Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Wie werde ich...? Artist/in

Arbeit Wie werde ich...? Artist/in

Blut, Schweiß und Tränen: Wer es als Artist zu etwas bringen will, kommt ohne das nicht aus. Schlangenmenschen und Trapez-Künstler verlangen sich einiges ab. Doch wer richtig gut ist, sieht die ganze Welt.

Voriger Artikel
Wie werde ich...? Schuhmacher/in
Nächster Artikel
Wie werde ich...? Familienpfleger/in

Üben, üben, üben: Die angehenden Artisten an der Staatlichen Artistenschule in Berlin trainieren extrem hart.

Quelle: Staatliche Artistenschule Berlin/ Konrad Hirsch

Berlin. Wenn die Rede auf den Trainer aus Russland kommt, bekreuzigt sie sich heute noch. "Gott sei Dank ist das vorbei", sagt Kelly Saabel und fährt lachend mit der Hand von der Stirn, zum Herz und zu den Schultern. "Wenn du schon geweint hast, hat er noch mehr gezogen", sagt sie. Ihre ältere Schwester Alexandra nickt - und grinst. Sie hat zum Glück nicht bei ihm gelernt. Doch ohne Schmerz, harte Arbeit und Disziplin gehe es nicht, sind sich die beiden einig. Dafür sind die Bewegungen, die sie ihrem Körper abverlangen, zu ungewöhnlich. Die Saabel-Schwestern sind Akrobatinnen. Sie treten als Schlangenmenschen auf - derzeit für Circus Roncalli.

Bis zur Premiere sind es noch zwei Tage. Die Manege steht schon und ist hell ausgeleuchtet. Dahinter sitzt das Orchester auf einem Podest und spielt den immer gleichen Tusch. Im Zuschauerraum ist es dunkel. Wo bald Hunderte von Zuschauern sitzen werden, ist derzeit nur vereinzelt ein Beleuchter, Tontechniker und ganz vorne der künstlerische Leiter zu sehen. Eben noch haben Kelly (17) und Alexandra (25) geprobt. Wo stehen sie am besten, wenn Alexandra ihr rechtes Bein hinter das linke Ohr steckt und sich mit der Zehe an der Nase kratzen könnte? Blendet der Scheinwerfer, wenn sie auf einem Arm den Handstand auf der Stelze macht? Die Probe verhindert, dass es später beim Auftritt böse Überraschungen gibt.

Der Berufswunsch Akrobat lag für die Saabel-Schwestern nahe: Ihre Mutter ist Italienerin, der Vater Deutscher, beide Eltern kommen aus Zirkus-Familien. Doch um es in der Branche zu schaffen, ist das keine Voraussetzung. Im März 2014 zählte die

Bundesarbeitsagentur zur Berufsgruppe der Artisten rund 1000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Mitgezählt wurden neben Artisten auch Dompteure, Komparsen und Stuntmen. Daneben gab es rund 2000 geringfügig Beschäftigte, erklärt Ilona Mirtschin von der Bundesarbeitsagentur.

 

"Ich wollte das unbedingt", sagt

Alexandra Saabel. Wie ihr Cousin Anwalt zu werden, kam für sie nie infrage. Mit 8 Jahren fing sie mit Stretchings an - ab 13 hat sie dann richtig trainiert. Ihre Lehrerin war eine Tschechin. Als sie mit 13 Jahren ihre erste Show hatte, fiel sie vor Lampenfieber fast in Ohnmacht. Doch als sie danach den Applaus hörte, war ihr das Belohnung genug, um dabei zu bleiben. Als ihre Schwester 8 Jahre alt war, fing sie ebenfalls an zu trainieren. Als sie 13 wurde, brachte ihr Alexandra dann alles bei, was sie wusste. Zum Abschluss hatte sie dann Ballettstunden bei dem gefürchteten russischen Trainer.

 

Wer nicht von Kindesbeinen an mit Artisten aufwächst, kann an die

Staatliche Artistenschule in Berlin gehen. Es ist die einzige Schule dieser Art in Deutschland. Angenommen werden Kinder ab der fünften Klasse. Sie machen parallel zur Schule ihre Ausbildung. Vorab müssen sie einen Eignungstest und eine Aufnahmeprüfung bestehen. "Da prüfen wir zum Beispiel Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit", sagt Ronald Wendorf, künstlerischer Leiter der Fachrichtung Artistik.

 

Sind Kinder angenommen worden, haben sie in der fünften Klasse neben dem Schulunterricht 12 Stunden pro Woche Artistenausbildung. Das steigert sich in den folgenden Jahren - Abiturienten sind bei zusammen 56 Wochenstunden. Das sei schon eine Doppelbelastung, räumt Wendorf ein. Außerhalb von Deutschland gelten die Zirkusschule im kanadischen Montréal und im ukrainischen Kiew als Kaderschmieden.

Nach dem Abschluss sind Artisten Freiberufler, erklärt Wendorf. Von den Absolventen der Zirkusschule könnten circa 80 Prozent fünf Jahre nach ihrem Abschluss von ihrer Arbeit leben. Hinzu kommt: Die Dauer der Karriere ist in einigen Disziplinen kurz. Während Jongleure bis ins hohe Alter tätig sein können, spielt zum Beispiel bei Schlangenmenschen der Körper irgendwann nicht mehr mit.

Diese Erfahrung hat auch Alexandra Saabel schon gemacht. Sie kämpfte bereits mit Rückenschmerzen. Seitdem ist sie sehr vorsichtig und wärmt sich besonders sorgfältig auf. Sie hofft, als Schlangenmensch noch mit 30 Jahren aufzutreten. Daneben zeigt sie auch eine Nummer mit Hunden und eine mit Pferden. Die wird sie auch danach noch machen können.

Das Tolle an dem Beruf sei, dass sie durch ihre Arbeit die ganze Welt sieht. Die Saabel-Schwestern werden mit ihrer Nummer von ganz unterschiedlichen Zirkussen gebucht. Vergangenes Jahr war sie um diese Zeit in Paris. Sie spricht Italienisch, Englisch, Spanisch und sogar ein bisschen Russisch - und hat in jedem Land ein Lieblingsgericht. Gleichzeitig bedeutet Zirkus aber auch, ständig wieder Abschied zu nehmen. "Gerade hast du dich in dem neuen Team eingelebt, dann musst du schon wieder gehen."

dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Ausbildung