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Der Norden Streit um Abriss der Soldatenwohnblocks
Nachrichten Der Norden Streit um Abriss der Soldatenwohnblocks
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00:15 28.06.2018
„Hier müsste viel gemacht werden“: Mieterin Christine Beckby will mit ihren acht Kindern in Kürze den Bad Fallingbosteler Stadtteil Wiethop verlassen. Nach den Plänen der Stadt soll der frühere Wohnblock der Briten abgerissen werden. Quelle: Gabriele Schulte
Bad Fallingbostel

Hier wohnten Engländer, das lässt sich an einigen Türklingeln noch ablesen: Flat 7, Flat 8, Flat 9, ... Auf einem Spielplatz ein Schild mit englischer Aufschrift, in einem Vorgarten ein Mast mit schlaff herabhängender britischer Fahne – Hinweise auf die Vergangenheit der Wohnsiedlung in Bad Fallingbostel. Am Wiethop haben über Jahrzehnte britische und zeitweise auch niederländische Soldaten gelebt. Vor drei Jahren ließ die britische Armee bei ihrem Abzug Hunderte zum Teil marode Geschosswohnungen auch anderswo nahe dem Truppenübungsplatz Bergen zurück. Viel zu viel für die betroffenen Kleinstädte Bad Fallingbostel (Heidekreis) und Bergen (Kreis Celle), wie Gutachter schon 2015 festgestellt haben. Beide Städte haben inzwischen einzelne Wohnblocks aufgekauft und abreißen lassen. Und beide planen dies trotz vieler Widerstände weiter im großen Stil.

„Ein Abriss von Wohneinheiten erscheint als die sinnvollste Lösung“, sagt Konversionsmanager Thomas Rekowski, der übergreifend für die Kommunen arbeitet. Geld von Bund und Land steht längst bereit, doch ein Teil der in ganz Deutschland verteilten Wohnungseigentümer hat den Verkauf bisher verweigert. Kürzlich verpasste auch noch das Oberverwaltungsgericht Lüneburg den Plänen einen Dämpfer und erklärte Bad Fallingbostels Sanierungssatzung für ungültig. Diese beziehe die von den Prognosen abweichende Entwicklung nicht ausreichend ein. Denn viele Wohnungen sind mittlerweile neu vermietet – ein erheblicher Teil an Menschen, die von staatlicher Hilfe leben, andere an Familien, die nach einer großen, günstigen Wohnung in Innenstadtnähe suchten.

Christine Beckby kennt die Wohnblocks aus Kindertagen, sie ist Soldatentochter. Vor zwei Jahren zog die achtfache Mutter mit allen Kindern im Alter von neun bis 30 Jahren in drei Wohnungen in einem zum Abriss vorgesehenen Wohnblock Am Wiethop. „Aber wir ziehen wieder aus, ich habe gerade gekündigt“, sagt die 45-Jährige. Als sie einzog, habe sie nicht gewusst, dass das Haus im Sanierungsgebiet liegt. Nach und nach sei ihr aufgefallen, dass Fenster und Türen undicht und die Wände hinter den Tapeten von Rissen durchzogen seien. „Hier müsste viel gemacht werden“, meint Beckby. Von ihrem Balkon aus blickt sie auf mit Wäsche behängte Balkone im Nachbarhaus, das von polnischen Erntehelfern bewohnt wird. Auch dieses Gebäude will die Stadt abreißen lassen. Doch der ostwestfälische Möbelhersteller, dem beide Häuser gehören, will sich von den einst lukrativ an die Briten vermieteten Investitionsobjekten bisher nicht trennen.

Auch im anderen ehemaligen Britenviertel Weinberg haben einzelne Investoren das Kaufangebot der Kommune nicht akzeptiert. Auf den Straßen dieses Stadtteils direkt hinter der Autobahn sind neben kurdischen Familien, von denen etliche seit langem hier leben, neuerdings auch viele Menschen rumänischer Herkunft anzutreffen. „Zigeuner“ nennt sie ein Anwohner, der seinen Namen nicht nennen will. Manche Nachbarn, erzählt der Rentner, hätten schon ihre Zäune erhöht. Stadtplaner haben in den Quartieren „eine Abwärtsspirale“ festgestellt, der mit der Bewohnerstruktur zusammenhänge. Fest steht, dass längst nicht alle hier Deutsch –oder Englisch –verstehen. Nicht zuletzt die örtlichen Schulen bringt diese Herausforderung an ihre Grenzen, wie Lehrer berichten.

