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Der Norden Die Zahl der Beerdigungen im Wald steigt
Nachrichten Der Norden Die Zahl der Beerdigungen im Wald steigt
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00:19 01.10.2018
Zwei bis drei Bestattungen pro Woche: Trauerfeier auf dem Andachtsplatz des Ruheforsts Deister – festgehalten in einem Bildband des Fotografen Ralf Orlowski. Quelle: Ralf Orlowski
Bad Essen/Wennigsen

Im Gesicht von Simone Bokemper mischen sich Anspannung und Trauer. Ihre Schwägerin ist vor Kurzem gestorben. Man spürt, dass das alles schwer war und schwer ist, und auch in den Augen ihres Sohnes, der sechs ist und neben ihr steht und den Staub auf dem Waldweg mit dem Fuß hin- und herschiebt, liegt etwas Gedrücktes. „Sie war seine Patentante“, sagt die junge Mutter.

Aber es steckt auch ein Quäntchen Erleichterung in Simone Bokempers Ausdruck. Sie schaut von der nächsten Buche zur übernächsten Eiche zur überübernächsten Linde. „Sie wollte hier beerdigt werden“, sagt sie. Schon als der Ruheforst bei Schloss Hünnefeld in Bad Essen im Osnabrücker Land vor anderthalb Jahren eingerichtet wurde, hatte die Schwägerin gesagt, dass sie einmal dort liegen möchte. „Sie wollte nicht das Traurige des Friedhofs. Hier ist es doch viel schöner“, sagt Simone Bokemper. „Viel lebendiger.“ Nur dass es so schnell gehen würde, das hat niemand geahnt. Der Sohn hebt plötzlich den Kopf: „Zum Glück werde ich bald sieben.“ Man weiß sofort, wie er das meint: Wenn Geburtstag ist, wird gefeiert. Dann sind nicht mehr alle so traurig.

Simone Bokemper und ihr Mann und ihr Schwager und die Schwiegereltern haben sich gerade für einen Familienbaum entschieden. Beraten hat sie dabei Barbara Schlenger, die sich im Ruheforst von Schloss Hünnefeld um Trauernde und Ratsuchende und Interessierte kümmert, im Auftrag der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. „Wo gibt’s das schon“, sagt Barbara Schlenger. „So ein Friedhof. Mit Eichen und Buchen, die bis zu 138 Jahre alt sind. Und mit Blick aufs Schloss.“

Barbara Schlenger beim Musterurnengrab im Ruheforst Schloss Hünnefeld in Bad Essen. Barbara Schlenger betreut den Ruheforst im Auftrag der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Quelle: Strebe

Wahrscheinlich würde es auch völlig ohne Schloss funktionieren: Die Sonne fingert durch die Baumkronen. Der Waldboden ist weich und federnd, die Luft riecht frisch und würzig. Es ist, als ob sich in solcher Umgebung der Puls ganz von selbst verlangsamt. Wachsen und vergehen. Der Wald strahlt Beständigkeit und Würde ebenso aus wie Vitalität. Der Ruhewald Hünnefeld umfasst 17 Hektar, derzeit in Betrieb sind 4,5 Hektar. Die Hälfte der Bäume auf dieser Fläche, nämlich 460, sind bislang als Bestattungsbäume ausgewählt worden.

Die Bäume haben eine Nummer, und wenn da noch Plätze zu haben sind, hängt eine blaue oder gelbe Plakette hinter dem Täfelchen mit der Zahl. Blaue Plakette heißt: Familien- oder Freundschaftsgrab mit maximal zwölf Plätzen, sternförmig um den Stamm angeordnet. Man kann nur alle zusammen erstehen. Gelb heißt: Gemeinschaftsgrab, hier können Leute liegen, die sich gar nicht kennen, dafür kann man aber auch nur einen Einzelplatz kaufen.

Familienbaum für 9600 Euro

Eine Beisetzungsstelle für eine Urne – Bestattungen im Sarg sind nach wie vor nur auf normalen Friedhöfen zulässig – kostet in Hünnefeld günstigstenfalls 595 Euro. Dazu kommen noch die Bestattungskosten, knapp 300 Euro, allerdings ohne Einäscherung. Der Ruheforst ist auf 99 Jahre ab Gründungsdatum angelegt. Ein Familienbaum kostet zwischen 3500 und 9600 Euro. Wer keine Familie hat oder keine dabei haben will, aber dennoch einen eigenen Baum haben möchte, kann ihn sich auch allein kaufen. Man kann sich anonym bestatten lassen oder mit einem kleinen Namensschild am Baum. Es gibt auch einen Regenbogenplatz für Kinder, die vor der zwölften Schwangerschaftswoche gestorben sind. Da ist die Urnenbestattung kostenlos.

Barbara Schlenger will gleich noch einer Besuchergruppe zeigen, wie das alles so abläuft im Ruheforst. Dafür gibt es ein Musterurnengrab, wie alle anderen von Hand ausgehoben, 90 Zentimeter tief, ein paar Zweige sind rund um die Öffnung drapiert. Schlenger zeigt die Urne vor, sie sieht aus wie Marmor, besteht aber aus dem Holzfaserstoff Lignin. Früher waren solche Urnen aus Maisstärke, aber das war nicht so gut, das hat Wildschweine angelockt. Doch auch Lignin zerfällt nach einem guten Jahr: Die Asche des Menschen wird vom Wald wieder in den Naturkreislauf zurückgeholt.

An zentraler Stelle gibt es einen Andachtsplatz im Ruheforst Hünnefeld, mit Holzbänken und Baumstumpf, um die Urne draufzustellen. Ein Kreuz steht da auch: Wir befinden uns im christlichen Abendland. Etwa die Hälfte der Beisetzungsfeiern sei christlich geprägt, sagt Barbara Schlenger. Ansonsten gebe es hier alles.

