der Norden Sollte ein Gedenkstein an die Feste der Nazis auf dem Bückeberg erinnern?
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16:42 10.02.2018
Blut und Boden: Erntedankfest am Bückeberg. Quelle: Sueddeutsche Zeitung Photo
Emmerthal

Der Rundgang beginnt am Fuß der Bückebergstraße. Lauter gepflegte Eigenheime ziehen sich den Hang hoch. Bernhard Gelderblom macht auf das helle Straßenpflaster aufmerksam. „Das ist noch original“, sagt er. Original heißt in diesem Fall: Die Steine stammen aus den Jahren 1933 oder 1934. Gelderblom geht weiter, betritt einen Feldweg. Das, worum es ihm eigentlich geht, liegt hinter den Häuserzeilen. Es ist eine weitgend ebene, ansteigende, leere Fläche. 180.000 Quadratmeter mit nahezu nichts drauf – aber beladen mit Historie und Bedeutung und Konfliktpotenzial.

Bernhard Gelderblom steht vor dem Nordhang des Bückebergs in der Gemeinde Emmerthal im Landkreis Hameln-Pyrmont. Etwas Gestrüpp am Rand, ansonsten kurze Grasnarbe. Manchmal weiden hier Schafe, der Boden ist für Ackerbau nicht geeignet.  In der Mitte des Areals zieht sich ein Wall hügelan. „Das war der Führerweg“, sagt Bernhard Gelderblom.

Historiker Bernhard Gelderblom. Quelle: Samantha Franson

Gelderblom, früher Geschichtslehrer in Hameln, befasst sich seit den Achtzigern mit der Nazizeit in seiner Heimatregion. Er wird demnächst 75, aber er ist agil und drahtig und bewältigt die 20 Prozent Steigung des Bückebergs ohne erkennbare Probleme. 

Er hat Fotos dabei: Eine Menschenmenge auf dem Bückeberg. Adolf Hitler inmitten einer Menschenmenge auf dem Bückeberg. Es sind Fotos wie von einem Stones-Konzert: Frauen, die vor Begeisterung weinen und kreischen. Männer, besoffen vor Glück, ihrem Idol so nahe zu sein. Kurzbehoste Jungs mit geschorenen Hinterköpfen, strammstehend, mit durchgedrücktem Kreuz – das waren die, die dann ‘45 noch schnell verheizt wurden.

„Bäuerliches Kernland“

Auf dem Feldweg ziehen ein paar Spaziergänger mit ihren Hunden vorbei. Sie schauen halb reserviert, halb missmutig zu dem Mann mit dem weißen Bart und den Charakterfalten im Gesicht herüber. „Ich werde hier wie ein Feind behandelt“, sagt Bernhard Gelderblom.

1933 suchten die Nazis nach einem Platz in Deutschland für ein „Reichserntedankfest“. Mit dem Christentum hatten sie es ja nicht so, in erster Linie wollten sie die Liebe des Volkes zu Adolf Hitler demonstrieren und festigen. Sie fanden den Platz auf dem Bückeberg. Von dort aus hat man einen weiten Blick in das, was die NSDAP das „bäuerliche Kernland“ Niedersachsen nannte, passenderweise in Sichtweite der Weser, die „von der Quelle bis zur Mündung nur deutsches Land durchfließt“.

Die Planung lag bei Propagandaminister Joseph Goebbels und Albert Speer senior, des Führers Architekt. Der nahm die theaterartig ansteigende Topographie als idealen Ausgangspunkt, zeichnete am Fuß des Bückebergs eine Rednertribüne und am Gipfel eine hundert Meter breite Ehrentribüne dazu, Tausende von Flaggenmasten außenrum, und mittendrin noch den Weg, den Hitler, umjubelt, von oben nach unten und zurück beschreiten sollte, 800 Meter lang und einen Meter erhöht, wie ein Laufsteg.

