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Aktuelles Arbeit 4.0 zwischen Faszination und Horror
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15:29 03.05.2018
Wie viel Jobs wird Digitale Transformation kosten? Das war eine der Fragen, die dieses Jahr auf der Internetkonferenz re:publica diskutiert wurde. Motto in diesem Jahr ist POP. Quelle: Britta Pedersen
Berlin

Düstere Prognosen zur Zukunft der Arbeit hat es in den vergangenen Jahren zuhauf gegeben. Roboter übernehmen die Fertigung, künstliche Intelligenz und digitale Assistenten erobern das Dienstleistungsgewerbe und in den großen Ballungsgebieten erledigen autonome Fahrzeuge den Transport.

"Und wenn Sie in einer Versicherung arbeiten und kleine Versicherungsfälle analysieren, dann sollten Sie sich vielleicht auch mal umorientieren", riet John Dylan Haynes, Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience an der Charité Berlin in einer Diskussionsrunde auf der

re:publica dem Publikum. Aber ist die Digitale Transformation tatsächlich eine gigantische Job-Vernichtungsmaschine?

Schon vor zwei Jahren hatte das Weltwirtschaftsforum in Davos dunkle Zukunftsszenarien entworfen. Weltweit würden rund fünf Millionen Jobs bis 2020 durch die Digitalisierung in den Industrieländern entfallen. Seither gab es zahlreiche Studien, die ähnliche Szenarien in Aussicht stellten, allerdings immer wieder auch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kamen.

"Alles Gerede, dass die Arbeit ausgeht, ist falsch, davon bin ich überzeugt", sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Aber es werde andere Arbeit geben. Die Arbeitswelt in allen Branchen sei betroffen. Heil will dabei vor allem auch auf Weiterbildung setzen. "Da müssen wir mehr Zug reinbringen." Dabei seien auch der Staat und die Gewerkschaften gefragt. Der SPD-Politiker will deshalb in der Bundesagentur für Arbeit einen Rechtsanspruch auf Weiterbildungsberaten etablieren. Wer Frust und Enttäuschung bei den Menschen vermeiden wolle, dürfe ihnen aber nicht versprechen, sie vor dem Wandel zu schützen. Es gelte stattdessen, Unsicherheiten zu managen und dabei unterschiedliche Interessen auszugleichen.

Es sei heute sehr schwer vorauszusagen, was in 30 oder 50 Jahren möglich sei, sagte Björn Böhning, Staatssekretär beim Ministerium für Arbeit und Soziales. Bei den Horrorszenarien, nach denen 40 Prozent der Jobs bis 2030 verschwinden würden, würden aber immer nur die Automatisierungsprozesse berechnet, sagte Böhning. Berücksichtige man all die Tätigkeitsprofile, die neu hinzukommen, komme man vielleicht auf einen Prozentsatz von zehn bis zwölf Prozent, und das sei eine ganz normale Entwicklung.

Davon, dass mindestens so viele neue Berufsfelder entstehen werden wie sie wegbrechen, ist auch Bundesbildungsministerin Anja Karlizcek (CDU) überzeugt. Dabei würden aber hochwertige, interaktive Berufe gewinnen. Im Zuge des Wandels müssten aber auch unkonventionelle Wege beschritten werden. "Lebenslanges Lernen wird zur Königsdisziplin."

In der Fertigungsindustrie werden immer mehr Arbeitsprozesse von Robotern und intelligenten Maschinen übernommen. Wir könnten uns freuen, wenn Maschinen uns langweilige Arbeit abnehmen, sagte Karlizcek. Aktuell bewegten wir uns zwischen Faszination und Furcht. Jede Technologie sei aber nur Mittel zum Zweck. Wir müssten uns klar werden, welche Formen der Zusammenarbeit wir akzeptieren wollten. "Dann müssen wir uns auch über rechtliche Rahmenbedingungen und ethische Maßstäbe unterhalten."

Sollte die Weltbevölkerung bis 2050 tatsächlich auf 10 Milliarden Menschen anwachsen, dann benötigen wir mehr Gebäude, Infrastruktur und Produkte für das tägliche Leben, sagt dagegen Lynelle Cameron, Managerin beim amerikanischen IT-Dienstleister Autodesk. Ohne Automation, Roboter und Künstliche Intelligenz sei das überhaupt nicht machbar. Autodesk setze derzeit erfolgreich Künstliche Intelligenz und Robotik ein, um etwa klimaneutrale Gebäude oder für Airbus neuartige Komponenten und Materialien für ihre Flugzeuge zu entwerfen. Das wäre alles ohne neue Technologien nicht möglich, sagte Cameron.

Die politischen Lösungsansätze seien bislang nicht in dem Tempo und der Reichweite konzipiert, wie es wünschenswert wäre, sagte Kerstin Jürgens, Soziologie-Professorin an der Uni Kassel. "Da wartet man noch auf einen größeren Wurf." Anders als bei der ersten großen industriellen Revolution hätten wir heute soziale Fragen schon "mit im Gepäck". Aber es sei eine Frage, ob es überhaupt eine politische Gestaltungsmächtigkeit - und den Gestaltungswillen gebe.

In der ersten industriellen Revolution seien die harten Knochenjobs weggefallen, sagte Autor und Philosoph Richard David Precht. Die dann entstandenen Dienstleistungsberufe würden nun durch die Digitalisierung ersetzt. "Millionen von Menschen in Dienstleistungsberufen werden ihre Arbeit verlieren", ist Precht überzeugt. Diesen Jobs werde in 20 oder 50 Jahren aber niemand mehr hinterher trauern.

Precht mahnt aber eine intensive Diskussion um mögliche Konsequenzen sowohl auf lokaler als auch globaler Ebene an. "Was kommt auf den Sozialstaat zu?" Es gebe heute zum Beispiel die Möglichkeit, etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen zu verhindern, "dass jemand dabei auf den Boden aufschlägt". Sollten einige Millionen Arbeitslose in den Arbeitsmarkt nicht integriert werden können, werde das unser soziales Sicherungssystem nicht mehr aushalten.

dpa

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