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Der Norden Trotz Lehrermangel: Spanische Pädagogin darf nicht unterrichten 
Nachrichten Der Norden Trotz Lehrermangel: Spanische Pädagogin darf nicht unterrichten 
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00:16 08.03.2018
Frustrierter Blick auf das Göttinger Gänseliesel: Für die spanische Grundschullehrerin Anna M. hat sich der Wechsel nach Niedersachsen nicht gelohnt. Trotz EU-Zertifikats und Lehrermangels darf sie hier nicht als Lehrerin arbeiten. Quelle: Heidi Niemann
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Göttingen

 Anna M. weiß, wie man mit Kindern umgeht und wie man ihnen etwas beibringt. Die 33-jährige Spanierin hat drei Jahre lang an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Lleida studiert. Dort hat sie neben dem Studienabschluss als Grundschullehrerin auch eine Zusatzqualifikation in Sonderpädagogik erworben. Später hat sie sieben Jahre lang als verbeamtete Lehrerin an Grundschulen in Katalonien gearbeitet.

Vor zwei Jahren ist sie nach Göttingen umgezogen. Hier würde sie gerne das tun, wofür sie ausgebildet ist: Sie möchte Kinder unterrichten. Doch obwohl in Niedersachsen Grundschullehrer händeringend gesucht werden, bekommt sie keinen Job. Trotz mehrjähriger Berufserfahrung hält das Kultusministerium sie nicht für ausreichend qualifiziert.

Zertifikat entspricht EU-Richtlinie

Die 33-Jährige hatte sich nach ihrem Wohnortwechsel an das Kultusministerium gewandt und die Anerkennung ihrer in Spanien absolvierten Lehrerausbildung beantragt. Sie reichte dazu unter anderem ein Zertifikat des spanischen Ministeriums für Bildung, Kultur und Sport in Madrid ein. Dieses bestätigt, dass ihr in Spanien erworbener Titel „Lehrerin mit Spezialisierung zur Sonderschullehrerin“ der EU-Richtlinie 2005/36 entspricht. Die Richtlinie wurde 2005 vom Europäischen Parlament und dem Rat erlassen und soll die automatische Anerkennung von Berufsqualifikationen innerhalb der Europäischen Union erleichtern. Laut Zertifikat ist Anna M. dazu berechtigt, „den Beruf der Grundschullehrerin in den Fächern des allgemeinen Lehrplanes für die Grundschulerziehung (6-12 Jahre) auszuüben und sich Schülern zu widmen, die einer Sonderschulbetreuung bedürfen.“

600 Nicht-Deutsche arbeiten als Lehrer

Vor dem Hintergrund des anhaltenden Lehrermangels in Niedersachsen fordert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mehr Studienplätze für die Ausbildung von Grund-, Haupt- und Realschullehrern. Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) will in der kommenden Woche die künftige Ausgestaltung eines neuen Konzepts zur Lehrerausbildung vorstellen, das bislang mit Projektmittel-Finanzierung an sechs niedersächsischen Universitäten angeboten wurde. Die GEW unterstützte die geplante dauerhafte Finanzierung des Konzepts, sagte ihr Sprecher Christian Hoffmann. „Aber es reicht bei weitem nicht aus. Angesichts des Lehrkräftemangels brauchen wir eine erhebliche Ausweitung der Kapazitäten an den Universitäten.“

Im laufenden Schulhalbjahr sind nach Angaben des Kultusministeriums landesweit 750 Gymnasiallehrer durch Abordnung verpflichtet, an Grundschulen zu unterrichten.

Das Kultusministerium ließ sich mit der Bearbeitung des Antrags viel Zeit. Immer wieder musste die 33-Jährige nachhaken. „Teilweise gab es auf E-Mails und Anrufe überhaupt keine Antwort“, sagt sie. Nach einem halben Jahr erhielt sie schließlich die Mitteilung, dass ihre Ausbildung derzeit nicht anerkannt werden könne.

