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Der Norden Dieser neue Filter reinigt Luft und Wasser mit Entengrütze
Nachrichten Der Norden Dieser neue Filter reinigt Luft und Wasser mit Entengrütze
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00:34 27.05.2018
Saubere Luft, sauberes Wasser: Helgo Feige mit seinem Symbiofilter. Die erste Anlage im Einsatz steht im Abwasserbeseitigungsbetrieb Bramsche. Quelle: Villegas
Bramsche

Es gab damals dieses Problem mit der Aquarienbeleuchtung. Helgo Feige verkaufte im Aquaristikgroßhandel seines Bruders in Bramsche unter anderem Lampen, die man oben aufs Aquarium setzt, um die hübschen Fische besser bewundern zu können. Das Problem: Die Wasseroberfläche wirft das Licht zurück, von 100 Watt kommen nur 60 bis runter zum Kies. Feige versuchte es mit LEDs. Das funktionierte. Aber nun fingen die Algen im Aquarium wie verrückt zu wachsen an. Das war dann ein neues Problem. Aber ein positives. Denn daraus hat Helgo Feige zusammen mit Kollegen einen neuartigen Umweltfilter entwickelt, der mit Algen und Wasserlinsen und Bakterien Luft und Wasser wäscht.

Das Gewerbegebiet an der Vördener Straße in Bramsche-Engter im Kreis Osnabrück hat manches zu bieten, eine Maschinenbaufirma und ein Taxiunternehmen, einen Veranstaltungstechniker und einen Autotuner. Und die Firma Aqua Light: Sie verkauft Aquarien und das komplette Zubehör bis zum Fischfutter. Und außerdem bietet sie ein Gerät an, dass den Feinstaub von der Stadtkreuzung und den Gestank aus der Gülle holen kann. Und Wasser von Schadstoffen befreien kann die Apparatur ebenfalls. Ihr Name: Symbiofilter.

Solche Vorrichtungen gehören normalerweise nicht zum Kerngeschäft der Aquaristikbranche. Aber der Chef von Aqua Light, Klaus-Jürgen Feige, hat seinem Bruder Helgo im Unternehmen alle Freiheiten eingeräumt, sich um sein Herzensthema zu kümmern. Und dieses Herzensthema, das ist das Leben – das des Menschen und das in der Natur.

Eigentlich ist Helgo Feige, 55, Biologe geworden, weil ihn sein Biologielehrer damals mit dem Thema Evolution so genervt hat. Irgendwie mochte der Schüler Helgo nicht glauben, dass die Entstehung allen Lebens auf Zufällen basiert. Also ist er Naturwissenschaftler geworden und glaubt heute noch weniger als früher an Zufälle. Woran er aber glaubt, das ist das Zusammenwirken unterschiedlicher Lebewesen und Kräfte in der Natur. Dass eines zum anderen kommt, zum gegenseitigen Nutzen. In der Biologie nennt man das Symbiose. Deswegen heißt der Symbiofilter Symbiofilter.

Damals, bei den Aquarienlampen und den Algen, kam auch eines zum anderen. Zur Erkenntnis, dass Algen bei Licht gut wachsen, kam eine Zeitungsgeschichte über einen emeritierten Professor, der mit Algen als Geruchsvernichter experimentierte. Algen nehmen das, was riecht, die flüchtigen Kohlenwasserstoffe, in sich auf. Aber wie bekommt man dann die Algen aus dem Wasser und damit das Wasser sauber? Feige stieß auf eine Pflanze, an der die Algen gern andocken und die selbst Phospat und Nitrat liebt: die Wasserlinse, Fachbezeichnung: Lemna. Im Umgangsdeutsch: Entengrütze. Sie hat den Vorteil, dass sie sich ungeheuer schnell vermehrt, sie ist die schnellstwachsende Pflanze auf diesem Planeten. „Wenn heute der halbe Teich zugewachsen ist“, sagt Feige, „ist morgen der ganze zugewachsen.“

Bakterien fressen Autoabgase

Und dann hat Feige einen Prototyp gebaut, zusammen mit Fachleuten der Uni Osnabrück, die das ganze Projekt wissenschaftlich begleiten. Entstanden ist eine zweistufige Anlage: Ein etwa zwei Meter hoher Glaszylinder wird mit mehreren Düsen bestückt, die kuppelförmig Wasser versprühen. Von unten wird belastete oder stinkende Luft in den Zylinder geleitet. Dieser Luftstrom wird von dem Wasser aus den Düsen buchstäblich gewaschen. Oben tritt die Luft wieder aus und stinkt nicht mehr und ist auch sonst sauber. Das Wasser wiederum wird aufgefangen und über eine Reihe von flachen, kaskadenförmigen Becken geleitet, in denen sich die Algen und Bakterien und die Entengrütze befinden. Dort wird dann das Wasser gesäubert.

Die Bakterien und Algen sucht Feige danach aus, was sie fressen sollen: Autoabgase, Schlachtabfallgestank oder Maststallabluft oder anderes. „Das wird genau auf die Aufgabe zugeschnitten.“ Ist der Prozess durchlaufen, kann die Entengrütze zusammen mit den Rückständen abgefischt werden. Je nach Belastungsgrad kann man sie als Dünger oder Tierfutter verwenden, notfalls kommt sie in die Faulschlammbeseitigung der Kläranlage.

Den ersten Härteeinsatz hatte der Symbiofilter bereits bestanden, im Abwasserbeseitigungsbetrieb der Stadt Bramsche fängt er die Gase aus einem großen Tank mit problematischen Abwässern auf und reinigt sie. Zur Freude der Nachbarn. Das zweite Testmodell steht derzeit auf der Landesgartenschau in Bad Iburg. „Den Luftwäscher können Sie auf jeder Verkehrsinsel aufstellen“, sagt Feige. In acht Stunden hole er so viel Schadstoffe aus der Luft wie 2000 Bäume.

100.000 Euro hat sich Aqua Light die Pilotanlage kosten lassen. Geholfen hat eine Förderung aus dem Mittelstand-Innovationsprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums. Und dass der Symbiofilter den zweiten Platz beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2017 errungen hat, war auch nicht von Nachteil. Vor allem aber entspricht das Gerät dem Grundgedanken von Helgo Feige, dass alles mit allem zusammenhängt und dass sich Naturkräfte ergänzen. „Wer allein arbeitet, addiert“, sagte Feige. „Wer zusammenarbeitet, multipliziert.“ Und gerade bei unseren Lebensgrundlagen Wasser und Luft sei das heute besonders wichtig.

Von Bert Strebe

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