Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Krieger aus uralten Zeiten

Irland Krieger aus uralten Zeiten

Gälischer Massensport funktioniert, wie Traditionalisten des professionalisierten und entemotionalisierten deutschen Fußballs sich das Paradies vorstellen: Selbst die größten Talente bleiben Amateure, es fließt kein Cent Prämie. Eine Reise auf den Spuren des irischen Sports von Hurling bis Gaelic Football.

Nächster Artikel
Bloß nicht so’n Hermann machen

Gleich geht’s los: Vor dem Spiel ziehen die Mannschaften mit Musik und viel Tamtam ins Stadion ein.

Quelle: Grimm

Kilkenny. Ohne Goldkante, ohne großes Pathos geht gar nichts in Irland, schon gar nicht im Sport: Da hängen also die Legenden des Hurlingsports im Obergeschoss von Lanigan’s Bar & Restaurant in der Rose Inn Street in Kilkenny. Schummrig rot angestrahlt, wie tote Könige untergegangener Riesenreiche, blicken wuchtige Kämpfer aus ihren Rahmen. Dazwischen: Vitrinen mit Hurlingschlägern, Bällen, Trikots. Unten gibt’s Guinness und Cider, oben gibt’s Heldenverehrung in Öl in einer Art 200-Quadratmeter-Kathedrale des irischen Nationalstolzes. Jimmy Barry-Murphy hängt hier, fünffacher Gewinner des All-Ireland-Finales. Und Michael „Babs“ Keating aus Tipperary, der 1971 im Finale seine Schuhe vergessen hatte. Ein Dubliner Schuhgeschäft öffnete extra für ihn, aber nach der Hälfte des Spiels warf er die Schuhe weg und spielte barfuß. Und gewann.

„Es gibt zwei Religionen in Kilkenny“, sagt Patrick James („P. J.“) Lanigan, Pubbesitzer und Hüter des Schatzes, „Katholizismus und Hurling. Beides ist Teil unserer DNA.“

Auch Muhammad Ali hängt in seinem Laden, an dessen respektvolles Urteil man sich stolz erinnert: „Hurling“, sagte Ali einst, „ist ein gefährliches Spiel.“ Sagt immerhin einer, der auf dem Feld der Ehre auch keine Verwandten kannte. So einen Satz rahmt man sich hier gerne ein.

Aber: ein Spiel? Nun ja. In Wahrheit ist Hurling natürlich nicht bloß ein Spiel. Es ist sportgewordene Identität, ein rund 2000 Jahre altes Druckventil für die leidende irische Seele, die älteste Sportart der Welt. Und in Kilkenny im Südosten der Insel schlägt ihr Herz. Hurling - das ist eine Mischung aus Hockey, Baseball, Squash, Holzhacken und Eierlaufen: knallhart, blitzschnell, kräftezehrend, der temporeichste Rasensport der Erde auf einem riesigen Feld, eine Art 3-D-Eishockey im Zeitraffer. Man scheitert, wenn man sich Mario Gomez in diesem Sport vorstellt. 15 Mann oder Frau spielen pro Mannschaft, jeder mit einem hüfthohen Schläger aus Eschenholz, dazu ein kleiner Lederball, der zwischen die gegnerischen Torstangen (ein Punkt) oder ins Tor gedroschen wird (drei Punkte). Bis zu 160 Stundenkilometer schnell fliegt der Ball. Wer ihn auf den ungeschützten Körper bekommt, hat länger etwas davon („Körperschutz?“, fragt Lanigan. „So wie die Amerikaner? Diese Weicheier!“). Mit dem sogenannten Hurley ist so ziemlich alles erlaubt. Für das Laienauge gibt es im Prinzip nur eine Regel: Überlebe, irgendwie.

Hurling ist Breitensport in Irland. In Schaufenstern liegen winzige Hurlingsets für 24,99 Euro. Einstiegsalter: vier Jahre. „The clash of the ash“ ist der Sound, der das Erwachsenwerden begleitet, der Klang der Esche. Und es ist ähnlich wie bei Harry Potter und den Zauberstäben: Der Spieler suche nicht den Schläger aus, sagt man hier, sondern der Schläger den Spieler. Märchen, Gnome, Hurlingzauber, das passt alles so wunderbar zusammen.

