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Der Norden Dieser Mann reißt ein Kernkraftwerk ab
Nachrichten Der Norden Dieser Mann reißt ein Kernkraftwerk ab
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00:34 15.10.2018
Ulrich Priesmeyer, Leiter Abbau, vor dem Kernkraftwerk Lingen. Quelle: Bert Strebe
Lingen

Es gibt einen kurzen Moment, in dem Wolfgang Kahlerts Stimme ein bisschen ins Rutschen kommt. Das passiert, als er von seinen Anfängen am Kernkraftstandort Lingen erzählt. 1984 hat der diplomierte Elektroingenieur seinen ersten Job bei der damaligen VEW AG angetreten, sein Aufstieg begann mit dem Posten des Schichtleiters.

Heute ist Wolfgang Kahlert Leiter des noch im Betrieb befindlichen Atomkraftwerks Emsland, das bis Ende 2022 arbeiten wird, und des alten Kernreaktors Lingen, der bereits demontiert wird. Beide gehören inzwischen zu RWE. Dass sich die Branche im Laufe eines einzigen – und zwar seines – Berufslebens von der Hoffnung der Energieversorgung zum Nach-Fukushima-Angstobjekt und schließlich zum Abwicklungsfall entwickeln würde, damit hatte er nicht gerechnet.

„Es ist beschlossen, steht im Atomgesetz“, sagt Kahlert. „Damit müssen wir zurechtkommen.“ Und er fügt etwas an, was wohl nur ein Ingenieur so sagen kann, unter Vermeidung des harschen Wortes vom Abriss: „Wir erledigen den Rückbau unserer Anlage genauso professionell wie den Betrieb.“

Sieben Tage lang Atom-Strom für die ganze Welt

Mit dem Bau des ersten Lingener Kernkraftwerks wurde 1964 begonnen, 1968 nahm der Siedewasserreaktor der ersten Generation den Betrieb auf. Auf 268 Megawatt belief sich die Leistung – 1977 aber war schon wieder Schluss: Nach einem Maschinenschaden im Dampfumformer wurde der Nuklearteil stillgelegt. Es folgte der „sichere Einschluss“, wie das im Kerntechnikerdeutsch heißt: Brennelemente raus, Versiegelung, Radioaktivität abklingen lassen. 1983 wurde das letzte der insgesamt 585 verbrauchten Brennelemente in der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield in England abgeliefert. 9136 Gigawattstunden Strom hat Lingen I geliefert.

Der eine Meiler war noch nicht richtig runtergefahren, da arbeitete man bereits an den Planungen für den nächsten: 1982 legten RWE und Preussenelektra den Grundstein für Lingen II (offizielle Bezeichnung: Kernkraftwerk Emsland), einem Druckwasserreaktor mit gut 1400 Megawatt Leistung. Macht mehr als 10.000 Gigawattstunden jährlich im deutschen Stromnetz, seit der Aufnahme des kommerziellen Betriebs 1988.

Man hört den Stolz, wenn Wolfgang Kahlert die Betriebszahlen des Reaktors referiert: 93 Prozent Verfügbarkeit der Anlage, Produktion von 43,8 Prozent allen Stroms, den die niedersächsische Industrie beispielsweise im Jahr 2016 benötigte. „Mit dem Strom, den wir in den 30 Jahren bisher produziert haben, hätten wir sieben Tage lang die ganze Welt CO2-frei versorgen können“, ergänzt Kraftwerkssprecherin Anna-Lena Meyer.

Kahlert vergisst nicht zu erwähnen, dass sein Reaktor verlässlich Strom liefert, wenn die erneuerbaren Energien gerade Pause machen, und zeigt eine Grafik, die belegt, wie die Lastanforderung an das Kraftwerk am 24. Dezember 2017 in den Abendstunden in die Höhe schnellte, weil ganz Norddeutschland die Weihnachtsbaumbeleuchtung einstöpselte, während keine Sonne scheinen und kein Wind wehen mochte. Immer mal wieder spürt man, dass Kahlert es nicht so toll findet, dass die „klar führende deutsche Technik“ mit ihrem hohen Standard („Alle Sicherheitssysteme sind viermal vorhanden“) jetzt auf das Abstellgleis kommt.

Emsländer glauben an Fortschritt

Wer verstehen will, wieso in Lingen gleich zwei Atomkraftwerke nebeneinander errichtet werden konnten, während der Bau von der großen Mehrheit der Bevölkerung nicht nur nicht bekämpft, sondern sogar begrüßt worden ist, muss sich die Geschichte des Emslandes angucken. In der unwirtlichen, moorigen Gegend an der niederländischen Grenze, bis in die Sechziger hinein das Armenhaus Deutschlands, sind die Bauern über Jahrhunderte auf ihren kargen Äckern nahezu verhungert. Die Folge war ein unbedingter Glaube an den Fortschritt als Motor wirtschaftlicher Prosperität.

Demos für Atomkraft

Und das hat funktioniert. Heute zählt das Emsland zu den aufstrebenden und finanziell weitgehend gesunden Gegenden. Auch wegen der Kernkraft: Seit Bestehen sind 3,3 Milliarden Euro an Betriebskosten in das Kernkraftwerk Emsland geflossen, allein 2017 wurden für 71 Millionen Euro Aufträge vergeben – und 11 Millionen davon landeten bei Firmen in der Umgebung des Standortes. Rund 400 Arbeitsplätze kommen für die Region noch dazu. Plus Steuern für die Kommunen.

