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Der Norden Kein Ende in Sicht beim Atommülllager
Nachrichten Der Norden Kein Ende in Sicht beim Atommülllager
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00:19 27.10.2018
„Damit kann man vier Reihenhäuser heizen“: Uwe Klüter, Technikchef des Zwischenlagers am Atomkraftwerk Grohnde, mit seinen Castoren. Quelle: Philipp von Ditfurth
Grohnde

Da stehen sie also. Blau. 35 Stück. Jedes um die zwei Millionen Euro teuer. 30 sind voll, fünf leer. Die vollen wiegen 126 Tonnen. Gussstahl, ausgeklügeltes Dichtungssystem. Die Dinger sollen vom Kran fallen, im Feuer liegen und beschossen werden können, ohne undicht zu werden. Nicht mal, wenn ein Flugzeug drauffällt.

Uwe Klüter schaut von der Balustrade des Lagerraums herunter. Er wirkt wie ein stolzer Hausherr, der eine ziemlich gediegene Wohnungseinrichtung vorführt. Das, was er präsentiert, sind Castoren, Typenbezeichnung: V/19. Sie stehen im Zwischenlager des Kernkraftwerks Grohnde in Emmerthal im Kreis Hameln-Pyrmont. In den Castoren stecken die abgebrannten Brennelemente des Reaktors, immer 19 Stück. Sie sind nach jeweils rund vier Jahren Betrieb und rund vier Jahren Abklingen der Strahlung immer noch hochgefährlich.

Man soll nicht nahe herangehen. Würde man es doch tun, man würde selbst durch den dicken Metallmantel hindurch noch die 40 bis 60 Grad Wärme spüren, die sie abgeben. „Heizleistung 37 Kilowatt“, sagt Klüter. „Damit kann man vier Reihenhäuser heizen.“ Strahlung? Klüter winkt ab. Für Arbeiten im Bereich der Behälter sei das relevant, und natürlich sei jede noch so geringe Belastung möglichst zu vermeiden. Aber bei nur kurzen Besuchen seien die Castorenwände ein sicherer Schutz.

40 Jahre Betriebsgenehmigung

Uwe Klüter arbeitet im Druckwasserreaktor Grohnde, seit der zum ersten Mal im Probebetrieb Strom produziert hat, das war 1983. Anfang 1985 wurde der kommerzielle Betrieb aufgenommen. Betreiber Preussen Elektra kann den Reaktor noch bis 2021 laufen lassen – dann ist atomausstiegsmäßig Schluss. In dem Gebäude, in dem Klüter von der Sicherheit seiner Castoren schwärmt, ist aber vorerst kein Ende in Sicht.

Das Bauwerk, hochgezogen zwischen Reaktorkugel und Kühltürmen, ist das Zwischenlager des Atomkraftwerks. Der Begriff signalisiert Kurzfristigkeit, tatsächlich wird das Lager, in dem Uwe Klüter der Technikchef ist, länger in Betrieb sein als der Meiler. 2006, erzählt er, sei das dickwandige Gebäude in Betrieb gegangen, die Genehmigung gelte für 40 Jahre, also bis 2046. Und wenn man bedenkt, dass das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit allerfrühestens 2050 mit einem betriebsfähigen Endlager rechnet und manche Experten gar 100 Jahre Wartezeit prognostizieren, muss diese Betriebsgenehmigung vielleicht auch noch ein wenig länger halten. Alles eine Frage der Zeit.

Und eine Folge des Atomkompromisses: Der Bund übernimmt den Strahlenmüll, die Energiekonzerne zahlen 24 Milliarden Euro in einen staatlichen Entsorgungsfond. Berlin will sich den Hinterlassenschaften des deutschen Atomzeitalters, das nach Fukushima dann doch vergleichsweise zügig zu Ende geht, selbst widmen und sie nicht den Konzernen überlassen. Mit Beginn des Jahres 2019 liegt die Oberaufsicht bei der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) in Essen.

