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Der Norden So geht es den Bauern in Niedersachsen
Nachrichten Der Norden So geht es den Bauern in Niedersachsen
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00:17 21.07.2017
Landwirt Lars Prigge mit einem seiner Schweine. Quelle: Villegas

Die kleine Merle rennt sofort begeistert auf die Ferkel zu. Aber bevor sie die Schweinchen erreicht, stieben sie wild auseinander. Im nächsten Moment sind die Tiere allerdings schon wieder zurück und beäugen und beschnuppern die Zweijährige neugierig. Merle juchzt, streckt die Hand aus – und das Spiel beginnt von vorn. „Eins muss man schon sagen“, findet Lars Prigge, der Vater von Merle. „Hier haben die Kinder einen besseren Kontakt zu den Schweinen.“

Hier – das ist die Bio-Abteilung im Sauenhaltungsbetrieb von Kath­rin und Lars Prigge in Wohlerst, einem der Dörfer, die die Gemeinde Brest im Landkreis Stade bilden. Eigentlich sind es sogar drei Betriebe. Die Prigges haben eine konventionelle Sauenhaltung für 100 Tiere und einen konventionellen Maststall mit 750 Plätzen. Und die Prigges bauen gerade den Bio-Betrieb für 48 Sauen samt Ferkeln auf.

Lars Prigge hält Schweine in Wohlerst

Die Prigges führen damit einen der verbliebenen 37800 Bauernhöfen in Niedersachsen. Sie wollen nicht reich werden, aber sich ernähren und ihre drei Kinder großziehen können. Sie wollen keinem Tier irgendetwas antun, aber sie müssen die Arbeit auf dem Hof bewältigen. Sie mögen, was sie tun, doch sie mögen es nicht, dass Landwirte heute oft als notorische Umweltverbrecher und Tierquäler gelten. Denn das sind sie nicht.

Aber: Freilandhaltung, Gras, Stroh, die herumtollenden Tiere, Merles Juchzen – das Bio-Areal wirkt deutlich sympathischer als die anderen Ställe der Prigges. Konventionelle Spaltenböden lassen die Gülle leichter abfließen, sind aber weniger tiergerecht. Die Käfige, in denen die normalen Sauen leben, sehen nach Knast aus.

„Klar wirkt das so“, sagt Lars. Man merkt, er kennt das: Leute aus der Stadt kommen und sagen ihm, wie er seinen Betrieb zu führen hat. „Natürliche Tierhaltung sieht immer besser aus“, sagt er. Und nach einen kurzen Pause: „Salmonellen im Fleisch sind auch natürlich.“
Dann erzählt er, dass eine Sau im Bio-Betrieb mehr von den süßen Ferkeln aus Versehen totdrückt als im konventionellen Stall. Dass bei Bio-Schweinen mehr Abszesse und mehr Spulwürmer auftreten als sonst. Dass die Hygiene – notwendigerweise – nicht so gut ist. Doch Prigge will überhaupt nicht der reinen Lehre der Effizienz das Wort reden. Er hat sich extra der Initiative Tierwohl angeschlossen, einer Vereinigung von Landwirten und Händlern: mehr Platz und bessere Haltungsbedingungen. „Aber es muss sich auch rechnen“, sagt der 45 Jahre alte Sauenhalter. „Bio erfordert viel mehr Einsatz, mehr Futter und Zeit. Viele Leute wollen das nicht bezahlen.“

Woran macht er das fest? Prigge hebt die Hände. „Am Markt. 300 000 Bio-Schweine werden pro Jahr in Deutschland gemästet. Und 58 Millionen konventionelle. Wir fahren lieber in den Urlaub. Darin sind wir Weltmeister.“ Prigge selbst gehört nicht zu diesen Weltmeistern, dafür hat er nicht genug Zeit.

Steffen Meyer genauso wenig. „Die Leute denken immer, wir arbeiten drei Monate und legen dann die Beine hoch“, sagt Meyer. „Faktisch haben wir im Januar vier Wochen Betriebsruhe. Das war’s.“     

Steffen Meyer baut Spargel in Kirchwahlingen an

Steffen Meyer ist 27 Jahre alt und Bauer auf dem Spargelgut Meyer in Kirchwahlingen im Heidekreis. Der Hof ist gerade von seinen Eltern auf ihn übergegangen. Die Saison ist vorüber, aber die Meyers haben genug zu tun. Der Betrieb ist eine Ausnahmeerscheinung: sehr innovativ, sehr konsequent auf Geschäftsfelder ausgerichtet, die andere nicht bedienen.

