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Der Norden Das ungelöste Rätsel von Drage
Nachrichten Der Norden Das ungelöste Rätsel von Drage
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09:29 21.07.2017
„Wir haben keinerlei Ansätze mehr, um weiter zu ermitteln“: Vor zwei Jahren suchten Beamte mit einem Sonarboot nach Sylvia und Miriam Schulze. Inzwischen ist die Akte geschlossen. Quelle: Philipp Schulze
Drage

855 Einwohner zählt die Statistik für das Dorf Drage an der Elbe im Landkreis Harburg. Zwei von ihnen stehen zwar noch in den Akten, sind aber seit fast zwei Jahren vermisst, Mutter und Tochter. „Hier haben sie gelebt“, sagt Uwe Harden, und sein Blick geht in Richtung eines Einfamilienhauses mit roten Ziegeln und einer einfachen Rasenfläche davor. Harden ist der Bürgermeister des Dorfes, und mit „sie“ meint er Familie Schulze. Vater Marco, Mutter Sylvia und Tochter Miriam. Seit Sommer 2015 hat keiner der drei mehr den Rasen betreten. Den Vater fand man tot in der Elbe, von Mutter und Tochter fehlt jede Spur. Jetzt steht das Haus vor dem Verkauf.

In der Elbe treibt eine Leiche

Es ist der wohl mysteriöseste Kriminalfall der vergangenen Jahre in Norddeutschland. Am 22. Juli 2015 wird Marco Schulze das letzte Mal lebend gesehen, als er die Mülltonne an die Straße stellt. Am 30. Juli entdeckt ein Spaziergänger eine Leiche am Ufer der Elbe - es ist der tote Körper des Familienvaters, an seinem Bein hängt ein 20 Kilogramm schwerer Betonklotz.

Alle Indizien zeigen: Es war Suizid. Vermutlich sogar ein sogenannter erweiterter Suizid. Die Polizei vermutet, dass der Vater erst Frau und Tochter umgebracht und sich dann von der Brücke in Lauenburg auf der schleswig-holsteinischen Elbseite ins Wasser gestürzt hat. Mit Hubschraubern und Sonarbooten, Spürhunden und Tauchern suchte die Polizei im Sommer vor zwei Jahren mehrfach den Fluss und die Umgebung ab.Die Beamten tauchten auch in einen weiter entfernten See, an dem eine Zeugin die Familie kurz vor ihrem Verschwinden gesehen haben wollte. Die Polizei glaubte kurzzeitig, dass Marco Schulze Frau und Tochter dort getötet und die Leichen dann versteckt hat. Aber die Beamten fanden nichts.

Seither gab es keine echte Spur von Sylvia und Miriam. Mutter und Tochter wurden bis heute nicht gefunden. Sie sind auch nie von einer spontanen, bei niemandem angekündigten Reise zurückgekommen - diese verzweifelte Hoffnung hatte die Mutter von Marco Schulze noch vor einem Jahr geäußert, als die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ über den Fall berichtete.

Gleich zweimal war das Verschwinden der Schulzes schon Thema in der ZDF-Sendung. Entscheidende Hinweise gab es nie. Zuletzt hatte die Polizei Hoffnungen in Kleidungsstücke gesetzt, die Ende vergangenen Jahres unweit des Wohnhauses der Familie gefunden worden waren. Doch auch die Untersuchung der Stücke hat keine Hinweise auf die Vermissten gegeben. Sie gehören ihnen gar nicht, wie eine DNA-Analyse ergeben hat. „Wir haben keinerlei Ansätze mehr, um weiter zu ermitteln“, sagte ein Polizeisprecher.

In diesem Sommer klebt an der Haustür der Schulzes immer noch das Siegel des Amtsgerichts, es ist mittlerweile weiß und nicht mehr gelb wie beim Anbringen vor zwei Jahren. Zwischen den Gehwegplatten wächst Gras, die Vorhänge sind zugezogen. Die Gartenstühle hat jemand ins Haus gebracht, auch den Aschenbecher, der im Juli 2015 noch auf dem Tisch auf der Terasse gestanden hatte. Die sechs Säcke Blumenerde und der Haufen Kies liegen aber noch so unberührt vor dem Schuppen wie im Sommer vor zwei Jahren.

Das Haus wird verkauft

„Es ist zu still hier“, sagt Uwe Harden, der Bürgermeister. „Für die Nachbarn ist es schlimm, keinen Abschluss finden zu können. Es wäre gut für das ganze Wohngebiet, wenn neues Leben in das Haus einziehen würde.“

Seine Hoffnung könnte bald wahr werden. Die vom Amtsgericht eingesetzten Nachlass- und Abwesenheitspfleger wollen das Grundstück veräußern. Zunächst holen sie ein Gutachten über den Wert ein, anschließend muss das Familiengericht dem geplanten Verkauf zustimmen.

Bürgermeister Harden ist nicht der Einzige, der froh wäre, wenn ein wenig Normalität in das etwa zehn Jahre alte Neubaugebiet zurückkehren würde. Im Garten gegenüber dem verlassenen Haus sitzt ein Mann in blauem T-Shirt, kurzer Hose und Badeschlappen, er schneidet trockene Zweige. „Jedes Mal, wenn ich aus dem Küchenfenster gucke, sehe ich den Vorhang da drüben. Es ist so leer dort“, sagt er. Auch der Nachbar hat Frau und Familie. „Gerade für die Kinder wäre es gut, wenn dort wieder Leben wäre. Es war natürlich sehr schwierig für uns, damit einen Umgang zu finden.“

Wenn neue Nachbarn einziehen würden, hofft der Mann, wäre das eine Art Abschluss für sie. Ein Abschluss, der bisher nicht möglich war, weil niemand Abschied nehmen konnte von Sylvia und Miriam Schulze.

Von Carolin George

Schwierige rechtliche Fragen sind offen

Wenn ein Mensch in Deutschland verschollen ist, kann er nach Ablauf einer bestimmten Zeit von einem Gericht für tot erklärt werden. Doch das dauert. Bei Sylvia Schulze wird das erst in acht Jahren der Fall sein, also zehn Jahre nach ihrem Verschwinden im Juli 2015. Tochter Miriam Schulze kann frühestens dann für tot erklärt werden, wenn sie das 25. Lebensjahr vollendet hätte. Heute wäre sie 14 Jahre alt.
Schwierig zu regeln sein wird nach der Todeserklärung die Erbfolge. Denn niemand weiß, wer in welcher Reihenfolge gestorben ist, wer also wen beerbt. Dies wird eines Tages ein Gericht auf der Basis der wahrscheinlichsten Vermutung feststellen müssen.
Gibt es keine nahen Angehörigen, die sich um die zu regelnden Dinge von verschwundenen oder verstorbenen Menschen kümmern können, setzt das Amtsgericht jemanden dafür ein. Im Fall der Familie Schulze in Drage sind das zwei Rechtsanwälte: ein Nachlassverwalter für das Vermögen des verstorbenen Marco Schulze sowie ein Abwesenheitspfleger für den Besitz und die sonstigen Angelegenheiten der verschollenen Sylvia und Miriam Schulze.
Ähnlich wie gesetzliche Betreuer regeln sie alles, was es zu regeln gibt: vom Lüften und Heizen des Hauses übers Bezahlen von Rechnungen bis zum Tilgen von Krediten. Und jetzt auch den Verkauf der leer stehenden Immobilie.

cg

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