Vier Disziplinen gehören zu den „Gaelic Games“. Sie alle werden in allen 2400 Klubs der Gaelic Athletic Association (GAA) angeboten: Das sind Hurling und Camogie (die kaum minder kaltblütige Frauenvariante), Gaelic Handball (eine Art Squash ohne Schläger), Rounders (eine Art Softball ohne Soft) und die einzige Sportart, die Hurling an Strapazen noch übertrifft: Gaelic Football, eine Ganzkörperschinderei, deren Überlebende nach dem Match schon aus Dankbarkeit einen trinken gehen müssen. Eine Million Mitglieder hat die GAA in Irland mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern und in der irischen Diaspora, es ist der größte Amateursportverband der Welt. Sie hütet als wichtiges soziales Bindemittel auch das literarische und musikalische Erbe der Insel mit „Pipe“ (Dudelsack) und „Bodhrán“ (Handtrommel). Und ja - auch der „Riverdance“ gehört zum Programm.

Gälischer Massensport funktioniert, wie Traditionalisten des professionalisierten und entemotionalisierten deutschen Fußballs sich das Paradies vorstellen: Selbst die größten Talente bleiben Amateure, es fließt kein Cent Prämie. Jeder spielt für seinen Klub, seine Stadt oder sein County. Nie würde ein Spieler für Geld das Team wechseln. Selbst die größten Stars, die in 30 Jahren in Lanigans Pub hängen werden, sind Klempner, Lehrer, Busfahrer. Und die Einnahmen der semiprofessionellen Liga wandern zu 70 Prozent zurück an die Basis. „Das hier geht tiefer als Geld“, sagt Georgina Caraher vom Verein Experience Gaelic Games.

Es kommt manches zusammen beim Erfolg der Gaelic Games, deren Attraktivität die irischen Tourismusmanager jetzt auch gern Resteuropa schmackhaft machen möchten. Ein traditionsverliebtes Volk, das Helden vergöttert und mit Lust an Mythen strickt. Die Sorgfalt, mit der man als unterdrücktes Volk nationale Schrulligkeiten schützt. Das Bekenntnis zur „Irishness“. Die Liebe zum Sport. Die sprichwörtliche Geselligkeit. Der Stolz auf die Scholle. Und der Hass auf „englische“ Sportarten wie Rugby und Fußball, die jahrzehntelang verpönt waren.

Die Gründung der GAA 1884 war auch eine politische Trotzreaktion. Erst seit 1971 dürfen GAA-Mitglieder auch Soccer oder Rugby spielen. Als vor Jahren das Fußballstadion in Dublin umgebaut wurde, diskutierte das halbe Land, ob die Fußballer in den Croke Park ausweichen dürften, die Heimat von Hurling und Gaelic Football, das viertgrößte Stadion Westeuropas. Hier, vor Zehntausenden, erschossen am 21. November 1920 - dem Bloody Sunday - als direkte Folge von 800 Jahren britischer Herrschaft englische Soldaten während eines Spiels 13 irische Zuschauer und einen Spieler, Michael Hogan, nach dem heute eine Tribüne benannt ist. Der Croke Park ist nicht einfach so ein Stadion. Eine Abstimmung endete hauchdünn pro Versöhnung, pro Fußball.

Wenn gälischer Sport also wie eine Religion ist, dann ist das jährliche All-Ireland-Finale im Croke Park so etwas wie Weihnachtsgottesdienst und Papstweihe in einem. Ein Sonnabendnachmittag. 82 300 Zuschauer. 1000 Euro kostete ein Ticket auf dem Schwarzmarkt für das Finalmatch zwischen Dublin, dem 23-fachen Champion, und Mayo, dem klaren Underdog. Rot-grüne Mayo-Fans und blaue Dublin-Fans sind bunt gemischt. Waffen sind nicht erlaubt, das immerhin. Trotzdem: Krieg auf dem Rasen. 15 Männer links und 15 Männer rechts rennen, als ginge es um Ruhm und Ehre der Heimat, als lasteten die Erwartungen Hunderttausender auf ihren Schultern. Was daran liegt, dass es genau so ist. Schreie dringen bis in den Oberrang. Ergebnis: 17 zu 16 für Dublin.

