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Der Norden Will keiner mehr auf einer Dampflok fahren?
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00:16 06.12.2017
Heizer Lars Fischer (46) von den Harzer Schmalspurbahnen. Quelle: Foto: Samantha Franson
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Wernigerode

 Es ist ein langgezogener, kräftiger Ton: Huuuuuuuuuufffff. Er steigt in die graue Luft und hängt einen Moment über dem unbeschrankten Bahnübergang mit dem vereisten Andreaskreuz, dann zieht er den Berghang hinab und verliert sich zwischen den dick in Schnee eingepackten Tannen. Ein kurzer Ton kommt noch hinterher, fast ein bisschen keck: Hufffff! 

Matthias Fricke lässt den Pfeifenhebel los. Drei Sekunden lang solle so ein Signalpfiff schon dauern, erläutert er. Und der kleine hinterher? Matthias Fricke grinst: „Jeder hat seine eigene Art.“ Dann wendet er sich wieder der Strecke und dem Reglerhebel zu, mit dem er die Geschwindigkeit des Zugs steuert. Die Lok 7247 schnauft bergan. 

25 Kilo Steinkohle pro Kilometer

Im Flachland hat es am Wochenende geschneit, auf dem Brocken im Harz verschwindet die Welt schon seit einigen Tagen unter 20 Zentimetern Schnee. In ungeschützten Lagen hat der eisige Wind Riefen in die weiße Schicht gekämmt. Unbeeindruckt vom Wetter zockelt die Dampflok 997247-2 der Harzer Schmalspurbahnen von Wernigerode aus dem Gipfelbahnhof entgegen, bringt drei Handvoll Touristen auf den Berg. Die 99 steht für die Baureihe, die 2 ist eine Prüfziffer. 7247 ist die eigentliche Loknummer der alten Dame, 60 Tonnen schwer, 1956 gebaut in Babelsberg. 700 PS bringt sie auf die Schienen. Verbrauch: 25 Kilo Steinkohle und 150 Liter Wasser pro Kilometer. 

Aber: Die Harzer Schmalspurbahnen suchen Heizer. Außerdem Lokführer und Zugführer, die den Zug nicht führen, sondern den ordnungsgemäßen Ablauf während der Fahrt beaufsichtigen. Oft geht der Ausbildungsweg so, dass man erst mal Heizer wird, dann Lokführer, dann Zugführer. 

1,5 Tonnen Kohle schaufeln

Heizer ist ein Knochenjob. Auf der 7247 übernimmt ihn Lars Fischer, er schaufelt während einer Fahrt zum Brocken und zurück 1,5 Tonnen Steinkohle aus dem Tender in die 1500 Grad heiße Feuerbüchse. 

„Wir haben hier schon alles gehabt“, erzählt Lokführer Fricke, „Gartenbauassistenten und Sozialarbeiter.“ Sprich: Leute, die Heizer werden wollten, deren Köpfe aber voller Bahnromantik waren und die an der Realität gescheitert sind. Nur zehn Prozent von denen, die eine Ausbildung machen, bleiben im Beruf. Es gab auch Bewerber, die reine Muskelpakete waren und trotzdem gescheitert sind. Man muss vor allem zäh sein. 

Lars Fischer hat nicht ein Gramm Fett am Leib. Er ist 46, kommt aus Ilsenburg. Er war Tischler und hatte keine Lust mehr auf computergefräste Einheitsmöbel. Seit sechs Jahren bedient er Feuerbüchsen, weiß, wo er die Kohlen hinschaufeln muss: „Wenn ein Loch im Feuer ist, macht die Lok keinen Dampf.“ 

Dampftemperatur 400 Grad

Matthias Fricke wirft einen Blick auf den Kesseldruck – nicht über 14 bar soll er liegen – und auf die Dampftemperatur: immer so um die 400 Grad. Die Geschwindigkeitsanzeige, eine digitale Ausnahme in dem Lokführerstand voller schwarz lackiertem Eisen und eingefetteten Schraubverbindungen und Handreglern, zeigt gerade 29,6 Kilometer pro Stunde. 40 sind maximal erlaubt, über 30 kommt man bergan nicht hinaus. 