Der Bückeberg bei Hameln.  Quelle: Samantha Franson

Es wurde ein wenig planiert, der Berg wurde verkabelt für Radioübertragung und Filmteams, man errichtete Zeltstädte ringsum für bis zu 100.000 Besucher, 500 Sonderzüge rollten Richtung Bückeberg. Und dann stieg am 29. September 1933 das erste Fest, mit einer Million Volksgenossen. Mit Jagdfliegern und Panzern und einem künstlichen Dorf, das in der Ebene abgefackelt wurde, zur Demonstration deutscher Wehrhaftigkeit. Fachleute nennen den Bückeberg, was die Bedeutung in der Kriegsvorbereitungspropaganda der Nazis angeht, in einem Atemzug mit dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und dem Mai-Aufmarsch-Gelände Tempelhofer Feld in Berlin

Gelderblom steht jetzt mitten auf dem Nordhang, mit dem Rücken zur Ebene. Er hält ein Foto in der Hand, das den Weg den Hang hinab zeigt. Man sieht also alles doppelt, aus derselben Perspektive: der leere Berg in der Realität heute, der Berg voller Menschen in Schwarzweiß damals. Und man sieht, was Hitler gesehen hat, als er durch die Menge stolzierte. Die Weite. Die Masse. Das Hakenkreuzfahnenmeer. Die eigene Überhöhung.

Das Fest wurde jährlich wiederholt, bis der Einmarsch ins Sudetenland 1938 dem Nazi-Erntedank in die Quere kam, und 1939 war es dann der Überfall auf Polen, und danach war ja ohnehin alles zu spät.

Antrag auf Bürgerbefragung

Wer in den vergangenen Jahren nach Emmerthal kam und nach Hinweisen suchte, was dort eigentlich damals alles losgewesen war, der fand: nichts. Keine Infotafeln. Keine Gedenksteine. Oben auf dem Berg ein paar zugewachsenen Betonstücke – aber keine Erklärung, worum es sich handelt (es sind die Fundamente der Ehrentribüne, auf der früher mal 3000 Leute Platz hatten).  Ansonsten nichts als leere Landschaft.  

Das sollte sich eigentlich bald ändern. Seit 2011 steht der Berg unter Denkmalschutz, seit zwei Jahren ist geplant, den Bückeberg zu einem Dokumentations- und Lernort zu machen. Doch seit kurzen laufen die Emmerthaler Sturm dagegen.

Den Rest des Tages nach dem Rundgang über den Bückeberg verbringt Bernhard Gelderblom im kupferblechgedeckten Rathaus zu Emmerthal, in einem Sitzungssaal voller Neonlicht unter den gestrengen Blicken von elf Bundespräsidenten. Der Ausschuss für öffentliche Angelegenheiten tagt. Auf der Agenda steht ein Antrag der AfD: Man solle die Bürger befragen, ob sie überhaupt einen Gedenkort Bückeberg wollen. Der Antrag kommt durch, die Fraktion von CDU und Freien Wählern Emmerthal stimmt mit den Rechten. „Wenn die AfD den Antrag nicht gestellt hätte, hätten wir ihn gestellt“, sagt der Fraktionschef und Christdemokrat Rudolf Welzhofer

Der Beschluss ist sinnlos: Der Bückeberg gehört dem Land, die Dokumentationsstätte würde von einem Verein betrieben und vom Landkreis und Stiftungen finanziert – sprich: Die Gemeinde Emmerthal hat überhaupt nichts zu sagen.  Der Rat kann nach einem Bürgerentscheid allenfalls eine Resolution verabschieden, aber das kann er auch ohne Befragung, man könnte das Geld sparen. 

Und dass die Emmerthaler gegen die Dokumentationsstätte sind, weiß man auch so. Seit Ende letzten Jahres triftt bei der örtlichen Deister-und-Weser-Zeitung eine Flut von Leserbrieffen ein, auf eine befürwortende Zuschrift kommen fünf ablehnende. Und 1500 Unterschriften sind in Emmerthal bereits gegen das Gedenk-Vorhaben am Bückeberg gesammelt worden. 

Ernst Nitschke von den Freien Wählern hat allein 750 dieser Unterschriften gesammelt und ist sehr stolz darauf. Man wisse doch gar nicht, welche Folgekosten entstünden, sagt er zur Begründung. Und möglicherweise locke eine Gedenkstätte „Ewiggestrige“ an.

