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Der Norden Hier sind die Straßen in Niedersachsen am schlechtesten
Nachrichten Der Norden Hier sind die Straßen in Niedersachsen am schlechtesten
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06:21 24.04.2018
Steht auf dem Sanierungsprogramm der Region Hannover: Die Ortsdurchfahrt im Sehnder Ortsteil Ilten. Quelle: Franson
Hannover

Der Straßenbelag ist grobkörnig: Ein dunkler Streifen zieht sich über die Dorfstraße in Isernhagen K.B. Auf dem Bürgersteig an der St.-Marien-Kirche liegt noch etwas Material – Überbleibsel von den Tiefbauarbeiten auf der Kreisstraße 113. „Das müssen sie jetzt noch ein bisschen angleichen“, sagt eine 36-jährige Frau, die mit Tochter und Kinderwagen vorbeikommt. „Da sieht man ja noch eine richtige Kante.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die Straße notdürftig repariert wurde. Eigentlich bräuchte die komplette Ortsdurchfahrt in Isernhagen K.B. und F.B. eine grundlegende Sanierung. „Die Region hatte das längst vor“, sagt Matthias Kenzler (FDP), Ortsbürgermeister in K.B. Die Arbeiten hätten eigentlich schon beginnen sollen, nun sei aber erst von 2019 die Rede. 

Die K 113 ist nicht die einzige Ortsdurchfahrt, die die Region für eine Sanierung im Investitionsprogramm für die nächsten Jahre verankert hat. Auch die Ortsdurchfahrt im Sehnder Ortsteil Ilten (K 139) oder die K 365 in Seelze stehen auf dem Programm. 10 Millionen Euro sollen regionsweit verbaut werden. Alle fünf Jahre lässt die Region ihr 613 Kilometer umfassendes Kreisstraßennetz durch ein externes Unternehmen begutachten. 2014 das letzte Mal: Note 2,7 – befriedigend – lautete der Durchschnitt.

Experte ist besorgt

In der landesweiten Bestandsaufnahme des NDR schafft es die Region Hannover damit ins Mittelfeld. Rund jede vierte Straße regionsweit ist demnach in einem schlechten oder sehr schlechten Zustand. Allerdings stammen die Angaben aus der Überprüfung des Jahres 2014: „Alle Straßen, die 2014 sehr schlecht abschnitten, also mit der Note 5, sind seitdem neu gemacht worden“, teilt Regionssprecherin Sonja Wendt auf Anfrage mit.

In ganz Norddeutschland sind der Recherche zufolge ungefähr 3100 Kilometer Kreisstraßen in einem schlechten Zustand – rund 1950 Kilometer sogar in einem sehr schlechten. Für Berthold Best, Bauingenieur von der Technischen Hochschule Nürnberg, ist das Ergebnis „besonders besorgniserregend. Denn diese Straßen drohen kurzfristig in einen Zustand abzurutschen, der keine Erhaltungsmaßnahmen mehr zulässt, sondern der dazu führt, dass die Straßen erneuert werden müssen.“

In Niedersachsen hat das Kreisstraßennetz eine Länge von 13 700 Kilometern, in Mecklenburg-Vorpommern ist das Netz 4150 Kilometer lang, und in Schleswig-Holstein müssen sich die Kreise um 4124 Kilometer Straße kümmern.

NDR hat alle Kreise gefragt

Für die Bestandsaufnahme der Straßen in den norddeutschen Ländern haben die NDR-Autoren Nils Naber und Kian Badrnejad sämtliche Kreise und kreisfreien Städte um Informationen gebeten. Allerdings konnte ein Drittel der angefragten Kommunen keine genauen Daten liefern oder hat nicht geantwortet.

Die Kreise überprüfen den Zustand ihrer Straßen regelmäßig mittels der sogenannten Zustandserfassung und -bewertung (ZEB). Dieses Verfahren gilt als Standard, bei dem mithilfe von Kameras der Straßenzustand digital erfasst und in Kategorien von „sehr gut“ (Kategorie 1) bis „sehr schlecht“ (Kategorie 5) eingeteilt wird.

Das NDR-Fernsehen berichtet am Dienstag um 21.15 Uhr in seiner Sendung „Panorama 3“über das Thema.

