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Freiwilliger Naturschutz: Paddeln im Bett der Bachmuschel

Tourismus Freiwilliger Naturschutz: Paddeln im Bett der Bachmuschel

Eisvogel und Fischadler brüten im Sternberger Seenland, in Warnow und Mildenitz leben Meerforellen und Flussmuscheln. Um die Gewässer zu schonen, wurden freiwillige Schutzregeln vereinbart. Doch nicht jeder Wassersportler hält sich daran.

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Johannes Berg macht mit seinen Eltern eine Paddeltour im Naturpark Sternberger Seenland. Für ihn ist Rücksicht auf die Umwelt eine Selbstverständlichkeit.

Quelle: Jens Büttner

Sternberg. Vorsichtig setzen Katja und Marcus Berg die Kanus für ihre Paddeltour ins Wasser der Mildenitz. Das Paar aus dem Hunsrück (Rheinland-Pfalz) hat für sich und die Kinder Marike und Johannes eine Tageswanderung durch das idyllische Sternberger Seenland östlich Schwerins geplant.

Ruhe genießen, Eisvögel und Adler beobachten und dabei sportliche Abwechslung erleben - das seien ihre Gründe für die Wahl der Route, sagt Katja Berg. Dass sie dabei auf die Umwelt Rücksicht nehmen, gehöre dazu. Besonders schützenswert sei die Bachmuschel im Bett der flachen sauberen Flüsse, erzählt sie.

So gelten im Revier von Warnow und Mildenitz seit vier Jahren Naturschutzregeln, die auf freiwilligen Verzicht statt auf generelle Fahrverbote setzen. Der "Vereinbarung zum Kanusport und -tourismus im

Naturpark Sternberger Seenland und westlichen Teil des Naturparks Nossentiner/Schwinzer Heide" 2011 schlossen sich 14 Partner an: Bootsverleiher, Umweltamt und Landkreis. Die neue Fassung der Übereinkunft von Anfang 2015 trägt 19 Unterschriften. Der Kreis-Naturschutz-Verantwortliche Nils Meyer bedauert aber, dass nicht alle Touristiker mitmachen und der Landes-Anglerverband gar nicht mit im Boot ist.

Dennoch sei es besser, beim Naturschutz auf Freiwilligkeit statt auf Sperrungen und bürokratische Verordnungen zu setzen, meint Meyer. Der "moralische Druck" habe bereits zu einer deutlichen Beruhigung in der sensiblen Gewässerlandschaft beigetragen. Ganz ohne Verbote gehe es dennoch nicht: Seit drei Jahren dürften im Warnowtal bei Karnin wegen des

extremen Niedrigwassers gar keine Boote mehr fahren. Bei zu geringem Pegelstand von unter 30 Zentimetern könnten Paddler Tier- und Pflanzenwelt im Fluss zerstören, erklärt Meyer.

Auch die Touristiker wollten nicht den sprichwörtlichen Ast absägen, auf dem sie sitzen, sagt Kanuverleiher Sven-Erik Muskulus, der schon 2011 der freiwilligen Naturschutz-Vereinbarung beitrat. Er vermiete praktisch ganzjährig Kanadier, Kajaks, Ruder- und Tretboote für Wanderungen auf Warnow, Mildenitz und Nebel sowie den Seen zwischen Rostock, Schwerin und Krakow. Falle der Wasserstand der Flüsse aber unter 30 Zentimeter, würden betroffene Abschnitte nicht mehr befahren. Paddel und Boote könnten sonst den Grund beschädigen und störten so das Wachstum der bedrohten Bach- oder Kleinen Flussmuschel (Unio crassus), die nur in intakten Ökosystemen vorkomme.

Immer öfter würden Touren verlegt oder notfalls die Kanus über Land an den zu seichten Stellen vorbeigetragen. Schilder, Flyer und Online-Karten informierten über extrem flache Abschnitte. "Ohne diese Selbstbeschränkung wäre die Natur hier irgendwann verbraucht", vermutet Muskulus. So könnten die freiwilligen Schutzmaßnahmen dazu beitragen, dass die wild-romantischen Gewässer Mecklenburgs auch künftig befahren werden dürften und nicht kompletten Schutzstatus samt Nutzungsverbot erhielten.

"Paddler sind meist naturbewusst und tolerant, so gab es kaum Widerstand gegen die Einschränkungen bei Niedrigwasser, alternative Strecken wurden schnell akzeptiert", sagt der Kanuverleiher. Der Naturschutzbund (Nabu) sieht dennoch weiter Gefahren vor allem für die Warnow-Durchbruchstäler, die pro Jahr von bis zu 20 000 Paddlern befahren würden.

"Das Problem sind eher die privaten Kanuten, die eben nicht vorher ins Netz schauen, ob die Wasserstände das Paddeln eigentlich zulassen oder sich schlicht auch noch nie Gedanken gemacht haben, dass sie bei niedrigem Wasserstand Schäden verursachen könnten", meint Anja Kureck vom Nabu Schwerin. Auf einer "Kanu-Autobahn" wie der Warnow schaffe es kein Eisvogel mehr, genügend Fische zu fangen, befürchtet die Biologin.

dpa

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