„Fünfte Generation Spargel“, sagt der junge Bauer, aber er macht ziemlich viel ziemlich anders als seine Vorfahren. Auf 120 Hektar baut Meyer Spargel nahezu ausschließlich für die Gastronomie an. Mehr als 1000 Restaurants sind seine Kunden, von Sylt bis Göttingen, und wer gern in Steakhäusern isst oder gern mal den Flieger nimmt, hat gute Chancen, in der Saison Meyer-Spargel vorgesetzt zu bekommen. Allererste-Sahne-Spargel. „Man kann sich über die Menge oder über den Preis behaupten“, sagt der Bauer. „Oder über die Qualität.“

Meyer verkauft auch Spargelpflanzen – ach was: ein komplettes Spargelanbaukonzept, in halb Europa. Die Pflanzen werden unter optimalen Bedingungen gezogen, im Pflanztopf (also ohne abgerissene Wurzeln) verfrachtet, mit viel Platz auf den Acker der Kunden gesetzt. „Wenn wir fertig sind“, sagt Meyer, „muss der Bauer nur noch wässern und düngen.“

Seine Pflanzen haben keinen Stress in der Wachstumsphase und ein stabiles Immunsystem. Was bedeutet, dass keine Chemie nötig ist. Wasser kommt über Tropfschläuche direkt an den Wurzelballen, exakt dosiert, wie auch der Dünger. „Wenn die Blattanalyse sagt, wir brauchen sechs Gramm Bor auf 10 000 Quadratmeter, dann geht das bei uns“, sagt Meyer. Überdüngt wird nicht. Wenn Steffen Meyer durch den Betrieb geht, spürt man seinen Stolz auf all die Spezialentwicklungen des Hauses, von der Schäl- bis zur Erntemaschine. Aber es war ein weiter Weg dahin.

Meyer ist sehr für Naturschutz, er achtet darauf, dass es den Pflanzen gut geht, dass der Boden nicht ausgelaugt wird, er spritzt kein Gift. Und es ärgert ihn, dass die Bauern so ein schlechtes Image haben. Dass die Naturschutzorganisationen aufheulen, wenn mal einer irgendwo eine Hecke rodet, um anderswo eine neue zu setzen. Wenn die Auflagen so steigen, dass die Existenz von Höfen auf dem Spiel steht. „Kleine Strukturen werden damit zerstört“, sagt er. „Ich will von meiner Arbeit leben und irgendwann eine Familie ernähren. Das muss gehen.“

Wie steht es denn um das Thema Familie bei ihm? Steffen Meyer weiß, dass es für Landwirte oft schwer ist, eine Frau abzubekommen, dass vielen Damen die Tage zu lang und die Anstrengungen zu groß und die Finger am Abend zu schmutzig sind. Bei ihm sieht es besser aus, seine Freundin kommt aus der Gastronomie. „Sie kennt das, sie arbeitet genauso viel.“

Wilhelm Rüter war Milchbauer in Wietzendorf

Für Wilhelm Rüter aus Wietzendorf nahe Soltau hat es sich nicht mehr gelohnt, so viel zu arbeiten. Er sitzt auf einer Bank in seinem Bauernhaus von 1911, den Hof gibt es seit dem 15. Jahrhundert, seine Familie hat ihn seit dem 18. Sie hat ihn immer noch, es gibt auch immer noch Kühe hier. Aber sie gehören nicht mehr Wilhelm Rüter. Der Stall ist verpachtet.

Rüter ist 64 Jahre alt, staatlich geprüfter Landwirt, 1979 hat er den Hof übernommen, 20 Milchkühe, 30 Hektar. Die Kühe, das war immer seins. „Wenn meine Eltern nicht wussten, wo ich war, haben sie im Stall nachgeschaut. Ich war ständig bei den Kälbern“, erzählt er. 1982 hat er als einer der ersten Bauern der Gegend einen Boxenlaufstall für seine Kühe bauen lassen: mehr Freiheit für die Tiere. Als ihm die Landwirtschaftsberater gesagt haben, er müsse auf 60 Kühe aufstocken, dann auf 70, hat er das gemacht, aber einen Großbetrieb wollte er nicht. Auch Hochleistungskühe wollte er nicht, das empfand er als nicht tiergerecht.