Die Straßen in Stade: marode

Im Vergleich zum Kreis Stade steht die Region Hannover gut da. 25 Zentimeter dicke und stetig absackende Stahlbetonplatten auf moorigem Grund, tiefe Schlaglöcher, ein Durchfahrtsverbot für Motorräder – und seit 2014 strikt Tempo 30 für alle Autofahrer: Das ist die Kreisstraße 63 bei Groß Sterneberg westlich von Hamburg. Von den 382 Kilometern Straße im Landkreis Stade sind rund 76 Prozent in einem schlechten oder sogar sehr schlechten Zustand. Das weiß auch die Kreisverwaltung nur zu gut: „Und wir sind damit wirklich nicht glücklich“, sagt Sprecher Christian Schmidt.

Den letzten Platz im Ranking der Landkreise in Niedersachsen belegt zu haben, das sei ärgerlich, aber auch erklärbar: Der Kreis Stade habe über Jahre hinweg wenig Geld für Investitionen gehabt, erklärt Schmidt. In diesem Jahr summierten sich die Kreditschulden für Investitionen auf 144 Millionen Euro – Tendenz steigend.

Kreis setzt auf Transparenz

Lange Zeit wurde einfach zu wenig für den Straßenausbau ausgegeben: Eine umfassende Untersuchung des kompletten Straßennetzes durch eine externe Firma in den Jahren 2014 und 2015 brachte letztlich den immensen Sanierungsstau ans Licht. „So eine umfassende Untersuchung hat nicht jeder Landkreis machen lassen. Unsere Straßen wurden quasi geröntgt“, betont Schmidt mit Blick auf die Vergleichbarkeit im Ranking. Wer genau hinschaue, entdecke eben auch mehr Baustellen. Der Landkreis Stade sei so ehrlich gewesen und habe die Ergebnisse auch veröffentlicht.

Schlechte Straßen gesucht

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Seit 2015 investiert der Kreis Stade deutlich mehr Geld in seine Straßen – die Summe wurde von 1,5 Millionen Euro auf 5 Millionen Euro jährlich mehr als verdreifacht. „Das reicht nicht aus, ist aber ein Anfang“, sagt Schmidt. Die bessere Konjunktur habe den Haushalt wie bei vielen Kommunen etwas entlastet, berge aber auch Nachteile: Es fehle Personal in der Kreisverwaltung, um größere Straßenbaumaßnahmen zu planen. Ingenieure zu finden, sei heutzutage mehr als schwierig. Auch Baufirmen könnten sich ihre Projekte nun zwischen vielen Angeboten aussuchen. Da gehe es einer Kreisverwaltung nicht anders als jedem, der einen Maler für seine Wohnung suche. Dennoch: „Bis 2022 sollen im Landkreis 20 Kreisstraßen repariert oder saniert werden“, sagt Schmidt. „Wir arbeiten das sukzessive ab.“

Der Kreis Stade ist nicht der einzige, dem es an Geld mangelt, um die Straßen vernünftig zu erhalten. So gibt der Landkreis Lüchow-Dannenberg gerade mal 25 Cent pro Quadratmeter Straße aus. Laut Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen sind 1,10 Euro das absolute Minimum, das aufgewendet werden sollte, um ähnliche Straßen zu unterhalten.

Spitzenreiter in Niedersachsen ist der Heidekreis. Nur 5 Prozent der insgesamt 478 Kilometer langen Kreisstraßen sind schlechter als befriedigend. Dennoch zeigt sich die Kreisverwaltung durchaus bescheiden: „Wir haben hier wohl auch ein wenig Glück“, sagt Hans-Heinrich Röhrs, Fachgruppenleiter für Kreisstraßen. „Unsere Bauuntergründe im Heidekreis sind sehr stabil, wenig moorig. Das macht es einfacher.“ Mit dem Landkreis Stade könne man das nicht vergleichen.

