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Der Norden Wetterextreme fordern Bauern heraus – Was tun?
Nachrichten Der Norden Wetterextreme fordern Bauern heraus – Was tun?
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00:18 06.08.2018
Die Ernte verkümmert, die Wärme lockt neue Schädlinge an – was tun? Quelle: dpa
Hannover

Hitze und Trockenheit machen den Bauern in Niedersachsen seit Wochen zu schaffen. Inzwischen ist klar: Es gibt herbe Ernteeinbußen, die nach Angaben des Landvolks mehr als eine Milliarde Euro betragen; das Raufutter für Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen ist besonders knapp. Vor allem Grünlandbetriebe im Nordwesten des Landes wissen kaum noch an Gras, Heu oder Silage für die Tiere zu kommen. Aber auch rund um Hannover haben die Landwirte mit dem lang anhaltenden Hochsommerwetter zu kämpfen, auch hier werden Kühe vorzeitig zum Schlachter gebracht. Obstanbauer und Kartoffelbauern –zumindest die mit Beregnungsmöglichkeit – stehen noch vergleichsweise gut da, müssen aber mit erheblichen Zusatzkosten zurechtkommen. Wegen der Wetterextreme halten viele Landwirte verstärkt nach neuen Anbausorten für ihre Felder Ausschau. Für den Klimawandel seien sie nicht verantwortlich, betonen sie. Aber sie müssten auf ihn reagieren. Die HAZ hat sich auf ganz unterschiedlichen Höfen umgehört.

Der Milchviehbetrieb: Kühe leiden unter Hitzestress

„Als ich hier auf dem Hof aufwuchs, gab es auch heiße Tage“, erinnert sich Alfred Dröse. „Aber nicht so viele am Stück.“ Längst hat der inzwischen 54-Jährige den Milchviehbetrieb in Sehnde-Dolgen von seinem Vater übernommen. Er führt einen mittelgroßen Betrieb mit 125 Kühen. Die geben täglich 7000 Liter Milch –normalerweise. Zurzeit geben sie nur 6000 Liter, wie der Landwirt berichtet: „Das sind 200 Euro weniger Milchgeld am Tag.“ Dass die Herde bei der Hitze eine Tonne Mischfutter pro Tag weniger fresse, gleiche solche Verluste nicht aus. Aber es mildert zumindest ein wenig die Sorge ums Futter.

Milchbauer Alfred Dröse in Sehnde-Dolgen hat zu wenig Futter für seine Kühe. Quelle: Tim Schaarschmidt

Die Rinder finden draußen so wenig Gras, dass Dröse dort schon mit „Notverpflegung“ eines sich solidarisch zeigenden Kollegen zufüttert. Fünf Kühe, die eigentlich im Herbst zum Schlachthof sollten, hat er vor vier Wochen vorzeitig verkauft, solange der Preis noch stimmte. So haben die anderen auch mehr Luft im Stall. „Temperaturen über 25 Grad bedeuten für Kühe großen Stress,“ sagt der Milchviehhalter. Vor allem wenn auch die Nächte warm sind, hecheln die Tiere nachmittags buchstäblich nach Abkühlung. Im Stall, ein Modell von 1992, habe er zum Glück vor zwei Jahren eine Schlauchlüftung eingebaut, die auf jede einzelne Liegebucht eine kühle Brise richtet, erzählt Dröse. Statt rund 80 Liter trinken die Kühe zurzeit 150 Liter Wasser am Tag.

Aktuell könne die Politik helfen, indem sie statt an ökologischen Kriterien ausgerichteter Zwischenfrüchte ausnahmsweise die Einsaat dringend benötigter Futterpflanzen erlaube. Und Mais, der bei Biogasanlagen lagert oder dort schon vertraglich angekündigt ist, könnte man den Viehhaltern zukommen lassen, meint Dröse: „Das wäre sinnvoller als eine reine Trockenprämie, die nur die Pachtpreise hochtreibt.“ Auf seinen Feldern will er verstärkt Rotklee und Luzerne säen, weil die mit Trockenheit vergleichsweise gut klarkommen. Allgemein empfiehlt der Landwirt gegen die Klimaerwärmung: „Autofahren und Fliegen sollten teurer werden.“

Die Biobauern: Sogar Soja knickt ein

Soja und Wärme passen eigentlich gut zusammen. Seit ein paar Jahren bauen Landwirte vorausschauend auch in Nordeutschland die Eiweißpflanze erfolgreich an. Die Trockenheit dieses Sommers verkraften aber selbst die eigentlich weiter südlich beheimateten Sojabohnen nicht. Silvia und Hermann Hemme begutachten auf ihrem Biohof Rotermund-Hemme in Brelingen ihr sonst üppig grünes, jetzt vergilbtes Feld. „Normalerweise haben die Pflanzen vier bis fünf Schotenansätze, diesmal zwei“, sagt Hermann Hemme. Davon enthalte jede statt vier bis fünf Körner zurzeit leider auch nur zwei Bohnen. Nur das Unkraut vergeht nicht, wie die hoch gewachsene Melde zwischen Feldfrüchten zeigt. Sie zu hacken, lohnt sich bei der geringen Sojaausbeute in diesem Jahr kaum.