Bad Fallingbostels Bürgermeisterin Karin Thorey weist darauf hin, dass hier und in Bergen insgesamt 10000 britische Soldaten mit ihren Familien gelebt haben. Den Städten sei durch den Militärabzug viel Wirtschaftskraft verloren gegangen. Viele Läden stehen nun leer, eine kurz vor dem Abschluss stehende Sanierung soll das Zentrum der Kurstadt wieder attraktiver machen. Im autobahnnahen Weinbergviertel soll sich nach dem Willen der Planer neues Gewerbe ansiedeln –dort wo jetzt verfallende Wohnblocks stehen. „Die Konversionsproblematik wird uns noch lange begleiten“, sagt Thorey. Der Stopp der Abrissarbeiten, durch die Lüneburger Richter mache die Pläne nicht hinfällig, ergänzt der anwaltliche Vertreter der Stadt: „Die Sanierungssatzung kann nachgebessert werden.“

Von einem Teil der Planungen ist die Kommune ohnehin bereits abgerückt. Im Februar entschied der Rat, dass von 864 Wohnungen nun doch 220 erhalten bleiben sollen. Sie waren zwischenzeitlich zumindest teilweise saniert worden. „Wir haben uns selbst gewundert, als unsere ersten Mieter hier einzogen“, sagt Hausverwalterin Carola Fernau bei einem Rundgang zwischen frisch gestrichenen Fassaden und Balkonen mit Blumenkästen. „Am Anfang war das ja wie eine Geisterstadt.“ Mittlerweile wüssten gerade junge Familien diesen Teil des ehemaligen Britenviertels zu schätzen, wo eine gute Nachbarschaft gepflegt werde und die Kinder in Ruhe spielen könnten. Auch der Bund der Steuerzahler hatte angesichts dieser Entwicklung gerügt, dass die Stadt lange an Plänen zum Komplettabriss festgehalten hatte.

Veraltet sind längst auch die Anfangsüberlegungen zum Kasernengelände am Rand von Bad Fallingbostel, wo ebenfalls viele Soldaten lebten. Kurz nachdem die britische Armee das Areal verlassen hatte, wurde es zum Ankunftszentrum für Flüchtlinge.

Interview: „Jede Familie angucken“

Bergens Bürgermeister Rainer Prokop (CDU) sieht die Stadt beim Wohnviertelumbau gut aufgestellt.

Herr Prokop, auch Bergen hat schwer mit dem Abzug der britischen Soldaten vor drei Jahren zu kämpfen. Bei Ihnen scheint der Umbau aber besser voranzugehen als auf der anderen Seite des Truppenübungsplatzes.

Wir sind in Bergen ganz guten Mutes, was die Wohnviertel der Briten betrifft. Unser großer Vorteil ist, dass hier 80 Prozent der Wohnungen in der Hand eines Großinvestors aus Berlin sind, mit dem wir hervorragend zusammenarbeiten. Bad Fallingbostel hat es mit 80 Prozent Einzeleigentümern zu tun. Eine solche Vielzahl macht es schwer, alle unter einen Hut zu bekommen.

Einige Wohnblocks sind schon abgerissen. Viele in der Stadt hatten befürchtet, dass in die übrigen billigen Wohnungen eine besonders schwierige Klientel einziehen könnte. Ist es so gekommen?

Das ist bei uns nicht besorgniserregend. Im ,Musikerviertel´ bezieht rund ein Drittel der Bewohner Transferleistungen. Man darf die aber nicht stigmatisieren, da zählen ja auch alleinerziehende Mütter dazu. Man muss sich jede Familie genau angucken. Der Großinvestor aus Berlin achtet bei neuen Mietern darauf, dass es zu einer sozialen Durchmischung kommt. Im Zweifel spricht er mit uns.

Vermutlich ist es nicht leicht, solvente Mieter in die abgelegene Kleinstadt zu locken.

Das läuft viel besser als gedacht. Man hatte uns anfangs prophezeit, dass wir alle 950 Wohneinheiten der Briten abreißen müssten. Statt dessen haben wir Zuzug sogar aus Süddeutschland von Leuten, die durch die Berichterstattung von den günstigen Wohnungen und der guten Infrastruktur hier gehört haben. Nicht zuletzt junge Familien wissen das sehr zu schätzen. Wir wollen demnächst ein neues Baugebiet ausweisen, an einer Stelle, wo jetzt noch marode Wohnblocks der Briten stehen.

Interview: Gabriele Schulte

Von Gabriele Schulte

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