 Dem Kultusministerium reicht das aber nicht 

Dem Kultusministerium in Hannover reicht das Zertifikat des spanischen Bildungsministeriums nicht. Das Zertifikat bestätige lediglich, dass der Titel Lehrer erlangt worden und die Anwendung der EU-Richtlinie gegeben sei, sagt eine Sprecherin. Es enthalte aber keine Aussage zur inhaltlichen Gleichwertigkeit von Lehramtsabschlüssen. Die Anerkennung einer in einem EU-Staat abgeschlossenen Lehrerausbildung setze voraus, dass keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Ausbildungen bestünden. Vor allem in der Ausbildung der Grundschullehrer gebe es zum Teil gravierende Unterschiede. Im Ausland beinhalte die Ausbildung häufig eine Fächervielfalt, so auch in Spanien. In Niedersachsen müssten Lehrer jedoch eine Profilierung auf einzelne Unterrichtsfächer vorweisen können. 

Um hierzulande als Lehrerin arbeiten zu können, müsste Anna M. erst noch ein vertieftes Studium in zwei Unterrichtsfächern absolvieren. Die Pädagogin kann das nicht nachvollziehen: „Warum soll ich zwei weitere Jahre studieren für ein Diplom, das ich längst habe?“ Eine Ministeriumssprecherin weist darauf hin, dass sich nicht anerkannte Pädagogen auch für einen Quereinsteig bewerben könnten, auch nur für ein Unterrichtsfach, dies seit Sommer 2016 auch an den Grundschulen möglich. 

Zusatzausbildung kann Studienfach nicht wettmachen

In Spanien hat Anna M. unter anderem an einer Grundschule in der Nähe von Barcelona unterrichtet, die als sozialer Brennpunkt gilt. „Ich bin auf Problemfälle spezialisiert“, meint sie. Dies zählt allerdings offenbar ebenso wenig wie ihre Zusatzausbildung im Bereich Logopädie. Der ergänzende Abschluss in Logopädie sei nicht geeignet, fehlende Studienleistungen in Unterrichtsfächern auszugleichen, heißt es vom Kultusministerium. Auch Berufserfahrungen könnten keine fehlenden fachwissenschaftlichen Studien ersetzen. 

Anna M. ist mittlerweile seit fast zwei Jahren an einer Grundschule in Göttingen tätig, allerdings nur als pädagogische Mitarbeiterin mit einem deutlich niedrigeren Gehalt. Vor Kurzem hat sie, wie schon so oft, einen kompletten Vormittag lang eine erkrankte Lehrerin vertreten: „Ich nehme ständig Aufgaben wahr, für die ich angeblich gar nicht qualifiziert bin.“ 

Während das Land die ausgebildete Grundschullehrerin nicht als Lehrerin anerkennen will, hat es gleichzeitig 750 Gymnasiallehrer dazu verpflichtet, bis zu den Sommerferien an Grundschulen zu arbeiten, damit dort der Unterricht nicht zusammenbricht. Immer wieder berichten Lehrer aus dem Ausland, dass sie gern in Niedersachsen unterrichten würden, ihnen aber von der Landeschulbehörde Steine in den Weg gelegt würden. 

Im Jahr 2016 waren nach Angaben des Kultusministeriums rund 600 Lehrkräfte mit ausländischer Staatsangehörigkeit an Schulen in Niedersachsen tätig. Das sagt allerdings nichts darüber aus, wo sie Lehramtsbefähigung erworben haben. Das wird statistisch nicht erhoben. Grundsätzlich gilt: Die im Ausland absolvierte Ausbildung muss vollständig abgeschlossen sein, und es dürfen keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Lehramtsausbildungen bestehen. Gerade in der Grundschullehrerausbildung seien die Unterschiede jedoch oft gravierend, heißt es im Kultusministerium. Im Ausland beinhalte die Ausbildung oft eine Fächervielfalt, es fehle die Profilierung auf einzelne Fächer. Minister Grant Hendrik Tonne (SPD) hat angekündigt, den Quereinstieg weiter zu erleichtern auch für Pädagogen aus dem Ausland, darunter dürfe jedoch nicht die Qualität leiden.

Manchmal muss man gar nicht aus einem anderen Land, sondern nur aus einem anderen Bundesland kommen: Vor ein paar Wochen hatte Björn Köhler (58) mit einem Protestschild vor dem Landtag und dem Kultusministerium dagegen demonstriert, dass er als Quereinsteiger ohne Referendariat zwar in Mecklenburg-Vorpommern als Lehrer für Mathematik und Physik tätig sein darf, aber nicht in Niedersachsen. 

Von Heidi Niemann und Saskia Döhner

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