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Der Norden So wird eine Frau zur Hexe für die  Walpurgisnacht
Nachrichten Der Norden So wird eine Frau zur Hexe für die  Walpurgisnacht
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00:17 01.05.2018
Wolfshäger Hexenbrut: Oberhexe Antje Wedde (links) mit Hexenschwester Simone Bartjes. Quelle: Ralf Wiegmann
Wolfshagen

 Magie? „Nein“, sagt Antje Wedde. Sie habe doch nichts mit Magie zu tun. Ganz und gar nicht. Dann beugt sie sich vor, und in ihren grauen Augen liegt plötzlich ein untergründiges Glimmen, ihre Stimme wir leise und rau und bekommt gleichzeitig einen flirrenden Oberton, als sie anhebt: „Du mußt verstehn! Aus Eins mach’ Zehn und Zwei laß gehn und Drei mach’ gleich ...“ Für einen Moment ist es, als würde die Temperatur um ein Grad fallen.

Antje Wedde, die da das Hexeneinmalein aus Goethes „Faust“ in einer Weise zitiert, als hätte sie es selbst geschrieben, wirkt zunächst wie eine ganz normale Frau. Blonde Haare, Pferdeschwanz, rotes Brillengestell, grüne Armbanduhr. Sie wohnt mit Mann und Hund in einem schönen Haus in Wolfshagen, einem Ortteil von Langelsheim im Kreis Goslar. Sie ist Vorsitzende im örtlichen Sportverein, außerdem Pädagogische Mitarbeiterin in der örtlichen Schule. Und: Hexe. 

Oberhexe, um genau zu sein. Sie ist die Chefin der 38 Frauen der Wolfshäger Hexenbrut, die sich gerade auf die Walpurgisnacht am 30. April vorbereiten. „Bei so vielen Weibern muss eine das Sagen haben.“ Die Wolfshäger Hexenbrut wurde vor 15 Jahren gegründet und anfangs angeleitet von einer Frau, die durch Handauflegen Schmerzen linderte und Kräutermischungen für Wohlstand und Glück in kleine Säckchen abfüllte. Von ihr hat Antje Wedde den Job geerbt. 

Darf man fragen, wie alt sie ist? „1965 geboren“, sagt sie, „aber das ist ja nicht so relevant. Hexen haben ohnehin ein anderes Alter.“ Bei der kalendarischen Geburt jedenfalls war Antje Wedde ein Siebenmonatskind, 1900 Gramm. Der Arzt, der das kleine Wesen aufpäppelte, hieß Dr. Frankenstein. Sie lacht. „Kein Witz“, sagt sie dann.

Es klingelt (normale Klingel, kein Rabengekrächze), Hexenschwester Simone Bartjes kommt herein, mit einer lebensgroßen Hexenpuppe. „Hildegard“, stellt sie vor. Solche Puppen hängen derzeit vielerorts im Harz an Bäumen und Fassaden, allein 60 haben die Frauen der Wolfshäger Hexenbrut hergestellt.

Die Brut ist eine Unterhaltungstruppe, die man buchen kann, für Hochzeiten oder Geburtstage oder Messen. Und einmal im Jahr, zur Walpurgisnacht, verwandeln die Frauen ihren Heimatort in einen – nun ja: Hexenkessel. „Brauchtumspflege“, sagt Bartjes. Die 38 Frauen verkleiden sich, und sie tanzen, viel und wild und schlicht und schön. Alles selbst ausgearbeitet: hochprofessionelle Maske – „Da wird nicht nur so rumgekleckst“, sagt Bartjes – und erlesene Kostüme – „Nase mit Gummiband, das ist zu einfach“, sagt Wedde – und die kompletten Choreographien. 

Die Welt verrücken

Es gibt einen Tanz, der wird in der kommenden Woche bei Youtube die Grenze von 100 Millionen Aufrufen überschreiten. „Wenn alle Frauengruppen, die das weltweit nachtanzen, auf einmal tanzen würden, wir würden die Welt verrücken“, sagte Simone Bartjes.

Sie selbst, erzählt sie, sei durch eine Kräuterwanderung der Gruppe dazugestoßen. Denn die beiden Frauen reden nicht nur über Schminke und Kleider und Besen (der, nebenbei bemerkt, zwingend aus Birkenreisern besteht, die mit Weidenbast an einen Ebereschenstecken gebunden sind). „Es geht ja auch um das ursprüngliche Wissen der alten und weisen Frauen, die man damals als Hexen bezeichnet hat“, sagt Antje Wedde. Deswegen suchen die Wolfshäger Hexen mit ihren Gästen Kräuter im Wald, etwa die Hexenzwiebel (im Alltagsdeutsch: Bärlauch), sie machen Brennessel-Dip fürs Brot und gießen Sirup mit Quellwasser auf. Oberhexe Wedde berichtet, dass sie sehr wohl mit Pflanzen spricht und der einen oder anderen auch mal übers Blatt streichelt. Es gibt eine Hexenschwester in Wolfshagen, selbst Pharmareferentin, die bekämpft ihre Migräne mit Waldmeistertee. Erfolgreich.

