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Der Norden Kondomautomat soll Kneipe retten
Nachrichten Der Norden Kondomautomat soll Kneipe retten
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12:51 21.10.2018
Wie rettete ich eine Kneipe: Carnelia Meyer (von links), Christian von Stern, Kai Buchholz und Ben Boles spielen auf der Herrentoilette der Dorfkneipe in Groß Thondorf neben dem Kondomautomaten von 1962. Quelle: Philipp Schulze/dpa
Uelzen

Acht riesige Eichen stehen vor dem Gasthaus mitten im Dorf, die roten Geranien vor den Fenstern geben eine allerletzte Zugabe vor dem Herbst. „Crazy Little thing called love“ schallt es auf die Straße, eine gewaltige Frauenstimme zu kräftigen Gitarren. Doch die Musik kommt nicht von der Bühne, sondern von der Herrentoilette. Und der Anlass für das Konzert am Samstagabend in der Groß Thondorfer „Eichenquelle“ ist kurios: Gefeiert wird der 56. Geburtstag des örtlichen Kondomautomaten.

„Prophylacticum R 3“ steht auf dem türkisfarbenen Kasten aus Blech, gebaut 1962 in Berlin. Eine Mark kostete eine Packung mit zwei Stück Inhalt früher, und manch ein junger Mann aus dem Dorf trank hier früher nur aus einem Grund eine Cola: um danach auf die Toilette verschwinden zu können. Doch diese Männer haben längst Kinder, und der Automat in der Herrentoilette der Gaststätte wird seit dem Euro-Umstellung nicht mehr bestückt. Der technische Aufwand lohnte nicht.

Kneipenwirt Horst Markgraf zapft Bier und versucht mit der ungewöhnlichen Aktion Menschen in seine Kneipe zu locken. Quelle: dpa

Jetzt drängen sich drei Männer und eine Frau mit Gitarre, Kontrabass und Cajon zwischen die gekachelten Wände, um zumindest ein paar Stücke nahe dem Anlassgeber des Abends zu spielen: Der kurze Ortswechsel der Band von der Bühne zum Urinal ist Tradition, seit man in Groß Thondorf Kondomautomaten-Geburtstag feiert. „Ist schließlich Kondom-Party“, sagt Gastwirt Horst Markgraf (68) und zuckt beinahe entschuldigend mit den Schultern. Und wenn Kondom-Party ist, dann kommt das ganze Dorf. Zum Beispiel Andre Schumacher: „Ich wüsste keinen Grund, nicht zu kommen“, sagt der 39-Jährige. „Die Kneipe bildet den Mittelpunkt unseres Dorfes. Die Kondom-Party ist Kult.“

Genauso selbstverständlich ist es für Nicole, ihrem Patenonkel Horst und seiner Frau Rosi an Festtagen wie diesen unter die Arme zu greifen. „Hier war schon meine Taufe, hier bin ich jeden Mittwoch zum Knobeln. Die Kneipe ist der zentrale Treffpunkt und total wichtig für den Ort“, sagt die 26-Jährige.

Der Nachbar hat die Kondom-Party erfunden

Sogar Alt und Jung mischen sich bei Horst und Rosi: „Ich bin viel mit meinem Vater hier“, erzählt Annika (19). „Seit ich lebe, gehen wir hier hin.“ Florian ist erst vor einem Monat von Bremen nach Groß Thondorf gezogen und froh, dass es die „Eichenquelle“ gibt. „Ich finde Kneipen super“, sagt der 19-Jährige. „In Clubs ist es zu laut, um sich zu unterhalten.“

Erfunden hat die Kondom-Party dabei gar nicht der Wirt selbst, sondern sein Nachbar. Christian von Stern ist vor mehr als 20 Jahren ins Dorf gezogen und weiß, wie schwer es Landgasthöfe in Zeiten veränderter Ausgehkultur haben. „Wir schaffen Inszenierungen“, formuliert es der 55-Jährige. Und eine dieser Inszenierungen sind Rockkonzerte seiner Freizeit-Band „Miss Myer“, erstmals veranstaltet im Jahr 2012 zum 50. Geburtstag des Gummi-Automaten. „Hier treffen Schützenbrüder mit Jägern zusammen und Landwirte mit zugezogenen Akademikern, hier finden Trauerfeiern und Rockpartys statt. Diese kontrollierte Grenzüberschreitung hält die Dorfgemeinschaft am Leben. Und umgekehrt.“

Denn ohne Anlässe wie Familienfeiern, Martinimarkt oder eben Kondom-Party müssten Horst und Rosi wohl wie viele andere Wirte ihre Kneipe schließen: Vom Kaffee der älteren Bauern am Morgen und dem Bier der Jüngeren am Abend lässt sich schlecht leben in einem 400-Einwohner-Ort.

Kultkneipen werden glorifiziert – aber nicht jeder geht hin

So gelingt in Groß Thondorf etwas, das in Niedersachsen selten geworden ist. Laut Statistischem Landesamt hat in den vergangenen zehn Jahren jeder dritte sogenannte getränkegeprägte Betrieb aufgegeben. „Das Thema Kneipensterben beschäftigt uns schon seit Jahren“, sagt Renate Mitulla, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) Niedersachsen. „Und dieser Trend wird sich fortsetzen.“

Nicht nur in der strukturschwachen Fläche, sondern auch in städtischen Lagen machen immer mehr Kneipen zu. „Problematisch dabei sind mehrere Gründe“, sagt Renate Mitulla. „Kultkneipen werden glorifiziert, und wenn sie schließen, meckern viele, aber gerade auch diejenigen, die am Ende immer seltener oder gar nicht mehr hingegangen sind.“

Neben dem Ausbleiben von Stammgästen machen laut Mitulla nicht nur die Abkehr von der jahrzehntelangen Kultur des Feierabendbieres den Wirten das Leben schwer, sondern auch Bürokratie und Auflagen wie etwa im Arbeitsschutz, in der Hygiene, im Lärmschutz oder in der Allergenkennzeichnung. „Mittlerweile kann davon ausgegangen werden, dass die meiste Energie eines Unternehmers für den bürokratischen Aufwand verwendet werden muss und nicht mehr für die gute Kommunikation mit den Gästen.“

Und so wollen andere Kommunen in Niedersachsen das Kneipensterben aufhalten.

Von lni/RND

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