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Der Norden Wollepark, Obdachlosigkeit – Tod?
Nachrichten Der Norden Wollepark, Obdachlosigkeit – Tod?
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00:18 11.11.2017
Alte Heimat Wollepark: In den heruntergekommenen Hochhäusern lebte die Frau früher – aber nur bis Mai 2016 und nicht, wie behauptet, bis vor etwa einer Woche. Quelle: dpa
Delmenhorst

Die Stimmung ist nicht gut. Es ist ein grauer, kalter Tag in Delmenhorst, die Bauern, die am frühen Morgen hinterm Rathaus ihre Verkaufsstände aufbauen, frieren und versuchen, sich warm zu arbeiten.

Zwei Steinwürfe weit weg, auf der Grünfläche auf der Rückseite der Häuser Am Wollepark 11 und 12, stapelt sich derweil immer noch der Müll: Töpfe, Plastiktüten, halbe Lautsprecher, ein kaputtes Akkordeon. Oben auf den Etagen: offene Fenster, keine Menschen.

Und zweieinhalb Kilometer entfernt, am Winterweg, auf dem verlassenen Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs, zwischen Hallen mit geborstenen Scheiben und zugeschraubten Türen, liegen in einer alten Garage Kleider und Essensreste und Taschen auf dem Boden, auf einem Ikea-Tisch steht ein weißer Wecker und tickt. Für niemanden mehr. Die Frau, die hier lebte, ist tot.

Dünnhäutige Delmenhorster

Die Delmenhorster wirken dieser Tage alle etwas dünnhäutig. Als würde die ganze Stadt mit eingezogenem Kopf herumlaufen. Denn Delmenhorst kommt und kommt nicht aus den Negativschlagzeilen heraus, und das schlägt aufs Gemüt. Erst war es dieser grausame Krankenpfleger, der am Klinikum gemordet hatte, hier und in Oldenburg, massenweise.

Dann waren es die Plattenbauten an der Straße Am Wollepark: Zuhauf waren sie mit Sozialhilfeempfängern vorwiegend aus Osteuropa belegt, deren Abgaben für Strom und Wasser und Wärme von windigen Vermietern nicht an die Stadtwerke weitergeleitet worden waren. Man erzählte sich, das sei schlicht ein Geschäftsmodell: Vermieten, Geld einstreichen, verschwinden, den Rest der öffentlichen Hand überlassen.
Am Ende nur noch 59 Bewohner

Jedenfalls kam bei den Stadtwerken kein Geld an, zuletzt fehlten immer noch 110 000 Euro, und irgendwann wurden die Konsequenzen gezogen und die Versorgungsleitungen zugesperrt. Wasser gab’s noch aus dem Hydranten.
Am Ende waren die beiden Hochhäuser unbewohnbar und wurden von der Stadt am 1. November verriegelt. Von den ursprünglich 350 Bewohnern waren noch 59 übrig, die in Notunterkünfte umzogen.

Aufatmen. Problem erst mal gelöst. Für wenige Tage nur. Dann meldete die Polizei, dass eine der früheren Wollepark-Bewohnerinnen, eine 51 Jahre alte Polin, die die Unterbringung in der Notunterkunft ausgeschlagen hatte, tot aufgefunden worden war. Schwer misshandelt. In der Garage auf dem ehemaligen Rangierbahnhof.

Und wieder stand ein Drama aus Delmenhorst in allen Zeitungen. Zum Leidwesen der Delmenhorster auch mit einem seltsamen Zungenschlag: Die Stadt habe die Wollepark-Häuser geschlossen und sei deswegen jetzt verantwortlich für den Tod der Frau.

Doch so einfach ist es nicht. Das mutmaßliche Mordopfer ist bereits seit Mai 2016 nicht mehr in dem Wohnkomplex gemeldet gewesen, hat aber dennoch nach Angaben des 29-jährigen Lebensgefährten bis vorige Woche dort noch gewohnt – bis die Stadt die Hochhäuser räumte. Trägt die Stadt also Schuld am Tod der Frau? Sie hat beim Auszug nach Angaben des Lebensgefährten die Unterbringung in einer Notunterkunft abgelehnt. Und die Stadt hatte keine Wahl: Die Wollepark-Häuser mussten geschlossen werden, wie die Stadtverwaltung am Mittwoch unterstrich, das war „bauordnungsrechtlich unerlässlich“. Sie waren nicht zu heizen, es wurde gekokelt, höchste Brandgefahr herrschte.

Anlaufstelle für Bedürftige

Die Delmenhorster sehen sich als gebeutelt von den Zeitläufen an. Die Stadt ist ein Anlaufpunkt für Sozialhilfeempfänger aus Polen, Bulgarien und Rumänien geworden, neben den Syrern sind das die größten Gruppen nach den Türken in der Stadt. Vor fünf Jahren lebten rund 3000 vorwiegend hilfsbedürftige Ausländer in Delmenhorst, heute sind es fast dreimal so viele, bei 80 000 Einwohnern.

Was genau mit der Polin am Rangierbahnhof passiert ist, ist noch unklar. Die 51-Jährige war nach Polizeiangaben zusammen mit ihrem Lebensgefährten, der ebenfalls aus Polen stammt, an die Bahnstrecken gezogen, auf das Gelände, dessen Betreten eigentlich verboten ist: „Einsturzgefahr“, warnen die Schilder.Der Mann hatte das Opfer am Sonnabend gefunden, es muss sehr gequält worden sein. Hinweise auf ein Sexualverbrechen gab es aber erst einmal nicht.

Torben Tölle von der Staatsanwaltschaft Oldenburg hält sich mit Informationen zurück, bestätigt jedoch, dass es der 29-Jährige war, der anfangs verdächtigt, dann aber wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, weil der Verdacht sich nicht bestätigt hatte. Todesursache, Art der Verletzungen, andere Verdachtsmomente – dazu schweigen die Behörden.     

Obdachlosenhilfe fordert mehr Räume

Angesichts der steigenden Zahl von Obdachlosen hat die Wohnungslosenhilfe in Niedersachsen mehr Einrichtungen gefordert, in denen sich die Betroffenen tagsüber aufwärmen und ausruhen können. Die Auslastung der 34 Tagesaufenthalte im Land sei immens, sagte Ulrich Friedrichs, Geschäftsführer der Zentralen Beratungsstelle Niedersachsen (ZBN).

Zum Beispiel im Nordwesten des Landes fehlten Angebote. „Mindestens ein Tagesaufenthalt in jedem Landkreis wäre wünschenswert“, sagte der Chef der ZBN in Osnabrück, die im Auftrag des Sozialministeriums die Wohnungslosenhilfe des Landes koordiniert. Wie viele Menschen in Niedersachsen tatsächlich auf der Straße leben, ist schwer zu schätzen. Die 34 Tagesaufenthalte zählten 2011 noch 13.300 Besucher, 2015 waren es schon 16.900, wobei viele von ihnen mehrfach kamen.

Der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund fordert SPD und CDU auf, mehr Geld in die Flüchtlingsarbeit und für die Finanzierung von Kindertagesstätten bereitzustellen. So forderte Verbandspräsident Marco Trips eine Integrationspauschale von 2000 Euro pro Flüchtling und Jahr.

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