Barbara Schlenger war lange Musiklehrerin. Davon hatte sie sich gerade ein bisschen verabschiedet, als sie gefragt wurde, ob sie sich nicht um den Ruheforst kümmern wolle. Ihre Auftraggeberin ist die Landwirtschaftskammer, was daran liegt, dass die Kammer auch Waldbesitzer berät und betreut. Außerdem ist die Gemeinde als Träger des Ruheforstes mit im Boot: Ein Friedhof ist immer eine offizielle Angelegenheit, ohne Kommune oder Kirchengemeinde geht es nicht.

Marktführer aus dem Deister

In Hünnefeld gibt es jede Woche eine Bestattung. Insgesamt sind bisher 122 Verträge abgeschlossen worden – viele Menschen suchen sich ihren Baum im Voraus aus – und es hat 71 Beisetzungen gegeben. Das ist noch wenig. Der – wenn man so einen Ausdruck in dieser Branche verwenden will – Marktführer in Niedersachsen ist der Ruheforst Deis­ter in der Region Hannover, auf dem Rittergut Bredenbeck in Wennigsen. Auf dem Anwesen der Freiherren Knigge finden zwei bis drei Bestattungen pro Tag statt.

Betriebsleiter Ralf Schickhaus erzählt, seit der ersten Beerdigung 2009 seien hier 5000 Urnen in die Erde gesenkt worden, und er habe noch Platz für 38 000 weitere. Sollte trotzdem der Platz knapp werde, könne man erweitern. Dass die Nachfrage so groß ist, liegt auch daran, dass anderswo erhebliche Zurückhaltung herrscht, was Waldbestattungen angeht. Die weltlichen wie die kirchlichen Gemeinden fürchten oft um ihre Einnahmen, wenn es mehr Bestattungswälder gibt, verschiedene Quellen sprechen von Verlusten in Höhe von 20 oder 25 Prozent. Gerade diese Gebühren und die Pflicht zur Grabpflege aber schrecken inzwischen eine signifikante Anzahl von Menschen ab.

Die Mehrheit der Leute, die im Ruheforst Deister beerdigt werden, kommt gar nicht mehr aus dem Ort. Ralf Schickhaus erzählt, er lege größten Wert darauf, dass bei ihm die Angehörigen begleitet würden, dass man ihnen in der schweren Zeit zur Seite stehe. Trotzdem rechne sich die ganze Sache: Mit seinem Ruheforst erwirtschaftet er dasselbe Geld, das er früher mit dem Holzeinschlag erlöst hat.

Barbara Schlenger stellt die Urne wieder weg, schaut in die Baumkronen, schließt kurz die Augen. Sie hat schon ihre Mutter im Ruheforst Hünnefeld beerdigt, sie selbst will hier auch einmal liegen, den Baum hat sie bereits ausgesucht. Aber bis dahin hat die 62-Jährige noch eine Menge vor, will beispielsweise eine Ausbildung zur Trauerrednerin absolvieren. Sie geht ganz auf in ihrem stillen Job: „Ich hab’ hier doch einen wunderschönen Arbeitsplatz.“

Ralf Orlowskis Bildband „Ruheforst Deister“ ist für 20 Euro zu beziehen über Ruheforst Deister, Rittergut Bredenbeck 1, 30974 Wennigsen, Telefon (0 51 09) 56 96 56 sowie per E-Mail: kontakt@ruheforst-deister.de.

Sterben ist teuer

932 538 Menschen sind im Jahr 2017 in Deutschland gestorben. Etwa 5 Prozent lassen sich Erhebungen zufolge in einem Bestattungswald beisetzen. Der Markt wächst: Rund 19 Prozent der Deutschen wünschen sich eine Urnenbeisetzung außerhalb von Friedhöfen und ohne nachfolgende Grabpflege.

Das hat vielfach mit dem Wunsch zu tun, in der freien Natur beerdigt zu werden und die Angehörigen nicht mit der Pflege zu belasten.

Rund 400 Bestattungsflächen in Wäldern gibt es in Deutschland. Die meisten gehen auf kleine, lokale Initiativen zurück, manchmal liegen sie auch auf normalen Friedhöfen.

Zwei größere Firmen betreuen Waldbesitzer in einer Art Franchise-System: Sie heißen Ruheforst und Friedwald. Beide verfügen derzeit über jeweils rund 65 Bestattungswälder und nehmen jährlich rund 10 000 Beisetzungen vor. In Niedersachsen gibt es zurzeit jeweils zwölf Ruheforsten und zwölf Friedwälder.

Die Bestattungswälder werben mit geringen Kosten. Aber nach Auskunft des Bestatterverbands Niedersachsen ist die Beerdigung auf dem Friedhof nicht unbedingt teurer. Zwar kostet eine konventionelle Beisetzung im Mittel 5000 Euro (kann aber auch sehr viel teurer werden), die je nach Ort unterschiedlich hohen Friedhofsgebühren zwischen 1000 und 6000 Euro für eine Grabstätte über 25 Jahre Laufzeit kommen noch dazu. Eine anonyme Bestattung in der Urne unter dem Rasen könne man auf dem Friedhof aber schon für 319 Euro aufwärts bekommen. Allerdings kostet – wie bei der Waldbestattung – die Einäscherung extra: Die reinen Kremierungsgebühren liegen zwischen 300 und 450 Euro. Doch mit Einäscherungssarg, Überführung und allen Dokumenten kommen auch oft mehr als 3000 Euro zusammen.

Von Bert Strebe

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