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Der Norden „Ohne Landesbeteiligung wären wir nicht mehr vorhanden“
Nachrichten Der Norden „Ohne Landesbeteiligung wären wir nicht mehr vorhanden“
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00:15 30.01.2018
Heinz Jörg Fuhrmann, Vorstandsvorsitzender Salzgitter AG Quelle: Salzgitter AG
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Hannover

Vor 20 Jahren hat die niedersächsische Landesregierung die Salzgitter AG verstaatlicht, um eine Übernahme durch den österreichischen Konkurrenten Voest zu verhindern. Hat sich das gelohnt, Herr Fuhrmann?

Das Land Niedersachsen und die Norddeutsche Landesbank haben damals von der Preussag AG 99,8 Prozent der Anteile für 1,06 Mrd. D-Mark übernommen. Am 2. Juni 1998 erfolgte der Börsengang. Heute hält das Land 26,5 % der Aktien. Aufgrund unserer konstanten Dividendenzahlungen hatte sich der Kaufpreis schon nach zehn Jahren voll amortisiert! Unser Konzern-Umsatz wurde seitdem verdreifacht, die Mitarbeiterzahl verdoppelt und der Aktienkurs verfünffacht. Die Salzgitter AG ist heute rund 2,7 Mrd. Euro wert. Es war also eine hervorragende Investition für jeden Aktionär, der dabeigeblieben ist.

Ganz so gut ging es Ihnen aber nicht immer, das Stahlgeschäft verläuft sehr zyklisch...

Das ist richtig: Außerdem hinterließ die Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 auch bei uns tiefe Spuren. Im Jahr 2013 waren wir deshalb – bildlich gesprochen - auf der Intensivstation, 2014 wurden wir sozusagen auf die normale Station verlegt, 2015 kamen wir in die Reha und heute sind wir ein Aspirant für das goldene Sportabzeichen.

Thyssenkrupp will seine Stahlsparte mit Tata zusammenlegen, Siemens treibt seine Aufspaltung weiter voran, Continental denkt darüber nach. Salzgitter hingegen hält an der Idee des Mischkonzerns fest; unter anderem gehören auch drei Spezialmaschinenbauer zu Ihnen. Ist das nicht altmodisch?

Oft ist der Schritt in Richtung Aufspaltung ja keine freiwillige Entscheidung. Denn in vielen Fällen wird dieser Weg nicht aus eigener Überzeugung gegangen, sondern dem Druck von außen gefolgt – nur gibt das niemand gerne zu. Die entscheidende Frage ist doch: Wem sind wir verantwortlich? Wir orientieren uns an unseren Stakeholdern, also an den langfristigen Interessen sowohl unserer Kunden, Aktionäre, Mitarbeiter, Lieferanten als auch denen der Region. Beachtlicherweise haben wir damit mehr Shareholder-Value geschaffen als manche, die stets die Maximierung des Unternehmenswertes im Munde führen.

So entspannt können Sie aber nur sein, weil das Land immer noch als Großaktionär an Bord ist, oder?

Natürlich. Ohne die Landesbeteiligung wären wir als eigenständiges Unternehmen nicht mehr vorhanden. Aber müssen wir deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Ich finde: nein. Wir haben uns nicht ausgeruht, sondern geliefert. Im Übrigen sind wir kein Gemischtwarenladen, sondern ein diversifizierter Konzern. Unsere DNA ist der Stahl - die können und wollen wir auch nicht austauschen. Unser Ziel ist es aber, die weniger zyklischen stahlferneren Aktivitäten auszubauen.

Ihre Branche leidet seit langem unter Überkapazitäten. Laut OECD könnten aktuell weltweit 2,4 Milliarden Tonnen Stahl produziert werden, der Verbrauch lag zuletzt aber nur bei 1,5 Milliarden Tonnen. Warum ändert sich das nicht?

Fuhrmann: Das Problem besteht in der Tat schon länger; mit der Industrialisierung Chinas hat es sich vervielfacht. Etwa die Hälfte der Überkapazitäten entfällt heute auf China, in Europa sind es nur noch 30 Millionen Tonnen pro Jahr. Jeder kämpft selbstverständlich um seine Auslastung - und jede Regierung will „ihre“ Unternehmen schützen, wegen der Arbeitsplätze und weil Stahl die Basis vieler industrieller Wertschöpfungsketten ist. Da will sich niemand von Importen abhängig machen.

