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Der Norden Wenn es kein Schützenfest mehr gibt
Nachrichten Der Norden Wenn es kein Schützenfest mehr gibt
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00:18 12.04.2018
Am Ende leidet die Tradition:  In Vereinen haben immer  weniger Mitglieder Lust,  Verantwortung zu übernehmen. In Groß Bülten stirbt darum jetzt das Schützenfest. Quelle: Symbolfoto: Fotolia
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Groß Bülten

Edith Lampe erzählt gerade, wie bitter es für sie ist, dass da jetzt eine lange Tradition den Bach runtergeht, da kommt ihr Mann Claus rein. Er hält ein längliches Paket in den Händen. „Für dich“, sagt er. Die beiden packen es aus, drin liegt ein Werbebanner der Härke-Brauerei. Es ist nicht für Edith Lampe, es ist für das nächste Schützenfest, das die Groß Bültener feiern, vom 11. bis 13. August. Für das letzte Schützenfest, das die Groß Bültener feiern. 

Seit mehr als 100 Jahren stieg in Groß Bülten, Kreis Peine, regelmäßig im August das Schützenfest, seit fast 50 Jahren wurde es von der Volksfestgemeinschaft Groß Bülten  e. V. organisiert. Man wollte damals, 1969, bei der Gründung der Festgemeinschaft, die Lasten auf mehr Schultern verteilen als nur die des Schützenvereins. Die vergangenen 20  Jahre lang lag die Last dann auf den Schultern von Edith Lampe, der Vorsitzenden der Volksfestgemeinschaft, nachdem sie vorher auch schon andere Vorstandsposten innehatte, Schriftführerin, Kassiererin: „Ich habe alles gemacht. Nur zweite Vorsitzende, das war ich nie“, sagt sie. „Seit 1986 bin ich im Vorstand.“

Sie sagt immer noch „bin ich“, die vielen Jahre hinterlassen Spuren. Aber Edith Lampe ist nicht mehr im Vorstand. Auf der Mitgliederversammlung am 9. Januar hat sie den Vorsitz abgegeben. Und es gab keinen Nachfolger, keine Nachfolgerin. Auch die Position für die Kassenführung konnte nicht besetzt werden. Der Vorstand ist nicht mehr geschäftsfähig. Am 16. März fand eine außerordentliche Mitgliederversammlung statt, Tagesordnungspunkt acht: „Gegebenenfalls Vereinsauflösung“. Und die wurde dann beschlossen. Einstimmig. 

Groß Bülten ist klein, 1400 Einwohner. Es ist kleiner als Klein Bülten, das schon vor einem halben Jahrhundert mehr Einwohner als Groß Bülten hatte und deswegen in Bülten umbenannt wurde, aber das ist eine andere Geschichte. Groß Bülten gehört zur Gemeinde Ilsede. Auf deren Internetseite ist die Beschreibung des Ortsteils ganze sieben Zeilen lang. Bei Wikipedia werden als Groß Bültener Sehenswürdigkeiten an erster Stelle ein Gasthaus und die Grundschule genannt, die gar keine Schule mehr ist, geschlossen. Die Groß Bültener dürften also mit den Reizen des Ortes nicht allzu verschwenderisch umgehen. Sollte man meinen.

Vorsitz? Zu stressig

Aber die Volksfestgemeinschaft, die pro Jahr ganz 12 Euro Mitgliedsbeitrag verlangt, hat heute nur noch gut halb so viele Mitglieder wie in den besten Jahren, nämlich 350. Zur letzten Mitgliederversammlung sind 29 erschienen. Und von denen, die Edith Lampe gefragt hat, ob sie den Vorsitz von ihr übernehmen würden, hat jeder abgewinkt. Sie hat rechtzeitig gefragt, zwei Jahre vorher, sie hat auch gezielt gefragt, etwa einen jungen Mann, der erst zugesagt hat. Aber dann schrieb er eine Whatsapp-Nachricht: doch lieber nicht. Zu stressig. Der Job. Die Familie. Das Haus.

