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Aktuelles Mieter kämpfen für billigen Wohnraum
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12:39 10.04.2018
Das Wohnhaus an der Seumestraße 14 (Mitte): Dort haben Mieter das Haus gekauft, bevor ein Investor den Vertrag unterzeichnen konnte. Quelle: Paul Zinken
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Berlin

Es war im März 2016, als bei den Mietern in der Seumestraße 14 in Berlin die Alarmglocken läuteten. Durch Zufall hatten sie erfahren, dass ihr Haus an einen Investor verkauft werden soll.

Was darauf folgen könnte, hatten sie in Berlin schon oft mitverfolgt: Sanierung, Mieterhöhung, Verdrängung. "Wir sind eine Mieterschaft, wo keiner das Glück hatte, reich geboren zu sein", erzählt Bewohnerin Birgit Ziener. Doch wenige Monate später hatten sie es trotzdem geschafft: Der Kaufvertrag über 2,6 Millionen Euro war unterschrieben. Die Mieter hatten dem Investor ihr Haus weggeschnappt - und das ohne jegliches Startkapital.

Wenige Monate nach dem März 2016 schlossen sich die Bewohner dem "

Mietshäuser-Syndikat" an, einem Netzwerk selbst organisierter Wohnprojekte. Möchten Leute gemeinschaftlich ein Haus kaufen, können sie diesem Freiburger Verein beitreten: Dann gründen sie als Käufer eine Haus-GmbH, und das Mietshäuser-Syndikat wird Beteiligungsgesellschaft. Das Syndikat ist gut vernetzt und kann Direktkredite mit geringen oder gar keinen Zinsen vermitteln. Oft kommen diese von privaten Unterstützern, oder - wie im Fall der Seumestraße 14 - von einer Stiftung.

Ist genug Kapital zusammen, nehmen die Mieter in der Regel einen Bankkredit auf, kaufen das Haus - und zahlen den Kredit über ihre Miete zurück. In der Seumestraße sind das im Schnitt 7 Euro pro Quadratmeter und damit deutlich weniger, als bei Neuvermietungen im Stadtteil Friedrichshain üblich ist. Auf der Warteliste stehen schon mehr als 100 Leute, die einziehen wollen. "Wir hatten die einmalige Chance, die Veränderung zu unseren Gunsten zu drehen - auch wenn das eine Heidenarbeit ist", erzählt Bewohner Simon Fronemann. "Das ist eine riesige Selfempowerment-Sache."

Das Mietshäuser-Syndikat, das in den 1980er Jahren gegründet wurde, berät bei allen organisatorischen Fragen. "Die zeigen, wie man so eine Bewirtschaftung regeln kann", erklärt Fronemann. "Dann wirkt so eine riesige Kaufsumme plötzlich nicht mehr wie ein Riesenklotz."

Jetzt haben die 42 Bewohner Arbeitsgemeinschaften, die alles regeln: Eine Buchhaltungs-AG, eine Reparaturen-AG oder eine Garten-AG. Entscheidungen werden per Mehrheitsrecht getroffen - auch, wer im Fall eines Auszugs neu einziehen darf. "Wir wollen Leuten die Chance geben, die von der Gentrifizierung besonders betroffen sind", sagt Fronemann.

Nicht alle zahlen gleich viel Miete, sondern jeder so viel, wie er kann. "Wir haben uns einfach nicht darüber gestritten, wer wie viel Geld rein gibt", meint Fronemann. "Es war klar: Alle geben in einen Pott, und alle haben trotzdem das gleiche Mitspracherecht. Dadurch, dass die Eigentumsfrage keine Rolle spielte, konnten wir uns im Endeffekt besser einigen." Als "pragmatische Solidarität" bezeichnet er das.

Zwischen Burgerläden, Kitas und sanierten Häusern steht ihr Altbau. Manche Wohnungen in der Seumestraße 14 sind saniert, manche haben noch Kohleöfen. "Nie wieder Deutschland", hat jemand ins Treppenhaus gekritzelt. Ein anderer hat das "Deutschland" durchgestrichen und durch "Winter" ersetzt. Als linkes Projekt wollen sich die Bewohner nicht verstanden wissen. Unter anderem Handwerker, Reinigungskräfte, Künstler, Altenpfleger, Hartz-IV-Empfänger und Akademiker wohnen im Haus. Der älteste Bewohner wurde 1942 hier geboren und ist seitdem nicht ausgezogen. Anfangs kostete seine Miete 23 Mark.

Längst sind alternative Wohnprojekte ein Thema, das nicht nur die linke Szene beschäftigt. Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum wird größer. Gerade in den Großstädten steigen die Mieten immer weiter, sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund. Alleine im vergangenen Jahr gab es in den Großstädten nach Zahlen der Deutschen Bundesbank bei Neu- oder Wiedervermietungen einen Anstieg von 7 bis 9 Prozent.

Deutschlandweit gibt es 128 Wohnprojekte, die im Mietshäuser-Syndikat organisiert sind, und zahlreiche Initiativen, die beitreten wollen. Die Häuser stehen in Tübingen, Leipzig, München und vielen anderen Städten und Dörfern.

In seiner jetzigen Form besteht der Verein seit 1992. Nur eine Haus-GmbH ist seitdem wegen Insolvenz gescheitert. "Die Anfragen werden immer mehr", sagt Achim Schultheiß. Er ist selbst Mitglied im Syndikat, wohnt in einem Freiburger Wohnprojekt und berät Interessierte ehrenamtlich.

Das Mietshäuser-Syndikat will verhindern, dass seine Häuser jemals wieder an Privatleute verkauft und damit potenzielle Spekulationsobjekte werden. Möchte eine Haus-GmbH ihre Immobilie wieder verkaufen, hat das Syndikat ein Vetorecht. "Es muss immer einen Konsens zwischen den beiden Gesellschaftern geben", erklärt Schultheiß. "Und das Syndikat als Gesellschafter würde einem Verkauf niemals zustimmen."

dpa

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