Ganz vorne: der Heidekreis

Es gibt aber auch andere Gründe für den guten Zustand der Straßen im Heidekreis. Laut Röhrs setze man darauf, viel selbst zu machen. „Unsere Straßenmeisterei ist gut aufgestellt, wir müssen nicht jede kleine Arbeit ausschreiben.“ So sei die Unterhaltung der Straßen immer und regelmäßig gewährleistet: Jeder Riss, jedes Schlagloch werde umgehend mit eigenem Personal gestopft. 650 000 Euro stehen laut Röhrs jährlich im Haushalt für die reine Unterhaltung der Straßen zur Verfügung, eine weitere Million Euro, um Straßen komplett zu sanieren. Hinzu komme im Schnitt die Sanierung einer Ortsdurchfahrt pro Jahr, die ebenfalls noch einmal ein bis 2 Millionen Euro koste. „Wir machen noch selbst Straßenbau und das konsequent“, sagt Röhrs. „Vielleicht ist das unser Erfolgsrezept.“

In der Region Hannover steht im Jahr 2019 die nächste Begutachtung des Straßennetzes an – auch die K 113 in Isernhagen steht dann wieder auf dem Prüfstand. Die Region will sie bis zum Jahr 2020 wieder in Schuss gebracht haben. Manch einem fehlt inzwischen allerdings der Glaube an einen Baubeginn. „Die ersten Briefe zu diesem Thema sind vor etwa 25 Jahren rausgegangen“, sagt Angela Leifers (CDU), Ortsbürgermeisterin von Isernhagen F.B. – rund drei Kilometer auf der Ortsdurchfahrt von Matthias Kenzler in K.B. entfernt. Auch dort reihen sich die Flicken anein­ander. „Die Leute regen sich auf, und das tun sie zurecht.“

Von Carina Bahl, Nils Oehlschläger und Marco Seng

„Die Kreise können das nicht alleine leisten“

Der ADAC sieht bei den maroden Straßen die Kreise in der Pflicht – hält aber Unterstützung durch Land und Bund für nötig. 

Wie ist der Zustand von Niedersachsens Straßen?Kreisstraßen sind besonders marode, sie sind teilweise sehr alt, und den zuständigen Landkreisen fehlte und fehlt das Geld für gründliche und ausreichend nachhaltige Sanierungsmaßnahmen. Über Jahre und Jahrzehnte wurde daher hier eher Flickschusterei betrieben. Selbst wenn Geld da war – das bestätigen uns oft die Landkreise – konnten bestimmte Sanierungsmaßnahmen nicht umgesetzt werden, weil es teilweise an Personal fehlte. 

Warum sind die Straßen so kaputt?Erhöhten Schwerlastverkehr haben wir auf allen Straßen, wenn auch im geringeren Maße als auf dem übergeordneten Straßennetz. Aber gerade Lieferverkehre gehen ja über Kreisstraßen, und auch diese Belastung wirkt sich auf den Straßenzustand aus. Der Faktor des Investitionsstaus spielt aber die entscheidende Rolle.

Gibt es Berechnungen des ADAC, wie groß der Sanierungsstau ist?Es gibt keine Statistik oder Schätzung über die Höhe des Sanierungsstaus. Für uns ist jedoch klar, dass es für die Landkreise durchaus eine Förderung aus Landes- und Bundesmitteln geben muss, da die Anstrengungen nicht allein zu leisten sind. Gerade die gezielte und zweckgebundene Nutzung der Steuern, die der Autofahrer entrichtet, und der Lkw-Maut für Investitionen in den Straßenbau sind aus ADAC Sicht dringend nötig.

Welche Auswirkung hat der Zustand der Straßen auf das Unfallgeschehen?Grundsätzlich steigt das Unfallrisiko. Allerdings gibt es ja auch die sogenannte Verkehrssicherungspflicht. Also wird zunächst zum Beispiel ein Warnschild aufgestellt und eine Geschwindigkeitsreduzierung angeordnet – damit eben kein Unfall passiert bis geeignete Baumaßnahmen ergriffen werden können.

Wer haftet eigentlich, wenn auf einer maroden Straße etwas passiert?Sollte der Straßenbaulastträger – in diesem Fall der Landkreis – der Verkehrssicherungspflicht mit geeigneten Maßnahmen nachgekommen sein, kann ich ihn auch nicht haftbar machen. Nur, wenn er das nicht ordnungsgemäß getan hat, kann ich den Landkreis verklagen. Deshalb sollte man, wenn ein solcher Fall eintritt und weder Warnungen noch Geschwindigkeitsbegrenzungen vorlagen, den Schaden, aber auch den Straßenzustand sorgfältig dokumentieren.

Interview: Marco Seng

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