 Nach und nach erzählen die beiden Frauen dann auch noch, dass sie nicht einfach kostümierte Frauen sind beim Hexentanz, sondern dass das Hineinschlüpfen in die Hexenrolle die Welt seltsam verändert. Dass sie selbstbewusster werden. Stärker. Dass sie Stolz spüren. Dass sie auch mutiger sind. Viele Zuschauerinnen würden hinterher zu ihnen kommen und sagen, im Grunde ihres Herzens seien sie auch Hexen. 

Und die Männer? „Die Männer ticken aus“, sagte Antje Wedde. Sprich: Sie schauen die Hexen ganz oft mit einer Mischung aus Sehnsucht und Angst an, und wissen selbst gar nicht so genau, was da mit ihnen passiert.

Die Wolfshäger Hexen zaubern also doch. „Na ja“, sagt  Antje Wedde, und das Glimmen steigt ihr wieder in die Augen: „Wir bezaubern.“   

Von Heiden und teuflischen Küssen

Die Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai gilt als die Nacht der Hexen. Stephan M. Rother, Historiker und Autor der Romanreihe „Königschroniken“, erklärt, wieso.

Walpurgis: Heilige statt Hexe

Walburga oder Walpurga war eine frühmittelalterliche Heilige. Ihr Pech war, dass ihr Gedenktag am 1. Mai gefeiert wurde. Die Nacht davor fiel auf das Datum des keltischen Fruchtbarkeitsfestes Beltane, Höhepunkt jener Jahreszeit, da sich die Tiere ihren Trieben hingaben, und im Beltane-Ritual auch die Menschen. Wer sich in dieser Nacht zu entsprechenden Zeremonien traf, musste aus Sicht der Christen vom Teufel besessen sein.

Von teuflischen Küssen

Während das Christentum in den Städten bereits Fuß gefasst hatte, lebten auf dem Lande und auf der Heide nach wie vor die „Heiden“ – wobei die Heide für abgelegene Orte steht, etwa für den Hexenberg Blocksberg –  im Harz: der Brocken. Da das Böse „falsch“ ist, musste in der Fantasie der Hexenverfolger alles „verkehrt herum“ passieren. Man läuft rückwärts, spricht rückwärts. Der Pakt mit dem Leibhaftigen wird mit einem Kuss auf den Hintern des Teufels besiegelt.

Die Frau, ein unvollkommen‘ Tier

Im mittelalterlichen Christentum galt die Frau als unheimlich. Die Monatsblutung war ein Mysterium. „Das Weib ist ein unvollkommen‘ Tier“, heißt es im „Hexenhammer“, einem Handbuch für Hexenverfolger. Wenn so eine Kreatur etwas Bemerkenswertes zustande brachte, musste das „mit dem Teufel zugehen“.

Der böse Blick

Der Hexenglauben ist bis heute in der Sprache erhalten. Beim Hexenschuss etwa wurde dem Opfer angeblich mit dem „bösen Blick“ ein Rückenleiden angehext. „Hoc est enim corpus meum“ heißt es in der lateinischen Fassung des Abendmahls: „Dies ist mein Leib“. In der Hexerei wird daraus ein genuscheltes „Hokuspokus“.

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Heißa Walpurgisnacht

Die Walpurgisnacht in Wolfshagen bei Langelsheim beginnt am 30. April auf der Wolfshöhe – Parken am Ortseingang, es fährt ein Shuttle-Bus – um 15 Uhr mit einem (Hexen-)Kinderfest. Das Erwachsenenspektakel startet um 20 Uhr. Gegen Mitternacht wird der Winter in Form des Teufels ausgetrieben. 

Walpurgisnächte werden in mehr als 20 Orten der Region gefeiert. Die größten Events finden hier statt: 

Bad Grund:  Walpurgismarkt auf dem Hübichplatz bereits vom 29. April an. Braunlage: Fest ab 11 Uhr im Kurpark. Hahnenklee: Markt ab 13 Uhr, abends Feuershow. Sankt Andreasberg: Hexentanz in der Ortsmitte. Schierke: vom 29. April an ab 11 Uhr Mittelaltermarkt und Hexenumzug im Kurpark.

Von Bert Strebe

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