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Der Norden Wie die Aufklärung der Göhrde-Morde gelang
Nachrichten Der Norden Wie die Aufklärung der Göhrde-Morde gelang
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00:16 31.12.2017
Polizisten durchsuchen im Juli 1989 den Wald in der Göhrde. Quelle: dpa
Lüneburg

  Er wollte Gewissheit haben und ist hartnäckig geblieben.  Wolfgang Sielaff, früher Chef des Hamburger Landeskriminalamts, hat 1989 seine Schwester verloren und forschte ihrem Schicksal, als die offiziellen Polizeiermittler längst aufgegeben hatten, auf eigene Faust jahrzehntelang nach  –bis er im September dieses Jahres endlich ihre Knochen in einer Garage bei Lüneburg fand. Jetzt hat die Polizei dem Friedhofsgärtner Kurt-Werner W., dem die Garage gehörte, nach einer Untersuchung von DNA-Spuren in einem Opferfahrzeug auch die ebenso lange rätselhaften Morde an zwei Paaren in der Göhrde im selben Jahr zugeordnet. Privatermittler Sielaff zeigte sich am Donnerstag sehr erleichtert, denn er weiß, wie wichtig Gewissheit für die Angehörigen von Gewaltopfern ist.  „Für die Familien der Opfer der Göhrde-Morde beginnt jetzt eine neue Zeitrechnung“, sagte der 75-Jährige der HAZ, „die Zeit nach der Identifizierung des Täters.“

Die Göhrde-Morde erschüttern im Sommer 1989 die Republik: Das Ehepaar Ursula und Peter Reinold aus Hamburg-Bergedorf sowie das Liebespaar Ingrid Warmbier aus Uelzen und Peter-Michael Köpping, Lotto-Vertreter aus Hannover, werden nacheinander in dem Waldgebiet im Kreis Lüchow-Dannenberg grausam getötet. Im gleichen Zeitraum verschwindet Birgit Meier aus ihrem Bungalow in Brietlingen-Moorburg am Stadtrand von Lüneburg – die Unternehmerfrau ist die Schwester des Hamburger LKA-Chefs Sielaff.  Auch das Schicksal der 41-Jährigen konnte die Polizei zunächst nicht klären. Die Familie vermutete schnell ein Verbrechen. Die damaligen Beamten vor Ort gingen Hinweisen aber eher zögerlich nach. Sie hielten den Ehemann für den Täter. Zu Unrecht, wie sich he­rausstellte.

Wolfgang Sielaff hat das Schicksal seiner Schwester Birgit nicht ruhen lassen. Der damalige Hamburger Polizeichef erreichte, dass Polizeipräsident Robert Kruse in Lüneburg die Ermittlungsgruppe „Iterum“ (auf Deutsch: noch einmal) einsetzte. Die fand schließlich einen entscheidenden Hinweis in alten Asservaten, die man längst vernichtet glaubte: In der Medizinischen Hochschule in Hannover lag eine Handschelle aus dem Besitz Kurt-Werner W.s, daran ein Tropfen Blut – von Birgit Meier

Die Ermittler kennen im Fall Meier und bei den Göhrde-Morden die Annahmen Wolfgang Sielaffs. Der ehemalige Hamburger Top-Ermittler hat ein privates Team von kriminalistischen Experten um sich versammelt, darunter den Chef der Hamburger Rechtsmedizin, Prof. Klaus Püschel, außerdem den renommierten Strafverteidiger Gerhard Strate, dazu Kriminalpsychologen und Fachleute für ungeklärte Mordfälle.