Geringe Ausbeute: Silvia udn Hermann Hemme in ihrem Sojafeld. Quelle: E-Mail HAZ

Auch auf den anderen Feldern in der Wedemark mit Dinkel, Hafer und Weizen, Mais, Erbsen, Kartoffeln und Triticale hat der Biohof in diesem Jahr mit Ernteeinbußen bis zum Totalausfall (bei den Erbsen) zu kämpfen. Für Beregnung nämlich ist das Grundwasser in Brelingen zu tief. Viel größere Sorgen mache ihr aber die Mutterkuhherde, sagt Silvia Hemme. Die 50 Kühe und Kälber fänden draußen kaum noch Gras: „Sie sind nicht so proper wie sonst.“. Einige Regengüsse hatten kürzlich wenigstens etwas Erleichterung gebracht. „Ein grüner Schimmer“, sagt Silvia Hemme mit Blick auf die Wiesen. Sechs Tiere sind schon vor fünf Wochen, als sich die lange Trockenperiode abzeichnete, vorzeitig zum Schlachten gebracht worden.

2000 Hühner hält die Familie auch; sie vertragen in ihren luftigen Ställen das Wetter offenbar gut. Der Körnermais allerdings, den das Federvieh gewöhnlich vom eigenen Feld bekommt, muss in diesem Jahr zugekauft werden. Denn die karge Maisernte wird für die Rinder gebraucht. Hermann Hemme freut sich, dass er als Biobauer dank einer Ausnahmeregelung in diesem Jahr konventionell angebautes Futter zukaufen darf. Die Nachfrage nach einem ohnehin knappen Gut wird dadurch indes noch gesteigert. Teures Futter könnte dazu führen, dass auch die Eierpreise im Hofladen demnächst steigen werden. Hemme ist froh, dass der Betrieb sich nicht auf einen Betriebszweig spezialisiert hat. „Wenn man sich breit aufstellt, kann das helfen“, meint er. Als der Bauernsohn 1986 anfing, den Schweine-, Rinder- und Ackerbaubetrieb der Eltern auf Bioland-Erzeugnisse umzustellen, sei das Klima noch kein großes Thema gewesen, sagt der 54-Jährige. Man habe vor allem tiergerecht und ohne Gift arbeiten wollen –und hatte damals schon die nachfolgenden Generationen im Blick.

Der Kartoffelanbauer: Hohe Kosten ohne Ausgleich

Auf seine Frühkartoffeln ist Jan Schnepel stolz – auch im Hitzesommer. Der Landwirt aus Neustadt-Bevensen zeigt die dicken Leyla-Knollen in einer gut gefüllten Holzkiste vor der Kühlhalle. Dank Beregnung, ohne die der Anbau auf dem sandigen Boden gar nicht infrage käme, hätten die frühen Sorten keinen Schaden genommen. „Ich habe das große Glück, dass schon mein Großvater 1977 in der Feldmark eine damals sehr moderne Beregnung mit Erdleitungen installiert hat“, erzählt Schnepel. Der 41-Jährige selbst hat Anfang diesen Jahres 50.000 Euro in eine zusätzliche energiesparende Tiefenpumpe investiert, die 25 Meter unter der Erde das Wasser direkt in die Leitungen pumpt: „Der Zeitpunkt war eine glückliche Fügung.“ Den Strom für die Elektropumpe liefert die eigene Photovoltaikanlage auf der Scheune.

Auf die Wetterextreme stellt sich der Landwirt mit neuen Sorten ein. Anstelle der beliebten, aber wasserintensiven Celena-Kartoffel hat er zum Beispiel die insgesamt robustere Venezia-Knolle im Blick, die fast genauso schmecke. Aus dem Programm auf dem Acker wird Schnepel in diesem Jahr den Raps verabschieden: „Der fliegt raus, weil er drei Jahre in Folge schlechte Erträge gebracht hat.“ Mais dagegen sei eine Art „Wunderpflanze“, die nicht nur tief wurzelt, sondern sich in Trockenzeiten nach einem Regenguss auch sehr schnell wieder erholt. „Rüben werden immer schwieriger“, sagt Schnepel. Doch das habe vor allem mit niedrigen Preisen auf dem freien Weltmarkt zu tun, auf dem sie sich neuerdings behaupten sollen. Ob die knallige Sonne die Qualität der Zuckerrüben verbessert, sei noch unklar. Auch ob der Großteil seiner auf rund 50 Hektar angebauten Kartoffeln, der Ende August geerntet wird, den Hitzestress übersteht, ohne dass sich unansehnlicher, wenngleich ansonsten unbedenklicher Schorf bildet.

