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Der Norden Hier gärtnern 15 Nationen nebeneinander
Nachrichten Der Norden Hier gärtnern 15 Nationen nebeneinander
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19:14 09.09.2018
Ahmed Yossef und Tochter Garin beim Rasenmähen: Vier syrische Familien haben sich im Kleingärtnerverein in Osnabrück eingerichtet. Quelle: Rebecca Hürter
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Osnabrück

Emil Zuleia kennt in der Deutschen Scholle jeden Garten. Auch den von Ahmad Yossef. Zuleia ist Vorsitzender des Kleingärtnervereins Deutsche Scholle in Osnabrück, ein ausgezeichneter Verein, der gerade den Niedersächsischen Integrationspreis gewonnen hat. Vier Familien aus Syrien haben sich hier vor zwei Jahren eingerichtet, die Familie von Ahmad Yossef ist eine von ihnen. „Der Ahmad hat eine Deutschlandfahne und zwei Krippen an seiner Hütte hängen“, sagt Zuleia. Er geht vorbei an geschnittenen Hecken, Frösche quaken, Gartenzwerge lugen zwischen Bäumen hervor, Rehkitze aus Ton und Plastik thronen auf grünem Gras. Nur warum Ahmad Yossef sich für den Krippenschmuck entschieden hat, das weiß auch Zuleia nicht. „Das müssen wir ihn selbst fragen.“

Zuleia ist unterwegs zu den neuen Kleingärtnern. „Wir sind hier schon immer multikulti“, sagt er. Vögel zwitschern, die Siedlung strahlt Ruhe aus. Und Zuleia bestätigt: Solange die Hecke geschnitten ist, gibt es keine Probleme. „Die Regeln gelten für alle – egal ob deutsch oder nicht.“ Der 71-Jährige deutet auf eine Hecke: „Die ist zu hoch“, sagt er zu seinem Freund Dobirivoje Stevanovic. 1,20 Meter darf sie sein, hier sind es 1,60 Meter.

„Das ist hier nicht nur chillen und mal grillen, das ist richtig Arbeit“, sagt Zuleia. Er achtet als Vereinsvorsitzender darauf, dass sich die Gärtner an die Vorschriften halten. Daran mussten sich auch die Familien aus Syrien erst gewöhnen. „Es hat auch mal geknackt und gekniffen“, sagt Zuleia. Müllentsorgung war so ein Thema. Im Kleingarten wird kompostiert. Doch wenn die deutschen Kleingärtner von Humus sprächen, sorge das auch schon mal für Missverständnisse, berichtet Zuleia lachend. Schließlich sei Hummus in der arabischen Welt eine Spezialität, die auf dem Teller lande.

Gärtnern macht heimisch

Auch in anderen Bereichen habe es kleinere Verwirrungen gegeben, erzählt Zuleia und weicht einem Fahrrad aus, das ihm auf dem schmalen Weg entgegenkommt. „Wenn jemand eine Dattelpalme anbauen will, müssen wir sagen, das geht nicht. Die wächst hier einfach nicht.“ Die Äpfel gedeihen dafür umso besser. Überall am Wegesrand stehen Kisten, aus denen sich Vorbeigehende Obst nehmen können.

In der kleinen Welt zwischen ordentlich gepflegten Gemüsebeeten, Gartenzwergen, Teichen und Hütten entstehen Freundschaften. Zuleia und Stevanovic geht es um die Integration. Vor allem angesichts der Entwicklungen in anderen Städten: „Was da in Chemnitz passiert, das macht keinen guten Eindruck“, sagt Stevanovic.

Seit 48 Jahren lebt er in Osnabrück, seinen serbischen Akzent hat er bis heute nicht abgelegt. „Wenn ich jetzt nach Deutschland kommen würde, dann hätte ich Angst“, sagt Stevanovic. Der 69-Jährige hat selbst erfahren, wie das Gärtnern helfen kann, heimisch zu werden. Schnell kam er mit anderen in Kontakt. Mit Deutschen, Russen, Türken, Spaniern: „Ganz egal.“

In 700 Gärten bauen in der Deutschen Scholle Menschen aus 15 Nationen ihr Gemüse an. Aber woher kommt der Name der Kolonie? 1916 wurden die ersten Gärten laut Zuleia von russischen Kriegsgefangenen aufgebaut. „Der Kleingärtnerverein hieß Moskau.“ Der Vereinsvorsitzende zögert kurz, bevor er weitererzählt: „Dann kam 1933 und der Kleine mit dem Bart. Seitdem heißt er Deutsche Scholle.“ An eine Umbenennung denkt der Verein nicht.

Das Knattern eines Rasenmähers beendet das Gespräch. Zuleia zeigt auf eine braune Holzhütte: „Wir sind da.“ Ahmad Yossef steht hinter dem Rasenmäher. Seine Tochter Garin will auch mal probieren. Einige Meter schiebt die Fünfjährige das schwere Gerät über die Wiese, dann erstirbt das Knattern langsam. Ahmad Yossef lacht. Mit seiner Frau Amira und Garins Schwester Telinaz (11) begrüßt er Zuleia und Stevanovic an der Pforte.

„Die Menschen hier sind gut“

Im Garten duftet es nach frischer Minze. Bald sollen hier auch Auberginen, Zwiebeln und Knoblauch wachsen. So wie in Syrien. In Kobane hatte die Familie Yossef ein eigenes Haus mit Garten. Doch davon ist nichts geblieben. „In unserem Zuhause ist alles kaputt“, sagt Garin und klettert auf den Schoß ihres Vaters. Er holt sein Smartphone heraus, zeigt Fotos von den Trümmern, die der Krieg hinterlassen hat.

Für seine Familie gibt es keinen Weg zurück in die zerstörte Heimat. „Die Menschen hier sind gut, sie helfen alle“, sagt Amira Yossef. Und auch der Garten hat der Familie geholfen. „Manchmal kommen Nachbarn zu uns rüber und trinken Tee und unsere Kinder spielen“, sagt Amira Yossef. „Die Familien hier essen viel zusammen – deutsches Essen, syrisches Essen – und trinken Bier“, sagt Ahmad Yossef.

Und die Krippen an der Hüttenwand? Mit Religion haben sie wenig zu tun. „Viele Freunde in Syrien waren Christen“, sagt Ahmad Yossef. „Sie erinnern uns an Syrien.“

Von Rebecca Hürter

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