Sie waren es auch, die Ende September 2017 die sterblichen Überreste Birgit Meiers am Lüneburger Stadtrand entdeckten: unter der Garage ihres mutmaßlichen Mörders W. im Streitmoor bei Vrestorf. Die Polizei hatte das Haus zuvor erfolglos abgesucht, Leichenspürhunde hatten nicht angeschlagen. Die Gruppe um Sielaff wunderte sich, warum eine Kfz-Grube nur 80 Zentimeter tief war, ungewöhnlich, wenn man Autos reparieren will. Ein Handwerker stemmte den Boden auf, dort lagen dann die Knochen Birgit Meiers. Dazu eine Plastiktüte über dem Schädel, ein Strick und Ohrringe der Toten. 

Sielaff, der pensionierte Polizist,  hat erlebt, wie es ist, als Angehöriger alleingelassen zu sein und zu sehen, wie Ermittlungen versickern. Wie hilflos man sich fühlt, nicht zu wissen, was mit einem geliebten Menschen geschah, wer der Mörder ist. Nach seiner Pensionierung leitete er die Opferhilfe-Organisation Weißer Ring in Hamburg, setzte sich auch dort immer für die Belange von Angehörigen ein. Der 75-Jährige kennt Hinterbliebene der Göhrde-Morde und steht in engem Kontakt mit ihnen. 

Da die Leichen der ermordeten Paare vergleichsweise schnell gefunden wurden, hätten deren Familien ihre Angehörigen wenigstens damals begraben können, sagt Sielaff. „Jetzt wissen sie endlich auch, wer der Täter ist.“ Weil die Polizei von einem Mittäter ausgeht, blieben allerdings noch Fragen offen. Auf diese Weise könne aber immerhin weiter ermittelt werden. Die Akte des schon zu Anfang zeitweise in Verdacht geratenen Kurt-Werner W. musste nach dessen Selbstmord 1993 geschlossen werden. Denn gegen Tote darf nicht ermittelt werden.

Sielaff hatte die Ermittler früh  auf den möglichen Zusammenhang des Verschwindes seiner Schwester mit den Göhrde-Morden hingewiesen. In einem „geheimen Zimmer“ des Friedhofsgärtners, zu dem offiziell unbestätigten Informationen zufolge außer dem Mörder auch der zehn Jahre jüngere Bruder des –verheirateten – Gärtners Zugang hatte, fand Sielaff 2013  als Bestätigung unter anderem Videokassetten mit „Aktenzeichen-XY-Sendungen“ und Zeitungsausschnitten dazu. 

Als die Polizei das „geheime Zimmer“ untersucht, entdeckt sie zwei Kleinkaliber-Gewehre, eien umgebauten scharfen Schreckschuss-Revolver, einen Elektroschocker, Handschellen, Ketten mit Vorhängeschloss, Beruhigungs- und Schlaftabletten. Wie die „Lüneburger Landeszeitung“ berichtet, lagen im Golf des Gärtners zudem ein Bundeswehr-Schlafsack, ein Fernglas und diverse Gelände- und Straßenkarten. War er als „Jäger“ unterwegs, auf der Suche nach Beute?

Von einem Komplizen ist Sielaff seit Langem ausgegangen. „Wie wäre der Mörder, der dann mit dem Auto der Opfer aus Hamburg wegfuhr,  sonst in die Göhrde gekommen?“, fragt er. Diese Annahme bestätigte am Donnerstag auch die Polizei. Ebenso Sielaffs seit Jahrzehnten gehegte andere Vermutung: W. könnte für etliche weitere Taten in Frage kommen. 

Die kriminelle Karriere des 1949 geborenen späteren Gärtners beginnt jedenfalls früh. Schon als 19-Jähriger wird er nach der Vergewaltigung und versuchten Tötung einer 17-Jährigen am Elbe-Seiten-Kanal bei Lüneburg zu fünfeinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Mehrere unaufgeklärte Morde in der Region, schon aus den Sechzigerjahren, könnten Kurt-Werner W. möglicherweise zugeordnet werden. Wenn sich die Vermutungen bestätigen, dürfte der Friedhofsgärtner zu den schlimmsten Serienmördern der deutschen Nachkriegsgeschichte gehören. 

Von Gabriele Schulte und Carlo Eggeling

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