Neue Sorten im Blick: Jan Schnepel und seine Frühkartoffeln, die ohne Schäden davonkamen. Quelle: E-Mail HAZ

Der Vater von drei Kindern gehört zu der Gruppe konventionell wirtschaftender Landwirte, die mit Überzeugung an Blühstreifen- und anderen Programmen zum Artenschutz teilnehmen. Er hätte nichts dagegen, wenn die EU ihre Zahlungen stärker an ökologischen Kriterien orientieren würde, sagt er: „Da wo es passt und nicht am Ziel vorbeigeht.“ Mit einer Trockenprämie nach dem Hitzesommer kann Schnepel nicht rechnen. Die 40.000 Euro, die er allein an zusätzlichen Betriebskosten für die Beregnung hat, werden wohl unberücksichtigt bleiben.

Der Obsthof: Wärme bringt neue Schädlinge

Obstanbauer freuen sich über den warmen Sommer, ist vielfach zu hören. Schließlich brauchen die Früchte die Sonne, um schön zur richtigen Süße zu reifen. Ganz so einfach geht die Rechnung allerdings nicht immer auf. Zu viel Sonne kann etwa bei empfindlichen Cox-Äpfeln zu einem hässlichen Sonnenbrand führen. „Bei 60 Grad in der Sonne kocht der Apfel richtig“, sagt Klaus Hahne in Laatzen-Gleidingen. Ungefähr jeder hundertste Apfel auf seinem Obsthof sei schon betroffen: Sie bekämen erst braune, dann schwarze Stellen; am Ende blubbere aus einer Art Krater eine braune Masse heraus. Hahne hat viel Erfahrung, 1990 hat der inzwischen 60-Jährige den Obstbetrieb vom Vater übernommen. Die unverkäuflichen Äpfel mit Sonnenbrand lässt er zurzeit an den Bäumen hängen. „Sie spenden den anderen Schatten“, sagt er. Schön rot würden Äpfel im Übrigen nur, wenn es nachts ausreichend abkühle. Geerntet würden sie in diesem Jahr ungefähr zwei Wochen früher.

Die Hitze führt zu Sonnenbrand: Obstbauer Klaus Hahne begutachtet seine Äpfel. Quelle: Foto: Heidrich

Zurzeit werden auf den –mit Beregnungssystem versehenen – Plantagen Brombeeren gepflückt, außerdem Himbeeren, Zwetschen, Mirabellen und Pfirsiche. Letztere passten nicht erst neuerdings nach Norddeutschland, meint Hahne: „Die hatte schon meine Oma im Garten.“ Diese Früchte würden durch die Sonne zurzeit tatsächlich angenehm süß. Gleiches gelte für die Tafeltrauben. Die Aprikosen dagegen, recht neu im Repertoire, seien im März fast komplett in der Knospe erfroren: „Von unseren 300 Bäumen haben wir gerade mal acht Kilo geerntet.“ Die Forschung suche bei allen Früchten nach unempfindlicheren Sorten. Auch für die Pflücker bedeute die Hitze großen Stress, sagt der Obstbauer. Er setze die Helfer deshalb zurzeit ab 5 Uhr morgens und bis abends um neun ein –mit einer langen Pause von 13 bis 19 Uhr. Die Kunden kämen leider auch nicht wie gewohnt zu den Marktständen.

Über das aktuelle Wetter hinaus macht laut Hahne der Klimawandel den Obstbauern längst zu schaffen. Die höheren Temperaturen hätten in den letzten Jahren neue Schädlinge in den Norden gelockt. „Die Kirschfruchtfliege war vor 20 Jahren nur bis Kassel vorgedrungen“, sagt Hahne. „Weil es hier wärmer geworden ist, haben wir sie nun auch hier.“ Gegen die ebenfalls neu aufgetretene Kirschessigfliege, die trotz ihres Namens verschiedenste Früchte bedroht, müsse sich der Betrieb aufwändig mit vier Meter hohen Wänden aus Fliegengaze um die Plantagen schützen. Für ein gutes Mikroklima sorgen auf dem Obsthof unter anderem eigens gepflanzte Hecken. Wenn anderswo große Betriebseinheiten immer noch größer würden, trage das nicht gerade zum Klimaschutz bei, meint Hahne. „Man muss sich aber als Verbraucher auch an die eigene Nase fassen“, ergänzt er und schließt sich dabei ausdrücklich ein: „Konsum, Reisen – da sollten wir mehr nachdenken und manches reduzieren.“

Von Gabriele Schulte

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