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Der Norden 56-Jähriger rettet junge Rehe vor Verstümmelung
Nachrichten Der Norden 56-Jähriger rettet junge Rehe vor Verstümmelung
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12:03 21.11.2018
Wildtierschützer Frank Demke mit Drohne: „So etwas vergisst man nie wieder.“ Quelle: Dietmar Lilienthal
Dolgen am See

Der Auslöser war ein Spaziergang. Frank Demke lief in seiner Nachbarschaft vor den Toren Rostocks mit seinem Hund an frisch gemähten Feldern vorbei, als er im Gras vier Rehkitze fand, alle verstümmelt von den Klingen einer Mähmaschine. Eines der Tierbabys lebte noch. „Es schrie wie ein kleines Kind. So etwas vergisst man nie wieder“, sagt der 56-Jährige Mecklenburger.

Jedes Jahr von Anfang Mai bis Ende Juni werden unzählige neugeborene Rehe von den Erntemaschinen fürchterlich zugerichtet. Die Fahrer bekommen davon in der Regel nichts mit. Rehkitzen fehlt in den ersten zwei Wochen jeglicher Fluchtinstinkt. Sie harren still aus, während das Unglück auf sie zukommt. Ihre Mütter, die Ricken, legen die Jungtiere im hohen Gras ab, weil Füchse und Greifvögel sie dort nicht sehen können. Die Gefahr, die durch die Mähmaschinen droht, ist den Rehen nicht bewusst.

Das kann doch nicht sein, dachte sich Demke, der in dem kleinen Ort Dolgen am See im Landkreis Rostock lebt. Er engagiert sich schon lange im Tierschutz. In seinem Haus zieht er verwaiste Hasenjunge auf und wildert sie im Frühjahr aus. Bei den Kitzen konnte er nicht zusehen, er wollte etwas ändern.

Das war vor sieben Jahren. Zunächst besorgte sich der gelernte Orthopädietechniker eine Wärmebildkamera und lief in Anglerhosen frühmorgens durch feuchte Wiesen, um während der Grünlandmahd die jungen Rehe zu retten. Später experimentierte er mit einem Freund, einem Hobbymodellbauer, mit Drohnen. „2013 hatten wir einen professionellen Standard erreicht“, sagt Demke. Seither ortet und rettet er mit seinen fünf Mitstreitern die Kitze mit professioneller Luftüberwachungstechnik.

Demke gründete einen gemeinnützigen Verein, die Wildtierhilfe MV. Im Frühsommer fahren die Tierschützer viele Nächte mit ihrem ausgebauten Anhänger voller Technik hinaus und lassen eine Drohne über die Felder fliegen. Um das System mit seinen Monitoren, Videobrillen, unzähligen Akkus und Ladegeräten bedienen zu können, sind mindestens zwei Personen nötig. Die Ausrüstung hat Demke aus eigener Tasche und durch Spenden finanziert. Unterstützung vom Staat gibt es nicht. Als sich seine Arbeit herumsprach, lud ihn Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) ein. „Es war ein gutes Gespräch“, sagt Demke. Aber weiter sei nichts passiert.

Eine winzige Wärmebildkamera zeigt den Kitzsuchern, wo im hohen Gras ein Tier hocken könnte. Oft ist es auch nur ein aufgeheizter Stein. Finden die Tierschützer ein Reh, schirmen sie es mit einem 80 Zentimeter hohen Windschutz ab. Der Landwirt mit seinem Traktor und der Mähmaschine kann dann drumherum fahren. So haben sie nach eigenem Angaben allein in diesem Jahr 41 Rehkitze gerettet.

Dem Gemetzel sollen bundesweit jährlich mindestens 100 000 Rehe zum Opfer fallen. Das geht aus Hochrechnungen der Deutschen Wildtierstiftung hervor. Offizielle Zählungen gibt es nicht. Im Juli warf die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ der Stiftung vor, die Zahlen seien erfunden. Andreas Kinser, stellvertretender Leiter für Arten- und Naturschutz bei der Hamburger Stiftung, weist das zurück: „Wir haben das konservativ berechnet“, sagt er. Wahrscheinlich würden sogar noch mehr Kitze sterben. Als Grundlage für seine Berechnungen dienten ihm Zahlen von ehrenamtlichen Rehkitzrettern wie Demke. Mittlerweile sind mehr als 20  Tierschutzvereine bundesweit dem Beispiel des Mecklenburgers gefolgt und gehen ebenfalls mit professionellen Drohnen auf Bambisuche.

Professionalität sei wichtig, sagt Demke. Jeder Handgriff müsse sitzen, „wie bei der Feuerwehr“. Der Verein übt regelmäßig. Während einer solchen Übung meldete sich eine Hundebesitzerin, deren Dobermann weggelaufen war. Die Tierschützer fuhren hin, ließen ihre Drohne steigen – und nach zehn Minuten entdeckten sie das Tier auf ihrem Monitor. Die Leine des Hundes hatte sich im Schilf eines Sumpfgebiets verheddert. Weitere 20 Minuten später stand Dobermann Tyson wieder an Frauchens Seite.

Sechs Landwirte lassen mittlerweile Demkes Drohne über ihre Felder fliegen. Andere lehnen ab. Der Eindruck des Tierschützers: „Viele wollen nicht, dass über das Thema gesprochen wird.“ Natürlich gebe es Bauern, die aufgeschlossen seien. Aber das sei nicht die Mehrheit. Die meisten Landwirte schauten vor allem aufs Geld: Drohnenflüge, die Betriebsabläufe verzögerten, störten da nur. Ein Grund aufzugeben ist das für Demke nicht. Ganz im Gegenteil.

Nicht meckern, machen: Die Aktion

Deutsche sind ordentlich. Sie bauen super Autos. Und sie können herrlich nörgeln. Heißt es ja vielfach. Aber unter all den Unzufriedenen gibt es eben auch eine Reihe von Bürgern, die nicht nur meckern, sondern auch anpacken, weil sie etwas verändern wollen. Diesen Menschen wollen wir in dieser Woche eine Bühne geben.

Gemeinsam mit den „Kieler Nachrichten“, der „Ostsee-Zeitung“ in Rostock, dem „Hamburger Abendblatt“ und NDR Info hatten wir unsere Leser gebeten, uns von solchen Geschichten zu erzählen. Die Resonanz war beeindruckend – wie auch die Bandbreite der Geschichten, die uns erreicht haben.

Da sind Vereine, die ein Dorfgemeinschaftshaus bauen oder sich um die Sanierung und den Betrieb des alten Freibads kümmern. Da ist Barbara A. aus Burgwedel, die einen eigenen Singkreis gründet, weil sie keinen geeigneten Chor findet. Da ist Petra P. aus Hannover, eine ehemalige Erzieherin, die sich in einem Flüchtlingsheim in der Nähe gezielt um die Kinder kümmert und dort mit großer Nachbarschaftshilfe so etwas wie einen kleinen Kindergarten eingerichtet hat.

Jede Geschichte hätte es verdient, einem größeren Publikum erzählt zu werden. Für sechs hat sich die Jury nun entschieden, die wir täglich bis zum Sonnabend vorstellen wollen. NDR Info sendet die Geschichten morgens um 7.50  und 9.50 Uhr.

Hier finden Sie mehr zu der Aktion.

Von Gerald Kleine Wördemann

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