„Habe ich auch alles gehabt“, sagt Edith Lampe knapp. Mann und Kind, und ein Haus gebaut haben sie gerade auch, als sie im Vorstand anfing, und sie ist ganz nebenbei noch jeden Morgen um sechs nach Hannover zur Arbeit gefahren. Jetzt wird sie 68. Sie will nicht mehr. Und es enttäuscht sie schon, dass jeder im Ort zwar Schützenfest feiern möchte. Aber dass niemand etwas dafür tun mag. „Wenn keiner Interesse hat, warum sollen wir uns ...“ Edith Lampe zögert, dann sagt sie es doch so drastisch, wie sie es meint: „Warum sollen wir uns dann den Arsch aufreißen?“

„Heute gibt es alles überall“

Aber wieso will sich niemand engagieren? Edith Lampe vermutet, es gebe zu viele Angebote heute: „Früher haben wir uns aufs Schützenfest gefreut. Oder auf den Tanz in den Mai. Heute gibt es jederzeit alles überall.“ Es könne auch sein, dass Schützenfeste als altmodisch angesehen würden. „Aber die Leute, die hier nicht herkommen, fahren zum Oktoberfest in den Nachbarort. Hier wollen sie kein Humtata hören, dort hören sie Blasmusik.“

Auf dem Festplatz oben am Triftweg, 2000 Quadratmeter groß, wird im August noch einmal das Festzelt aufgebaut. Freitagabend gibt es Disco, Sonnabend große Feier mit Tanz, Sonntag den Festumzug, Montag werden die Könige gekürt. Hunderte Gäste werden das alles erleben. Aber ein Jahr später wird es – wenn nicht noch ein Wunder geschieht – kein weiteres Schützenfest geben. Zum 30. September wird die Volksfestgemeinschaft aufgelöst. Es gibt noch Leute, die Hoffnung haben. Thomas Fricke etwa, Vorsitzender des Schützenvereins. Man müsse sich eben zusammensetzen und einen Weg finden. Weiß er jemanden, der die Arbeit übernehmen will? „Nö.“

Edith und Claus Lampe rollen das Werbebanner der Härke-Brauerei  aus, inspizieren es. Knallgrün. Sauber verarbeitet. Sieht gut aus. Sie rollen es wieder ein. Claus Lampe stopft es zurück in den Karton. „Alles vorbei“, sagt er.

Was ist in den Vereinen los?

Gibt es ein Vereinssterben in Deutschland? Kommt drauf an, wen man fragt. Die Soziologen sagen: nein. Die Vereine, die sterben, sagen: ja. Seit Jahren klagen traditionelle Vereine über Nachwuchsmangel. Folge: Die Mitglieder überaltern. 

Studien über die Entwicklung der Zivilgesellschaft, finanziert vom Stifterverband der deutschen Wirtschaft, aber zeigen: Es werden immer noch deutlich mehr Vereine gegründet als aufgelöst. Bundesweit gibt es mehr als 600 000 Vereine.  Die Zahl der dort aktiven Menschen: 36 Millionen. Damit ist fast jeder zweite Bürger in Deutschland Mitglied in mindestens einem Verein.

Tatsächlich verändern sich die Strukturen, analog zu denen in der Gesellschaft. Zum einen altert Deutschland, deswegen fehlt Nachwuchs. Zum anderen müssen heute Kinder nicht mehr nachmittags zum Sport geschickt werden, sie werden ganztagsbetreut, und Mama managt nicht mehr den Chor im Ort neben dem Haushalt, sie arbeitet ganztags im Büro.

Auch die Neigung, sich nicht mehr so langfristig zu binden, schlägt sich im Vereinsleben nieder. Kurzfristige Kampagnen etwa von Naturschutzverbänden stoßen auf Zustimmung, langfristige Ämter nicht.

In der Regel leiden die seit Langem bestehenden Sport-, Kultur- und Freizeitvereine unter den Entwicklungen. Vereine, die sich für Bürger- und Verbraucherinteressen engagieren, finden dagegen viel Zuspruch, ebenso Fördervereine in den Bereichen Kultur und Bildung.

Von Bert Strebe

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