Fricke ist 50, ist seit 34 Jahren bei der Harzer Bahn und fährt seit 32 Jahren Dampfloks. Er hat mal ausprobiert, wie es ist, auf einer modernen Lok zu sitzen. „Der Ofen fährt von selbst“, sagt er. „Man weiß mit seinen Händen nichts mehr anzufangen.“ Dann lieber Eisen und Ruß und Öl und Rauch und richtige Arbeit und dieser wunderbar dicke weiße Dampf, der vorn aus der Lok quillt und sich watteweich auf die Landschaft legt. Frickes Großvater war schon Hilfsheizer, sein Vater wäre es gern gewesen, Sohn Oliver fährt Loks in Rheinland-Pfalz. Nichte Nele, 10, will auch unbedingt Lokführerin werden. 

„Signalzuruf ist Pflicht“

Bahnhof Schierke, letzte Station vor dem Brocken. Die acht Minuten Halt sind um. Der Schaffner pfeift. Über Funk kommt die Ansage „8925 Abfahrt“. 8925 ist die Zugnummer, wie bei einem Linienbus. Bergrunter lautet sie 8926. Das Signal neben den Schienen steht auf Grün. „Ausfahrt frei“, ruft Fricke zu Fischer hinüber. „Ausfahrt frei“, echot Fischer.

„Signalzuruf ist Pflicht“, erläutert Fricke. Man sieht fast nichts von dem, was direkt vor der Lok auf der Strecke passiert, deswegen gucken immer beide, Lokführer und Heizer, der eine rechts, der andere links, und vergewissern sich gegenseitig, dass alles in Ordnung ist. 

Oben auf dem Brocken, in 1125 Metern Höhe, stapfen die Passagiere mit glücklich rotgefrorenen Gesichtern durch den Schnee und schauen auf die Wolken unter ihnen. Fricke und Fischer koppeln die Lok ab, rangieren über das Nachbargleis ans Ende des Zugs und docken dort wieder an, fast zärtlich, die Puffer berühren sich ganz sacht. Dann geht es wieder nach unten, die Lok fährt rückwärts. 

Am Ende der Schicht sind Lokführer und Heizer ein paarmal rauf- und runtergefahren. Lars Fischer schiebt die Kohlen in der Feuerbüchse zusammen, so übernachtet die Glut, eine Nachtwache legt ab und zu nach. Vier Wochen bleibt die Lok unter Feuer, bis sie auskühlt und alles gereinigt wird. Und dann geht es von vorn los. Wie vor 150 Jahren.

Die Harzer Schmalspurbahnen (HSB) bedienen drei Strecken: die Selketalbahn, 1887 in Betrieb genommen, sowie die Harzquerbahn und die Brockenbahn, beide von 1899. 

Insgesamt beträgt die Streckenlänge der einen Meter breiten Schienen (eine Normalspur ist 1,435 Meter breit) 140,4 Kilometer. 260 Mitarbeiter kümmern sich darum, dass jährlich 1,1 Millionen Fahrgäste an ihr Ziel kommen. Zehn Bahnhöfe werden angefahren. 

Die HSB verfügen über 25 Dampflokomotiven (die älteste ist von 1897, die jüngste von 1956) und über sechs Diesellokomotiven (aus den Jahren 1964 bis 1990). Weiterhin gehören zehn Triebwagen, 88 Reisezugwagen, 19 Bahndienstwagen und 30 Güterwaggons zum Fuhrpark. 

Die HSB verkehren ganzjährig mehrmals pro Tag, im Winter ist der Fahrplan etwas eingeschränkt. Eine Fahrt auf den Brocken und zurück kostet 41 Euro, Kinder bekommen Ermäßigung.

Von Bert Strebe

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