Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Leusmann: „Ich bin einer aus dem Boldecker Land“

Boldecker Land Leusmann: „Ich bin einer aus dem Boldecker Land“

Boldecker Land. 23 Jahre lang war Lothar Leusmann Samtgemeindebürgermeister des Boldecker Landes. Jetzt geht der 62-Jährige in den Ruhestand. Im Interview mit AZ-Redakteur Christian Albroscheit zieht er Bilanz - mit gewohnt deutlichen Worten, Stolz, ein bisschen Selbstkritik, aber ohne große Wehmut.

Voriger Artikel
Laubentsorgung: Gern genutzter Service
Nächster Artikel
Eltern: „Der Schulweg ist nicht sicher“

Das letzte Interview: Samtgemeindebürgermeister Lothar Leusmann zog im Gespräch mit AZ-Redakteur Christian Albroscheit eine Bilanz seiner Amtszeit - und fand dabei wie gewohnt deutliche Worte.

Quelle: Photowerk (cc)

AZ: Nach 23 Jahren als Samtgemeindebürgermeister: Was wird Ihnen fehlen?

Leusmann: Mit Sicherheit der geregelte Arbeitstag. Und vielleicht auch der Kaffee meiner Sekretärin.

AZ: Was an der Arbeit hat Ihnen denn so viel Spaß gemacht, dass Sie so lange durchgehalten haben?

Leusmann: Es war schön, mitgestalten zu können und Dinge, die mir am Herzen gelegen haben, voranzubringen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit im Rat hat es ermöglicht, das Boldecker Land lebenswerter zu gestalten.

AZ: Warum sind Sie nicht mehr zur Wahl angetreten?

Leusmann: Ich habe 46 Jahre gearbeitet. Dabei ist die Familie oft zu kurz gekommen: Als Bürgermeister einer kleinen Gebietseinheit hat man außerhalb des Amtes nicht viel Zeit. Aber ich muss auch selbstkritisch sein: Nach so vielen Jahren beschreitet man viele eingefahrene Wege und scheut sich, davon abzuweichen. Vielleicht gibt es an der ein oder anderen Stelle etwas Gutes für die Samtgemeinde, das ich nicht mehr gesehen habe.

AZ: Wie schafft man es, immer wieder gewählt zu werden?

Leusmann: Ich glaube, ich habe mich nie verändert. Ich bin einer aus dem Boldecker Land, fühle mich hier wohl und habe nie jemandem etwas zugeschustert. Es ging mir immer um das Wohl der Allgemeinheit. Das war das Geheimnis meines Erfolgs: diese Kontinuität, die Geradlinigkeit, diese Verlässlichkeit!

AZ: Worauf freuen Sie sich nun?

Leusmann: Ich freue mich darauf, Herr meiner eigenen Zeit zu sein.

AZ: Was raten Sie Ihrer Nachfolgerin Anja Meier, die politisch und in der Verwaltungsarbeit ja noch recht unerfahren ist?

Leusmann: Ich habe ihr geraten, nicht alles für bare Münze zu nehmen und immer alle Argumente sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Und sie sollte möglichst nicht jeder laut schreienden Minderheit nachgeben. Unser Ansinnen muss es sein, der Allgemeinheit ihr Recht einzuräumen.

AZ: Sie haben Maurer gelernt und auch einige Jahre bei der Stadt Wolfsburg gearbeitet. Wie viel hat Ihnen Ihr Praxiswissen genützt?

Leusmann: In dieser Zeit habe ich den Umgang mit Planern und Bauherren gelernt. Ich habe gelernt, wie eine Baustelle funktioniert. Und aus der Zeit weiß ich, wo man Geld einsparen kann.

AZ: Es gab ja auch viele Sitzungen, in denen Sie mit Planern und Architekten jede Schraube durchgegangen sind...

Leusmann: Herr Albroscheit, wenn man - wie mancher Politiker heute - nur sagt: Ich kenne mich nicht aus, mich interessiert das nicht, dann ist es doch vorprogrammiert, dass der Planer versucht, das ein oder andere Extra zu verkaufen. Schließlich hängt ja sein Honorar von der Höhe der Bausumme ab.

AZ: Wenn Sie zurückblicken: Gibt es so etwas, auf das Sie besonders stolz sind?

Leusmann: Da sitzen wir drin. Wenn ich bedenke, dass dieses Rathaus nur etwa 1,7 Millionen Euro gekostet hat, dann ist das nicht zu toppen. Wir haben vorher noch die Turnhalle in Jembke gebaut. Das war politisches Kalkül. Wenn der Samtgemeinderat kommt und sagt: Ich baue ein neues Rathaus, an anderer Stelle warten die Leute aber schon lange auf ihre neue Turnhalle: Dann gibt‘s Ärger. Also baut man erstmal die Turnhalle. Aber auch die 800.000 Euro dafür lassen sich nicht toppen.

AZ: Gibt es etwas, das Sie besonders geärgert hat?

Leusmann: Ich habe mich immer über Schreibtischtäter und überbordende Bürokratie geärgert.

AZ: Zum Beispiel?

Leusmann: Die Bauaufsicht wollte, dass wir im Rathaus eine Brandmeldeanlage einbauen. Die ist doch vollkommen überflüssig. Mit gesundem Menschenverstand kann man sowas doch nicht verlangen. Das ist doch kein Hotel, hier schläft doch keiner. Wenn wir Ratssitzung haben und es qualmt, dann sehen wir das doch - da brauchen wir keine Brandmeldeanlage.

AZ: Gibt es noch ein Beispiel?

Leusmann: Dieses unwürdige Gezerre um Fördergelder, zum Beispiel bei den Krippen in Tappenbeck und Weyhausen. Das hat mich ehrlich gesagt angekotzt. Da wurden Dinge vollmundig angekündigt und dann so aufgeweicht, dass das Ausgelobte nicht mehr zu bekommen war. Da werde ich dann auch richtig böse. Fragen Sie mal Frau Hüffermann (Leusmanns langjährige Sekretärin, Anm. d. Red), die musste das 15 Jahre lang ertragen.

AZ: Zum Abschluss: Gibt es etwas, das Sie sich für die Zukunft vorgenommen haben?

Leusmann: Mich zieht eigentlich nichts mehr weg. Außer nach Dänemark, wenn ich Ruhe und Zeit mit meiner Familie haben will. Ich bin begeisterter Handwerker und habe vor etlichen Jahren ein Grundstück in Lockstedt gekauft. Das wird mich noch eine Weile beschäftigen.

Interview: Christian Albroscheit

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Nussknacker in der Stadthalle

Hier lesen Sie die Sonderveröffentlichungen von AZ und WAZ zu vielen interessanten Themen. mehr

Chefredakteur Dirk Borth im Freitags-Talk auf Radio21

Dirk Borth, der Chefredakteur der Aller-Zeitung und der Wolfsburger Allgemeinen ist jetzt jeden Freitag um 16.30 Uhr bei Radio21 zu hören. "Borth im Radio" - aktuelle Kommentare aus der Region. mehr

Haben Sie Angst vor der Vogelgrippe?

Was ist los in Gifhorn?

Welche Veranstaltungen gibt es in Wolfsburg, Gifhorn und Umgebung? In unserer Datenbank finden Sie alle Infos. mehr

Ihre Tageszeitung auf dem Tablet lesen: Wir haben die besten Geräte, das passende Zubehör und tolle Angebote! Lassen Sie sich jetzt unverbindlich im AZ/WAZ Media Store beraten. mehr