Gespräche beim Landkreis

Neonazis, die eine Nazi-Dokumentation als Kultstätte nutzen? Das klingt ein bisschen konstruiert, gehört aber zur Standard-Argumentation der Gegner. Die Befürworter des Vorhabens wie der Hamelner Landrat Tjark Bartels oder Emmerthals Bürgermeister Andreas Grossmann (beide SPD) machen die meiste Ablehnung in der unmittelbaren Nähe des Bergs aus, in den gepflegten Eigenheimen an der Bückebergstraße: Die wollten wohl ihre Ruhe haben.  Bernhard Gelderblom erzählt von Karl Heißmeyer, dem ehemaligen Hamelner Landrat und Emmerthaler Bürgermeister, SPD, 2010 gestorben, der auch in der Nähe gewohnt habe: „Der wollte hier gar nichts. Der wollte, dass man das alles vergisst. Dass man nicht dran rührt.“

Vielleicht ist das der eigentliche Grund für die Ablehnung. Vielleicht möchten viele Emmerthaler auch einfach nicht, dass ihre Gemeinde mit einem Nazi-Thema in Verbindung gebracht wird. Und manche mögen sich auch ärgern, dass im fernen Hameln etwas geplant wird, das sie dann vor der Haustür haben, ohne dass man sie fragt. Menschen, die Hitler noch selbst zugejubelt haben, wohnen wohl kaum noch in der Gegend, aber ihre Kinder und Enkel, und sie schämen sich vielleicht. 

Öffentlich sagt all das keiner. Öffentlich wird gesagt:  Man sei doch 70 Jahre ohne Gedenken ausgekommen, warum müsse das jetzt sein. Öffentlich wird Bernhard Gelderblom mit düsteren Blicken bedacht.

Aber der einzige Weg, die Vergangenheit zu überwinden, bestehe darin, sich mit ihr zu beschäftigen, sagt Landrat Bartels.

Kann man was tun, um die starren Haltungen aufzuweichen? Tjark Bartels plant noch Gespräche: Landkreis, Historiker Gelderblom, Emmerthaler, Gegner, Befürworter. An einem Tisch, an mehreren Tischen, in aller Ruhe. Hören, was der jeweils andere zu sagen hat, jenseits von Verlautbarungen. 

Und dann gibt am 22. Februar der Emmerthaler Rat ein Votum ab. Und im März entscheidet der Kreistag.

Die Dokumentation: Was geplant ist

Die Gestaltung des Bückebergs als Dokumentations- und Lernort in Sachen Nazi-Vergangenheit würde zurückhaltend ausfallen: keine Gebäude, keine großen Tafeln. Ursprünglich war angedacht, einen großen Schriftzug mit dem Wort „Propaganda“ am Fuß des Bergs aufzustellen. Das ist aber vom Tisch.

Das Konzept, das eine Planungsarbeitsgemeinschaft aus Ausstellungsmachern, Grafikern und Landschaftsarchitekten für den „Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln“ entwickelt hat, sieht acht sogenannte „Info-Inseln“ vor, die über den Berghang verteilt werden sollen.

Dort sind Tafeln mit Texten und Fotos zu den „Reichserntedankfesten“ geplant.

Auf den schleifenartigen Wegen von Insel zu Insel würden einige in den Boden eingelassene Platten auf weitere Details hinweisen, etwa zu dem Aufwand, der damals betrieben wurde: 1937 traten 20 000 Sänger beim Fest auf. Über die verwitterten Fundamente der Ehrentribüne soll ein Steg gebaut werden, der einen Blick über das Gelände erlaubt und auch für Rollstuhlfahrer zugänglich ist.

Die Kosten für das gesamte Vorhaben sollen sich auf rund 450 000 Euro belaufen. Die Hälfte davon will der Landkreis Hameln-Pyrmont tragen, weitere Zuschüsse sollen von der Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten, von der Bingo-Stiftung, der Stiftung Niedersachsen und eventuell von der Klosterkammer kommen. Auch EU-Hilfen sind zu erwarten. Folgekosten – Betreuung, Pflege, Personal – müsste der Landkreis übernehmen.

Von Bert Strebe

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