Lingen, wo es obendrein noch eine Brennelementefabrik gibt, ist die einzige Stadt in Deutschland, in der es Demos pro Atomkraft gegeben hat. Es existieren zwei kleinere Initiativen in der Umgebung, die sich für die sofortige Abschaltung aller Atomanlagen aussprechen. Aber sie haben es im Emsland deutlich schwerer als anderswo in Niedersachsen. Eine Initiativen-Sprecherin nennt Lingen eine „gekaufte Stadt“.

Das letzte Kernkraftwerk in Niedersachsen

Das Kernkraftwerk Emsland in Lingen ist einer der letzten Atommeiler, die nach dem Beschluss zum Atomausstieg vom Netz gehen werden, und zugleich der letzte niedersächsische: Ende 2022 ist Schluss. Ein Jahr zuvor, im Dezember 2021, wird das Kernkraftwerk Grohnde bei Hameln abgeschaltet, das 1984 in Betrieb gegangen war. Bereits 2011 ist das Atomkraftwerk Unterweser in Esenshamm, ebenfalls Druckwasserreaktor, nach 33 Jahren vom Netz genommen worden. Die Abbaugenehmigung ist erteilt. Das Kernkraftwerk Stade, in Betrieb gegangen 1972, war bereits 2003 abgeschaltet und 2005 offiziell stillgelegt worden – aus wirtschaftlichen Gründen.

Aber es geht ja voran mit der Abschaltung der Atomanlagen. Im Innern des alten Kraftwerks Lingen I sieht es schon ganz ordentlich aus. Wo früher eine Rohrleitung neben der anderen installiert war, zeugen allenfalls noch verschraubte Stutzen von dem technischen Wirrwarr. Ulrich Priesmeyer ist dafür verantwortlich, dass sich immer weniger Technik unter der gewölbten Hülle des Atommeilers anfindet, er ist „Leiter Abbau“, wie man das hier lakonisch nennt. Priesmeyer hat Maschinenbau in Hannover studiert und bei der Demontage des Blocks A von Gundremmingen mitgearbeitet, er weiß, wie man unter Wasser einen Reaktor zerschneidet und wie man kritische Abfälle in Grenzen hält.

Zusammen mit zwölf Kollegen kümmert Priesmeyer sich darum, dass alle mit Strahlung in Berührung gekommenen Teile abgebaut, zerlegt und dekontaminiert werden. Was dann als unbedenklich „freigemessen“ wird, wie der Fachbegriff heißt, kann auch wieder verwendet werden, etwa im Straßenbau. Arbeiter in weißen Schutzanzügen laufen herum, und wo sie gerade zugange sind, sind Zelte aus roten Planen aufgebaut, da wird die Luft vorsorglich abgesaugt und Kontamination in Grenzen gehalten.

700 Fässer sind schon voll

Priesmeyer zeigt die bereits fertigen Räume vor, auf denen abschnittsweise an den Wänden notiert worden ist, was die Strahlungsmessungen dort ergeben haben. Im Fasslager im Keller des Werks stehen die Fässer mit schwachradioaktiven Materialresten für das irgendwann fertige Endlager Konrad bei Salzgitter bereit, 700 sind inzwischen zusammengekommen.

Der Abbau ist in zwei Teilprojekte gegliedert, die erste Genehmigung wurde 2015 erteilt, die zweite – da geht es um die Entfernung des Reaktordruckbehälters und Abriss des Gebäudes – wurde 2016 beantragt. Hier wird kein Handgriff ohne behördliche Genehmigung vorgenommen.

Der gesamte Abbau wird rund 15 Jahre in Anspruch nehmen, also bis etwa 2030 dauern. 59.000 Tonnen Masse sind zu bewegen, davon 2000 Tonnen Baustahl – aber nur 1500 Tonnen Material müssen endgelagert werden. Ulrich Priesmeyer erläutert, der Strahlenmüll werde unter Hochdruck kompakt verpresst, bevor er ins Endlager wandere: „Aus 1500 Tonnen werden 500 Kubikmeter. Das entspricht etwa dem Volumen eines Reihenhauses.“ Alles andere, vor allem viel Beton, kann wiederverwertet werden. Priesmeyer nennt das, was er tut, „Erzeugung von Wertstoffen“.

Von Januar 2023 an kann Priesmeyers Mannschaft dann das, was sie bei Lingen I an Abbauerfahrung gesammelt hat, nahtlos auch bei Lingen II anwenden.

Neue Pläne für Schacht Konrad

Das Zwischenlager für Schacht Konrad soll nach Auskunft des niedersächsischen Umweltministeriums nicht in Salzgitter errichtet werden. Auch ein anderer Standort in Niedersachsen sei „aufgrund der Vorbelastung der Menschen in der Region nicht vermittelbar“. Theoretisch kämen außer Niedersachsen auch andere Bundesländer – etwa Sachsen-Anhalt – als Standort infrage. In dem sogenannten Bereitstellungslager sollen die für das Endlager Schacht Konrad bestimmten schwach und mittelradioaktive Abfälle zunächst gesammelt werden. Es dürfe höchstens 200 Kilometer von Schacht Konrad entfernt sein, um zusätzliche Transportwege zu vermeiden, so der zuständige Bund.

Von Bert Strebe

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