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Weihnachten im Flüchtlingswohnheim

Meinersen Weihnachten im Flüchtlingswohnheim

Meinersen . Von Advent ist im Flüchtlingswohnheim nichts zu spüren. Wie sieht es aus am Heiligabend in diesem Haus in Meinersen, in dem 72 Menschen unterschiedlichster Herkunft und verschiedensten Glaubens unter einem Dach leben? Die AZ erkundigte sich vor Ort.

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Schöne Bescherung: Auch wenn die meisten Bewohner des Meinerser Flüchtlingswohnheims Muslime sind und kein Weihnachten feiern, freuten sich die Kinder über die Geschenke aus der örtlichen St. Georg-Kirchengemeinde.

Quelle: Photowerk (cc)

Das Meinerser Flüchtlingswohnheim liegt außerhalb des Ortes im Gewerbegebiet an der Umgehungsstraße. Die meisten Männer und Frauen, die dort zurzeit wohnen, sind Muslime. Sie feiern kein Weihnachten, wohl aber das Opferfest und das Fest des Fastenbrechens, zum Abschluss des Monats Ramadan. Auch Inder leben dort, sie gehören der Religion der Sikhs an.

Neben Gennady Weizel, seit 1995 hält der Spätaussiedler die Fäden des Heims in den Händen, ist dort seit Juli auch Hausmeister Sergej Martynow beschäftigt. Beide arbeiten für European Homecare, ein Familienunternehmen aus Essen.

Laut Homepage beinhaltet das Leistungsspektrum dieses Unternehmens „die Unterbringung und soziale Betreuung samt Nebenleistungen von Asylbewerbern, Flüchtlingen und anderen sozialen Randgruppen“.

Martynow hält eine handgeschriebene Liste in der Hand. Darauf stehen die Heimatländer der Menschen, die aus Afrika, Asien und dem südöstlichen Teil Europas kommen: Serbien, Mazedonien, Kosovo, Albanien, Georgien, Tschetschenien, Armenien, Afghanistan, Syrien, Iran, Irak, Montenegro, Bosnien, Israel, Nigeria, Indien, Pakistan.

Notiert ist darauf auch, dass im Heim 19 Kinder leben, die unter 17 Jahren sind.

Für sie – unabhängig ihrer Religion – war bereits vergangene Woche Bescherung. Die Meinerser St.-Georg-Kirchengemeinde hatte Geschenkpäckchen für alle Kinder gepackt und ins Wohnheim gebracht (AZ berichtete).

"Ich bin Muslim, ich feiere trotzdem Weihnachten"

„Ich bin zwar Muslim, aber ich feiere trotzdem Weihnachten“, erzählt Sebastjan Arifi. Der Mann aus Mazedonien ist Roma, sagt er. Seit einem Jahr und drei Monaten lebt er mit seiner Frau und den 17 und elf Jahre alten Kindern in Deutschland. Seine Frau besucht derzeit einen Deutschkursus, die Kinder sind in der Schule.

Der 33-Jährige – „wir heiraten früh, ich war damals 17“ – kennt sich gut aus mit Gepflogenheiten in Deutschland. „Vielleicht besuchen wir Weihnachten meine Tante in Duisburg“, überlegt er und schmunzelt. „Wir haben auch schon in Mazedonien mit der Familie Weihnachten gefeiert. „Das ist Tradition“, sagt Arifi. „Ich bin zwar Muslim“, schmunzelt er, aber ich esse ja trotzdem auch Schweinefleisch.“

Als Roma in Bosnien: "Ihr seid Zigeuner"

Aus Bosnien kam Refija Mujic vor drei Monaten gemeinsam mit ihrem Mann, ihrer 13-jährigen Tochter und dem zehnjährigen Sohn nach Deutschland.

„Mein Mann hatte keinen Job, wir haben nie genügend Geld gehabt“, gewährt sie Einblick in die Vergangenheit und nennt damit gleichsam Gründe für das Verlassen ihrer Heimat. „Wir haben niemals Fleisch gegessen“, das Geld habe nur für Gemüse gereicht, berichtet sie von der wirtschaftlichen Not, der sie als Roma-Muslime ausgesetzt waren. Die Kinder hätten mit Kameraden verschiedenster Religionen die Schule besucht. Als Roma hätten sie es schwer gehabt. Sie seien beschimpft worden: „Ihr seid Zigeuner!“

Die 33-Jährige kennt das christliche Weihnachtsfest. „Natürlich, die Kinder haben da in der Schule Süßes bekommen, aber wir feiern Weihnachten nicht, wir feiern das neue Jahr!“

"Neujahr, da ist was los": Zwei Wochen Party

Ebenso wie Refija Mujic aus Bosnien feiern auch Jamal Äako (Irak), Rashed Nabi (Iran) sowie Mora Ahmad und Abdalaziz Kawa aus Syrien Neujahr und nicht das Weihnachtsfest.

„Neujahr, da ist bei uns richtig war los!“, blickt Nabi zurück, „da feiern wir zwei Wochen lang Party!“

Er lebt bereits seit 16 Jahren in Deutschland, seit 2008 in Meinersen. Nach dieser langen Zeit kennt er sich inzwischen aus mit den Gebräuchen des christlichen Weihnachtsfestes, sagt er. Viele davon habe er bereits erlebt, gemeinsam „mit Deutschen, Chinesen, Iranern“.

Zurück nach Hause

Singh Lakha feiert kein Weihnachtsfest. Der Inder lebt seit zehn Jahren in Deutschland, in Meinersen wohnt er seit einem halben Jahr. „Ich bin kein Christ, ich bin Sikh“, berichtet er. „Wie haben Respekt vor allen anderen Menschen“, nennt der 45-Jährige Hintergründe seiner Religion, der rund 23 Millionen Inder angehören.

Wie Hindus und Buddhisten glauben Sikhs an Karma und Wiedergeburt. Singh Lakha ist streng gläubig, Ein christliches Weihnachtsfest feiert er nicht.

„Er möchte nur nach Hause“, schaltet sich Gennady Weizel, Leiter des Flüchtlingwohnheims, ein. Nachdem der Inder aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen ist, möchte er jetzt wieder in die Heimat zurück, weiß Weizel.

Seitdem Singh Lakha in Deutschland ist, habe er sein gesamtes Geld seiner Familie in Indien geschickt. Sie konnte davon Land kaufen, ein Häuschen bauen. Jetzt möchte der Inder nach Hause und dort – wie er es hier gelernt hat – Blumen züchten.

Die Rückkehr gestalte sich jedoch ähnlich problematisch wie ehemals die Einreise in Deutschland – Papiere müssten beantragt, die Identität bestätigt werden.

hik

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