Wilhelm Rüter ist klargekommen. Bis die Milchquote 2015 abgeschafft wurde. „Ich hab’ kommen sehen, dass der Preis fällt.“ Der Preis tat, was Rüter gesagt hat, er fiel ins Bodenlose. Es lohnte sich nicht mehr.
Die Töchter wollten nicht

Hinzu kam die Tatsache, dass Rüter den Betrieb mitten im Ort nicht hätte modernisieren können und dass seine beiden Töchter sagten, Landwirtschaft sei nichts für sie. Rüter kennt die Schicksale von Höfen, bei denen der Vater den Nachwuchs gezwungen hat, alles zu übernehmen. Das wollte er den Töchtern nicht antun. Also entschied er sich, aufzuhören.

„Aber das war nicht einfach.“ Fünfmal an diesem Nachmittag sagt Wilhelm Rüter diesen Satz, und man sieht es seinen Augen und seiner Nasenspitze an. Natürlich war es nicht einfach. Man beendet nicht das Berufsleben und eine Familientradition mit einem Federstrich. Im Moment hilft es Rüter, dass fremde Kühe in seinem Stall stehen: „Sähe sonst tot aus.“

Rüter kennt Bauern, die den letzten Tropfen Milch aus den Kühen rauspressen. Aber er sieht auch die Höfe, von denen die Frauen weggelaufen sind, weil es nur Arbeit und keine Perspektive gab, und er kennt die Kollegen, die ihren Kummer abends im Schnaps ersäufen. Im Dorf gab es vor 35 Jahren 22 Höfe. Jetzt sind es noch drei. Rüter war der letzte, der eigene Tiere gehalten hat. Auf 50 oder 60 Hektar im nahen Umkreis, auf denen früher die Traktoren fuhren, stehen heute Einfamilienhäuser. „Flächenfraß“, sagt Rüter.

Er hat erhobenen Hauptes aufgehört. Er schämt sich nicht wie viele, denen die Bank den Stall dichtgemacht hat, die sich für Versager halten, selbst dann, wenn es der Markt war, der den Hof kaputtgehen ließ. „Es ist in Ordnung“, sagt Wilhelm Rüter. „Aber schwer war’s schon.“

Lars Prigge, Steffen Meyer, Wilhelm Rüter – sie alle stehen nicht für eine idyllische, aber für eine fachgerechte Landwirtschaft, die sich nach Regeln richtet, bei denen auf Tiere und Natur Rücksicht genommen wird. Sie wissen: Landwirtschaft ist auch Wirtschaft, aber sie muss nachhaltig sein, sonst schneiden sie sich ins eigene Fleisch. Sie wissen, dass es schwarze Schafe in der Branche gibt, die weder vor pflanzlichem noch vor tierischem Leben Achtung haben und meist vor menschlichem auch nicht. Aber sie selbst sind nicht so.

Daten und Fakten zu Bauern in Niedersachsen

Insgesamt gibt es in Niedersachsen derzeit noch rund 37 800 landwirtschaftliche Betriebe. Die Zahl sinkt: Allein zwischen 2013 und 2016 haben 1700 Bauern aufgegeben. Ein Durchschnittsbetrieb hat heute 69 Hektar.
Der Anteil der Biobauern ist seit 2013 um 9 Prozent auf 1300 Höfe gestiegen. Sie bewirtschaften aber nur 3,3 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen. Insgesamt werden in Niedersachsen 2,6 Millionen Hektar Boden landwirtschaftlich genutzt, 73 Prozent davon als Acker, vorwiegend für Getreide.
Vor 150 Jahren haben die Menschen mehr als 60 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Nahrung ausgegeben. 1970 waren es noch 25  Prozent. Jetzt sind wir bei 13,7 Prozent.
Um 1900 hat ein Landwirt vier Menschen ernährt. 1960 waren es bereits 17 Personen. Heute muss ein Landwirt rein rechnerisch das Essen für bis zu 145 Menschen erzeugen.
Ein Selbstständiger in der Land- und Forstwirtschaft arbeitet rund 2050 Stunden im Jahr. Zum Vergleich: Arbeitnehmer in der Industrie kommen auf 1400 Stunden.
Statistisch erzielen Landwirte je Familienarbeitskraft pro Wirtschaftsjahr 39 700 Euro an Einkünften. Das entspricht einem Bruttomonatseinkommen von etwa 3300 Euro. Davon müssen aber außer Steuern auch die Neuinvestitionen für die Zukunft des Betriebs und die Zahlungen für die landwirtschaftliche Sozialversicherung bestritten werden.
EU-Subventionen bekommen Landwirte für die Pflege der Kulturladschaft und dafür, dass in Europa höhere Anforderungen an die Qualität der landwirtschaftlichen Erzeugnisse gestellt werden als andernorts.str     

Bert Strebe

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