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Automarder William und Kate knabbern für die Industrie

Verkehr Automarder William und Kate knabbern für die Industrie

Wildbiologe Krüger testet für die Autoindustrie Leitungen und Kabel auf Mardersicherheit und Bissfestigkeit. Seine drei Mitarbeiter sind nachtaktiv und auch sonst eher scheu, typisch Steinmarder eben.

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Das Ergebnis der Nacht: Marder beißen in Kabel, um sich Platz zu schaffen oder um den Platz gegenüber Artgenossen zu markieren.

Quelle: Philipp Schulze

Hankensbüttel. Holzbalken, ein Wagenrad, im Hintergrund ein ausgedienter Kleinwagen mit offener Motorhaube - das Labor ist eingerichtet wie eine alte Scheune. Erst ist niemand zu sehen an diesem kalten Wintermorgen, aber hier in Hankensbüttel im niedersächsischen Landkreis Gifhorn arbeiten John, Kate und William für die Automobilindustrie. Sie sollen herausfinden, wie man die Wagen besser vor den von vielen Autobesitzern gefürchteten Marderschäden bewahren kann. Nach einer Weile schaut nur William kurz von einem Holzbrett unter dem Dach hervor, dann ist er wieder verschwunden. William ist ausgesprochen scheu - und wie Kate und John ein Steinmarder.

Kate und William seien nach dem royalen Paar aus dem britischen Königshaus benannt, sagt Hans-Heinrich Krüger, zuständig für die Tierforschung im Otter-Zentrum. "Wir bekamen die beiden im April 2011 als Findelkinder, und damals war gerade die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton." John ist nach John Steed benannt, dem Helden der alten Fernsehserie "Mit Schirm, Charme und Melone", die dazugehörige Marder-Emma Peel ist schon seit Jahren tot.

"Wir arbeiten letztlich für fast alle großen Hersteller, vor allem über die Zulieferer", berichtet Krüger. "Dabei testen wir Schläuche und Kabel auf Mardersicherheit." Vorn an der großen Scheibe sind in Schlaufen schwarze und orangefarbene Leitungen befestigt, manche haben eine glatte Oberfläche, andere sind gewellt. Einige sind unberührt, andere durchgebissen. "Das dauert drei, vier Tage dann beginnen die Marder daran zu knabbern." Krüger schaut sich die Ergebnisse der Nacht zuvor an.

Seit rund zehn Jahren schon läuft das Projekt, neuerdings auch für Autos mit Elektroantrieb. "Da ist noch mehr Kabelage", sagt Krüger. "Wenn da nur ein Zahn durchgeht, fällt das ganze Auto aus. Dabei können mehrere tausend Euro Schaden entstehen." Wegen hoher Spannungen bestehe sogar Brandgefahr.

"Seit den 1980er Jahren treten Schäden an Autos durch Steinmarder vermehrt auf", heißt es beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft in Berlin. "Nach unseren Berechnungen verursacht der Marder einen jährlichen Schaden von mehr als 60 Millionen Euro an Kraftfahrzeugen", berichtet Sprecherin Kathrin Jarosch. Mehr als 200 000 Fälle werden jedes Jahr bundesweit gemeldet, Tendenz steigend.

"Der Motorraum eines Autos ist ein warmer Unterschlupf für den Steinmarder", weiß Krüger. "Er beißt in Kabel und Schläuche, um sich dort Platz zu schaffen, um ihn gegenüber Artgenossen zu markieren oder einfach nur im Spiel."

"Jedes Jahr werden uns im Mittel allein rund 16 000 durch Marder verursachte Pannenfälle gemeldet", berichtet Helmut Klein, Ingenieur beim ADAC in Landsberg. Besonders häufig betroffen seien Zündkabel, Kühlwasser-Schläuche, Stromleitungen sowie Manschetten an Lenkung und Antriebswellen. Klein empfiehlt mechanischen Schutz der Kabel oder eine Abschottung des Motors. "Bewährt haben sich Geräte, die nach dem Prinzip des Weidezauns leichte elektrische Schläge verteilen."

"In manchen Gegenden wie Stuttgart weisen bis zu einem Drittel der im Freien geparkten Fahrzeuge Marderspuren auf", sagt Mathias Herrmann, Säugetier-Experte des Naturschutzbundes Nabu. "Das ist aber längst kein süddeutsches Problem mehr", betont er. Längst hätten sich die Steinmarder auch in den Städten des Nordens wie Hamburg ausgebreitet.

"Geruchsstoffe und Ultraschall helfen oft nur kurzfristig, weil sich die intelligenten Tiere rasch daran gewöhnen", bestätigt auch Krüger. Schädlich für die Marder seien die Versuche nicht, betont er. "Die Tiere erkunden nur mit den Zähnen, wie wir es mit den Händen tun würden, sie fressen das Material nicht." Das Otter-Zentrum zeigt in großen Freigehegen fast alle einheimischen Marderarten. Seinen Namen verdankt es den Fischottern, Träger ist ein gemeinnütziger Verein.

"Wegen einer neuen EU-Verordnung müssen künftig für marderabweisende Mittel Nachweise der Wirksamkeit erbracht werden", berichtet Krüger. "Dann machen wir ein Gutachten. So helfen uns die Marder, die Anlage zu finanzieren und tragen zur Unterhaltung bei - im doppelten Sinne." John, Kate und William werden noch viele Leitungen testen können.

dpa

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