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Der Norden „Das ist das Schwerste – das Weiterleben“
Nachrichten Der Norden „Das ist das Schwerste – das Weiterleben“
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00:17 15.05.2018
Der sogenannte Disco-Mord schockierte die Menschen vor zehn Jahren: Blumen, Kerzen und Fotos am Tatort in Asche (Kreis Northeim).                                                                   Quelle: dpa
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Göttingen

Seit zehn Jahren steht in dem Dorf Asche bei Hardegsen (Kreis Northeim) ein Holzkreuz. Inzwischen ist es verwittert, die Inschrift ist aber noch lesbar. „Denise 1990–2008“ steht darauf, und: „In unseren Herzen lebst du weiter“. Detlef Lehmann hat das Kreuz nie gesehen. Obwohl er nur wenige Kilometer entfernt wohnt, ist er seit zehn Jahren nicht mehr in Asche gewesen. Im Frühjahr 2008 wurde in dem Ort seine 17-jährige Tochter Denise von einem damals 18 Jahre alten Dorfbewohner umgebracht. Der Täter wurde zu achteinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Er ist längst wieder in Freiheit, hat die Chance, etwas aus seinem Leben zu machen. Die Eltern seines Opfers fragen sich dagegen seit zehn Jahren, wie sie wieder ins Leben zurückfinden können. „Das ist das Schwerste – das Weiterleben“, sagt Anette Lehmann.

Das Motiv bleibt im Dunkeln

Bis heute wissen die Eltern nicht, was genau damals passiert ist. „Immer noch unbegreiflich“, stand über der Zeitungsanzeige, mit der sie kürzlich an den zehnten Todestag von Denise erinnerten. Wieso war Denise beim Discoabend im Dorfgemeinschaftshaus mit dem 18-Jährigen nach draußen gegangen? Sie war eine ehrgeizige Schülerin, hatte Pläne für die Zeit nach dem Abi. Ganz anders der 18-Jährige, er hatte die Hauptschule ohne Abschluss verlassen und eine Lehre abgebrochen.

Vor Gericht behauptete der Täter, sich an nichts erinnern zu können. Anhand der Spuren konnten die Ermittler feststellen, dass er Denise bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und dann über die Straße zu einem Kellereingang geschleift hatte. 30-mal schlug er mit einem Stein und einem Terrakottatopf gegen ihren Kopf. Warum und wieso, blieb im Dunkeln.

Anette Lehmann – die Mutter von Denise. Quelle: Heidi Niemann

Die Eltern hatten als Nebenkläger an der Verhandlung teilgenommen. „Die Angehörigen von Denise sind lebenslang gestraft“, hatte ihr Anwalt Steffen Hörning damals am Ende des Prozesses gesagt. In seinem Plädoyer schilderte er das Leid der Familie, die „jeden Tag mehr zerbricht“. 

Tatsächlich haben Anette und Detlef Lehmann mehr als einmal an Trennung gedacht. Zu unterschiedlich war die Art und Weise, wie sie versuchten, den Verlust und den Schmerz zu bewältigen. Früher haben sie viel zusammen unternommen, das ist jetzt anders. „Wir haben keine gemeinsamen Sozialkontakte mehr“, sagt Anette Lehmann. Die Ehe hätte daran zerbrechen können, doch sie sind zusammengeblieben. „Es ist schwer, den richtigen Weg zu finden. Man muss versuchen, den anderen zu verstehen“, sagt die 52-Jährige. „Ich weiß, wie es ihm geht.“

Detlef Lehmann ist früher viel gereist, hat Sport getrieben, sich als Fußballtrainer engagiert. Heute geht der 54-Jährige kaum noch aus dem Haus. Er arbeitet zwar weiterhin als Postzusteller. Für andere Freizeittätigkeiten ist er aber oft zu erschöpft, weil er unter chronischen Schlafstörungen leidet – eines der typischen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. 

Diese Kreuz erinnert an Denise. Quelle: Heidi Niemann

Auch Anette Lehmann leidet bis heute unter Schlafstörungen. „Wenn ich nachts aufwache, fängt sofort das Kopfkino an, dann muss ich aufstehen“, sagt die 52-Jährige. Ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik hat ihr geholfen, Strategien für den Alltag zu entwickeln. Sie hat ihr Arbeitspensum im Göttinger Uni-Klinikum auf eine Dreiviertelstelle reduziert und sich einen Hund angeschafft: „Das ist mein neues Hobby.“ Jetzt trifft sie sich mehrmals in der Woche mit anderen Tierhaltern zum Hundetraining oder Wandern. „Das tut mir gut“, sagt sie.

Was beiden geholfen hat, war der Austausch mit anderen Betroffenen. Anette Lehmann wählte eines Tages in ihrer Verzweiflung die Notrufnummer eines Opferschutzvereins. Ihr Gesprächspartner wusste sofort, wie ihr zumute war. Seine Tochter war zwei Jahre zuvor ebenfalls einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. „Wir haben geredet, bis der Akku leer war“, erzählt sie. 

Wieder im Gerichtssaal

Inzwischen ist sie es, die anderen Betroffenen zu helfen versucht. Vor einem Jahr saß die 52-Jährige erstmals wieder im Göttinger Landgericht in dem Schwurgerichtssaal, in dem sie so oft dem jungen Mann aus dem Nachbarort gegenübergesessen hatte, der ihre Tochter getötet hatte. Diesmal verfolgte sie den Prozess gegen einen 29-jährigen Mann, der in Hardegsen seine 23-jährige Ex-Freundin niedergestochen hatte. Die Mutter des Mordopfers hatte sie angesprochen. Wann immer Anette Lehmann Zeit hatte, setzte sie sich in den Zuschauerraum, um ihre Leidensgenossin zu unterstützen. „Danach war ich immer richtig groggy. Das zerrt schon sehr an den Kräften, aber es hilft mir auch.“ Auch jetzt halten die Frauen weiter Kontakt zueinander.

Vor Kurzem hat die 52-Jährige durch einen Zeitungsbericht erfahren, welche Folgen der gewaltsame Tod ihrer Tochter für einen weiteren Betroffenen hatte. Der damalige Freund von Denise wurde durch das schockierende Erlebnis völlig aus der Bahn geworfen. „Es ging ihm sehr schlecht, er ist deshalb auch nicht zur Beerdigung gekommen“, erinnert sich Anette Lehmann. Sie hat ihn später in einer Entzugsklinik besucht, wo er eine Drogentherapie machte.

Damals schenkte der junge Mann ihr einen selbst gebastelten Engel als Erinnerung an Denise. Der heute 29-Jährige kam jedoch von den Drogen nicht los, rutschte immer tiefer ab, wurde immer wieder straffällig. Vor einigen Wochen verurteilte ihn das Landgericht Göttingen wegen mehrerer Raub- und Gewaltdelikte zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren, außerdem ordnete es die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Anette Lehmann würde ihn gern wieder besuchen. „Er ist doch auch ein Opfer.“

Von Heidi Niemann

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