Jürgen Trittin, ehemaliger Landes- und Bundesumweltminister von den Grünen und Mitglied der Kommission, die die Finanzierung des Atomausstiegs ausgearbeitet hat, sagte der Hamelner „Deister- und Weser-Zeitung“, damit sei gewährleistet, „dass die Zwischenlagerung wie die Endlagerung nicht mehr von Unternehmen abhängt, sondern demokratisch kontrolliert durchgeführt wird.“ Trittin möchte die strahlenden Stoffe „vor Konkursen und kreativer Unternehmensumgestaltung“ geschützt wissen.

Ausbau zwecks Sicherheit

Beim Zwischenlager führt das alles nicht zu einem Ab-, sondern einem Ausbau. Nicht mengenmäßig – Platz wäre zwar für 100 Castoren, Klüter aber sagt: „Werden wir hier nicht mehr erreichen.“ Beim Ausbau geht es um die Sicherheit. Unter anderem ist, wie der Technikchef und Almut Zyweck, Sprecherin von Preussen Elektra, erläutern, eine zusätzliche Mauer vor dem Zwischenlager geplant, zehn Meter hoch, Stahlbeton, und die Verstärkung der Lüftungsgitter der Halle. Alles zum Schutz vor Terroristen. Das Zwischenlager wird eine autarke Einrichtung sein, unabhängig vom Kraftwerk, mit eigener Strom- und Wasser- und Abwasserleitung.

Die mutmaßlich langfristige Zwischenlagerung bereitet den Atomkraftgegnern aus der Region Kopfzerbrechen. Aktuell konzentrieren sie sich aber, wie Dieter Kölkebeck vom Anti-Atom-Plenum Weserbergland sagt, auf eine Klage gegen die Restlaufzeit des Kraftwerks. Sie müssen auch mit ihren Kräften haushalten, im Weserbergland gilt, was überall gilt: Die Widerstandsbewegten sind alt geworden, es gibt nur noch wenige, die Mehrzahl der jungen Leute sagt: Was wollt ihr, ist doch eh bald Schluss. Kölkebeck hat 50 Leute im Verteiler, aktiv sind sechs bis acht, etliche um die 70.

Uwe Klüter und Almut Zyweck machen deutlich, dass sie beide die Kernkraft immer noch für eine verlässliche Technologie halten, die nur eben keinen politischen Rückhalt mehr habe. Anderswo sehe man abgebrannte Brennelemente als Wertstoff an. „Ich persönlich hätte es gutgeheißen, wenn die Wiederaufarbeitung in ganz Europa möglich gewesen wäre“, sagt Klüter. „Im Übrigen sind Windradpropeller auch in 200 Jahren noch Sondermüll.“

Stimmt wahrscheinlich. Allerdings strahlen sie nicht so viel.Gorleben soll leben – und tut’s auch. Der letzte Teil unserer Serie nächste Woche befasst sich mit einem Mythos.

Atomlager in Niedersachsen

Alle Zwischenlager für Atommüll werden in absehbarer Zeit nicht mehr von den Betreibern der Kernkraftwerke verwaltet, sondern von der eigens dafür gegründeten Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ). Die Lager für hoch­radioaktiven Müll wie abgebrannte Brennelemente gehen zum Jahresbeginn 2019 an die BGZ über, die für mittel- und schwachradioaktiven Abfall 2020. Bereits jetzt ist die BGZ für die zentralen Zwischenlager in Ahaus (Nordrhein-Westfalen) und Gorleben (Niedersachsen) zuständig. In Gorleben gibt es Lagerbereiche für alle Arten von Strahlenmüll.

Bundesweit betrifft die Neuregelung 13 Standorte mit Zwischenlagern an Atomkraftwerken, vier davon in Niedersachsen: Grohnde, Lingen, Esenshamm und Stade. In Grohnde, Esenshamm und Lingen existiert jeweils ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente.

In Stade gibt es nur noch ein Lager für die Abfälle aus dem Abriss des Werkes, die Brennelemente sind nach Sellafield in England gebracht worden. In Esenshamm wird auch so ein Abrissabfalllager betrieben – was aber nicht ausreicht. Ein weiteres soll eingerichtet werden, das kurz vor der Genehmigung steht.

Von Bert Strebe

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