Der Mond steht über dem Sportplatz. 30 Jungen um die zehn Jahre trainieren. Das Rufen der Trainer, das trockene Klatschen der Hurlingschläger. Es wird kalt, sie spielen. Das hier ist Spaß. Und es ist kein Spaß. Es geht um Leben und Tod, wie immer in diesem Land. Was heißt eigentlich „Na Fianna“, der Klubname? Das sei unübersetzbares Gälisch, sagt Georgina Caraher. Es bedeute so viel wie „Krieger aus uralten Zeiten“. Dann ist Feierabend. Die Väter sind in ihren Geländewagen gekommen, um die Krieger aus uralten Zeiten abzuholen.

Frisches Grün

Irland liebt seine Traditionen, Millionen Touristen schätzen das: Viele kleine und große Initiativen versuchen mit frischen Ideen, das Erbe der Grünen Insel jenseits von Pub und Kleeblatt erschließbar zu machen. Drei lohnenswerte Beispiele:

1000 Jahre lang wurde auf Julie und Rod Calder-Potts Farm Highbank Orchards in Cuffesgrange im County Kilkenny Obst angebaut – 1969 hat das Ehepaar diese Tradition wiederbelebt und macht heute aus seinen Äpfeln Biosaft und (eine preisgekrönte Eigenkreation) Bioapfelsirup nach strengen ökologischen Regeln. Das einzige Düngemittel sind Algen. „Wir haben Bio nicht erfunden“, sagt Rod. „Zehntausend Jahre lang war die Landwirtschaft biologisch. Wir haben uns nur daran erinnert.“ Lange weigerte er sich aus ideologischen Gründen, auch alkoholischen Cider anzubieten. Seit drei Jahren sei er nun doch „auf der Seite des Teufels“, kichert er. Zum Glück, muss man sagen.

 In ihrem alten Pfarrhaus in Borris im County Carlow hat Mary White ein Paradies für Natursucher geschaffen. Mit Charme und Wissen greift die ehemalige grüne Staatsministerin auf unanstrengenden „Walk & Talk“-Wanderungen links und rechts am Wegesrand in die Flora und liefert einzigartige Geschichten zum „geheimen Leben“ von Pilzen, Bäumen oder Vögeln, zaubert Salate aus Kräutern, Beeren und Blüten und lädt zu Tee und Scones ins Pfarrhaus. Grüner wird’s nicht. „Zwei-Stunden-Ecotrail-Touren“ ab 35 Euro.

Was für eine großartige Idee: ein Museum für Dublin, das nur aus historischen Schätzen aus dem Besitz seiner Bewohner besteht, organisiert von einer Handvoll Verrückter. Aus der Schnapsidee wurde eine einzigartige Erfolgsgeschichte, das „Little Museum of Dublin“ in einem georgianischen Townhouse von 1776 gilt heute als eines der charmantesten europäischen Stadtmuseen überhaupt. Von Samuel Becketts Brief an einen Teenager bis zum windschiefen Werbeschild hat jedes Exponat seine eigene Geschichte erzählt von ehrenamtlichen Führern. Eintritt 6 Euro, Führungen stündlich.

www.blackstairsecotrails.ie
www.highbankorchards.com
www.littlemuseum.ie

Hin und weg

Anreise
Direktflüge nach Irland mit Aer Lingus von Hannover nach Dublin. Fährverbindungen gibt es mit Irish Ferries von Frankreich nach Rosslare im Süden Irlands.
www.aerlingus.com
Sport
Wer irische Sportarten wie Hurling ausprobieren möchte, ist bei Experience Gaelic Games in Kilkenny in guten Händen.
www.experiencegaelicgames.com
Hurling-Legends-Museum
Weiteres zu Patrick James Lanigan’s Bar & Restaurant mit seinem Hurling-Legends-Museum findet sich unter:
www.thekilkennyway.com  
Ligaspiele und Führungen
Für Tickets und Ligaspiele ist die Gaelic Athletic Association (GAA) zuständig.
www.gaa.ie
www.crokepark.ie
Mehr Informationen
www.ireland.com

Nächster Artikel
Mehr aus Reisen