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Bloß nicht so’n Hermann machen

Teutoburger Wald Bloß nicht so’n Hermann machen

Blutwurstpralinen und andere Genussmittel: Wandern und radeln im und am Teutoburger Wald. Er steht mit seinen sechseinhalb Millionen Übernachtungen pro Jahr ganz oben im nordrhein-westfälischen Tourismus.

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Siegerpose: Das Hermannsdenkmal ist eines der bekanntesten Denkmäler in Deutschland und erinnert an die Schlacht im Teutoburger Wald, in der im Jahr 9 nach Christus die römische Armee von Hermann dem Cherusker geschlagen wurde.

Quelle: Glanz

Detmold. Hochsteigen ist Ehrensache - 69 historische Sandsteinstufen durchs runde Treppenhaus hoch. Doch kurz unter den Fußsohlen des Cheruskerfürsten Arminius ist Schluss. Hier endet der pavillonartige Sockel, auf dem Hermann siegreich sein Schwert über dem Teutoburger Wald erhebt. Zur Bauzeit des Denkmals in der Mitte der 19. Jahrhunderts galt der martialische Feldherr als höchste Statue der Welt, inzwischen ist sie nur noch Deutschlands höchste. 53,46 Meter Gesamthöhe.

Die Perspektive von der Besucherplattform des Hermanndenkmals zeigt sich sensationell himmelblau. Das beschauliche Residenzstädtchen Detmold liegt zum Greifen nah, die Einkaufsstadt Bielefeld, die in diesem Jahr ihr 800-Jähriges feiert, hinter einigen bewaldeten Hügeln. Im Stadtteil Ubbedissen, das einstige Dorf ist sogar mehr als 50 Jahre älter als Bielefeld, wird bei der Carolinen-Quelle gezeigt, wie eine moderne Mineralwasserquelle funktioniert. Aus tiefsten Tiefen wird die klare Kostbarkeit gefördert, die auf ihrer langen Reise durch die Gesteinsschichten unterschiedliche Mineralien speichert.

Nah liegt der Bielefelder Vorort Senne, wo wir durch den Museumshof Senne mit seinen jahrhundertealten Bauernhöfen schlendern, die die Eltern von Ernst-Heiner Hüser vor dem Abriss bewahrten und mit einer unendlichen Liebe zum Detail restaurierten.

Hüser selbst hat 1988, da lagen seine Lehr- und Wanderjahre durch französische Sterneküchen schon hinter ihm, auf dem Gelände der Familie seine zwei Restaurants eröffnet: das Haus Buschkamp und die Auberge le Concarneau, das eine ist eine historische Gastwirtschaft, das andere eine rustikale Scheune. In einem wiederhergestellten Backspeicher backt Hüser jeden Freitag nach alten Rezepten Brot.

Doch man muss Hüser in seiner weißen Küchenuniform mit den kleinen roten Kugelknöpfen durch seine Gärten wuseln sehen, um zu ahnen: Der Mann und seine Mission sind eins. Hüser redet von „effektiven Mikroorganismen“ (einer Art Sauerkrautsaft, der Pflanzenschutzmittel ersetzt) und „Terra preta“ (einer „Schwarzen Erde“, dank der altes Gemüse noch gesünder wächst) und lässt ein Vogelmierensüppchen servieren.

„Westfälisch genießen“ heißt die Vereinigung von Hotelrestaurants und Gasthöfen, der Hüser angehört. Noch zwei Kollegen haben wir während unserer Wanderungen auf den Hermannshöhen kennengelernt, die ebenfalls bewusst keine Sterneküche anbieten (weil: viel Stress, wenig Gewinn), stattdessen dem Gast den Genuss zum günstigeren Preis offerieren: Franz Spieker, der in dritter Generation im Gasthaus Spieker am Herd steht (seine Blutwurstpraline entdeckten wir unter seinen „Westfälischen Antipasti“), und Bernhard Kampmann vom Gasthaus Schlichte. Der Zwei-Meter-Mann ist nicht nur stolz auf die mehr als 500 Jahre alten Balken in seinem rustikalen Restaurant, sondern auch auf die 24 Stunden gegarte Ochsenbrust.

Von der Kulturlandschaft der Senne, einem Heide- und Moorgebiet am Fuß des Teuto, wie die Einheimischen den Mittelgebirgszug familiär nennen, der sich als langer Schlauch von Hörstel im Tecklenburger Land im Nordwesten über Osnabrück und Bielefeld bis ins nordrhein-westfälische Horn-Bad Meinberg im Südosten erstreckt, zurück zum Teutberg, auf dem das Hermannsdenkmal die Menschen anzieht: Mehr als eine halbe Million pilgern jedes Jahr zu dem Aussichtspunkt. Ob mit oder ohne Varusschlacht 9 nach Christus, einmal sollte man sich das Event schon gönnen.

Peter Rüther ist mindestens einmal im Jahr dort, und auf jeden Fall am letzten Sonntag im April zum „Hermannslauf“, einem ganz besonderen Fastmarathon, an dem keine Stars teilnehmen. Es gibt nämlich kein Preisgeld, stattdessen 7000 bestgelaunte Teilnehmer, garantiert alles Amateure jeden Alters. 31 Kilometer legen sie über die Höhen des Teutoburger Waldes zurück geradewegs bis zur Sparrenburg, der markanten Wehranlage hoch über Bielefeld.

Der besttrainierte Hermannsläufer Rüther, auch Leiter der Biologischen Station Senne, weist uns auf dem Oerlinghauser Meditationsweg auf so manches unscheinbare Pflänzchen am Rande hin, beispielsweise wie sich am Wiesenwachtelweizen der Säuregrad des Bodens bestimmen lässt. Kurze Rast machen wir an der Hünenkapelle auf dem Tönsberg, der Ruine einer frühmittelalterlichen Hallenkirche und dem jahrhundertealten Wallfahrtsort für einen ganz besonderen Heiligen, den ägyptischen Mönch Antonius (um 251-356). Der Begriff Töns soll vom Namen dieses Schutzheiligen der Einsiedler abgeleitet sein.

Das Städtchen Oerlinghausen liegt von Hövelhof und den Sickerquellen der Ems gerade einmal zehn Kilometer entfernt. Vor drei Jahren wurde hier das Infozentrum EmsQuellen & EmsRadweg eröffnet. Unmittelbar vor seiner Türe beginnt auch der rund 375 Kilometer lange Ems-Radweg, eine mit vier Sternen als Qualitätsradweg ausgezeichnete Route. Von hier lässt sich aber auch auf Bohlenstegen die Region der unzähligen mäandernden Sickerquellen erkunden. Entsprechend sind die Hotel- und Gasthofbetriebe ringsum als besonders fahrradfreundlich zertifiziert.

Das vielfältige touristische Engagement macht sich bezahlt: Der Teutoburger Wald steht mit seinen sechseinhalb Millionen Übernachtungen pro Jahr ganz oben im nordrhein-westfälischen Tourismus. Viel Betrieb also rund um den kolossalen Hermann. Vor genau 116 Jahren hat ein anderer Hermann die Hermannshöhen literarisch aufgewertet, der Heimatdichter Hermann Löns. Der glaubte auf seinem Weg zum Hermannsdenkmal in der Senne hinter Oerlinghausen, seinen Ohren nicht trauen zu können: „Schnaubte es da nicht laut und wild?“ Löns hörte richtig. Wie zu Löns’ Zeiten lebt eine kleine Herde Senner Pferde, eine der ältesten Pferderassen Deutschlands, die meiste Zeit des Jahres über in der Senne. Und immer noch schnauben sie laut und wild!

Von Alexandra Glanz

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