In Europa war das zwischenzeitlich mal anders...

In der EU haben wir zur Jahreswende 2015/16 sozusagen ein Experiment am offenen Herzen erlebt, denn es gab für den europäischen Stahlmarkt so gut wie keine Handelsschutzmaßnahmen. Deshalb kamen Unmengen von chinesischem Stahl zu Dumpingpreisen auf den Markt. Zum Glück hat die Politik schnell reagiert. Ansonsten hätten wir diese katastrophale Situation vermutlich keine zwei Jahre ausgehalten, und trotz unserer finanziellen und bilanziellen Solidität am Ende nicht überlebt.

Gefahr droht aber auch von der Nachfrage-Seite: Wenn Autokarossen leichter werden, braucht man weniger Stahl...

Da bin ich mir nicht so sicher. Bisher sind die Autos immer schwerer geworden. Der erste Golf wog 800 Kilo, das heutige Modell hingegen über 1,2 Tonnen. Neben einer Menge Kunststoff, Glas und Elektronik wird auch viel Stahl verbaut, der heute im Übrigen erheblich hochwertiger ist: Nicht von ungefähr schneiden Kleinwagen beim Crash-Test aktuell besser ab als früher ein Mittelklassefahrzeug. Und im Rahmen der Elektromobilität verliert das Gewicht ohnehin an Bedeutung.

Inwiefern?

In einem E-Auto wirkt der Motor zugleich auch als Generator. Wenn sich die Energie, die zum Anfahren und Beschleunigen verbraucht wird, beim Bremsen zurückgewinnen lässt, verliert das Gewicht an Bedeutung. Damit kann der Stahl seine anderen Vorteile – Festigkeit, Verformbarkeit, 100 Prozent recyclingfähig, günstiger Preis – ausspielen. Die Zeit des Stahls im Auto ist also längst noch nicht vorbei, vielleicht bekommen wir sogar einen neuen Schub.

Salzgitter verdient derzeit gutes Geld, gleichwohl haben Sie mit „Fit Structure“ erneut ein Spar- und Umbauprogramm aufgelegt. Hört das nie auf?

Sie meinen: Machen wir nicht etwas falsch, wenn nicht irgendwann damit Schluss ist? Nein. Ein 160 Jahre altes Unternehmen ist wie ein menschlicher Körper über 50: Man steht morgens auf und es kneift ‚mal hier und ‚mal da; deshalb muss man aber nicht beunruhigt sein – man ist auch nicht sterbenskrank. Aber es gibt eben immer etwas zu behandeln, um fit zu bleiben.

Sie streben ein Gleichgewicht von stahlnahen und stahlferneren Aktivitäten im Konzern an. Wann erreichen Sie das?

Zurzeit erzielen wir 60 Prozent unseres Umsatzes in stahlnahen Bereichen. Ziel ist, das faktische Umsatz- und Wertschöpfungsportfolio mit profitablem Wachstum von den derzeit 60 Prozent Stahl zu 40 Prozent Nicht-Stahl in Richtung 50/50 zu entwickeln. Eine Verschiebung von 10 Prozent klingt zunächst nicht spektakulär. Es ist aber nicht wenig, wenn man im stahlferneren Bereich organisch wachsen will. Das Ziel ließe sich natürlich auf einen Schlag erreichen, wenn wir den Stahl ausgliedern würden – aber das wollen wir ja nicht.

Wenn wir 20 Jahre nach vorn blicken: Wird es Salzgitter als eigenständiges Unternehmen dann immer noch geben?

Ja. Wenn wir agil bleiben, wenn das Land als Ankeraktionär dabeibleibt und wenn wir weiterhin keine abrupten Kurswechsel vollziehen, sondern kontinuierlich wachsen und sich bietende Chancen beherzt aufgreifen, bin ich sehr zuversichtlich. Vielleicht werden wir unseren Umsatz nicht noch einmal verdreifachen – aber eine Verdopplung sollte möglich sein.

Von Jens Heitmann und Stefan Winter

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