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Das Nasenspray mitten in der Nacht

Gifhorn Das Nasenspray mitten in der Nacht

16 Apotheken gibt es in der Stadt Gifhorn. Das bedeutet für den Notdienstrhythmus: Jede Apotheke ist alle 16 Tage mal dran, egal ob es ein Werk- oder ein Feiertag ist. Der Notdienst beginnt werktags um 18.30 Uhr und endet am nächsten Morgen um 8.30 Uhr, an Samstagen geht es von 12 bis 8.30 Uhr, an Sonntagen von 8.30 bis 8.30 Uhr. Die AZ hat Dietmar Ruscheinsky-Rotter beim Samstag-Notdienst in der Stadt-Apotheke in Gifhorn besucht.

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Papierkram: Wenn während des Apotheken-Notdienstes keine Kunden da sind, kontrolliert Dietmar Ruscheinsky-Rotter, Inhaber der Gifhorner Stadt-Apotheke, Rezepte und dokumentiert sie.

Quelle: Christina Rudert

von Christina Rudert

Ein richtiger Einkaufszettel liegt vor dem Mann auf dem Tresen: Ibuprofen gegen Fieber, Lutschtabletten gegen Halsweh, und gegen Übelkeit braucht er auch was. Apotheker Dietmar Ruscheinsky-Rotter holt ein Medikament nach dem anderen, bis alle Posten auf der Liste abgearbeitet sind. Was da jetzt liegt, sieht weniger nach einem akuten Notfall als vielmehr nach einer üblen Erkältung aus. An diesem Samstagnachmittag ist die Stadt-Apotheke die einzige Apotheke in Gifhorns Innenstadt, die noch offen hat: Ruscheinsky-Rotter hat Notdienst.

Noch muss dieser Kunde die Notdienst-Gebühr von 2,50 Euro nicht bezahlen. „Die wird erst nach 20 Uhr fällig“, erklärt der Apotheken-Inhaber. „Also außerhalb der üblichen Ladenöffnungszeiten.“ Und auch nur für Kunden, die ohne Rezept kommen oder auf deren Rezept der Arzt das entsprechende Feld nicht angekreuzt hat. „Sonst übernimmt die Krankenkasse die Gebühr.“

Seit 1994 ist Ruscheinsky-Rotter Apotheker in Gifhorn. Seither macht er Notdienste, wochentags ebenso wie an Wochenenden und Feiertagen. Da ist ihm nichts Menschliches fremd. „Jedes Klischee stimmt“, sagt er und verweist auf „eine Schachtel Tampons in jeder Größe“ in einer Schublade, denn wenn die Regel mal zu früh einsetzt, „kann das schon ein echter Notfall sein“. Auch wenn er sich doch ab und zu wundert. Wie bei dem Mann, der in einer Silvesternacht wenige Minuten nach Mitternacht klingelte und 100 Knoblauchtabletten verlangte. Und als jemand den Apotheker nachts um 4 Uhr aus dem Tiefschlaf klingelte und dann eine Salbe gegen Fußpilz verlangte, „war ich doch etwas ungehalten“. Inzwischen vermutet Ruscheinsky-Rotter, dass dieser Einkauf eine gesellschaftliche Entwicklung widerspiegelt: „Beim Internet-Einkauf ist ja auch rund um die Uhr alles verfügbar.“

Ganz weit weg vom Rund-um-die-Uhr-Service ist eine Notdienst-Apotheke nicht: „Wenn ich ein Medikament nicht da habe, kann ich das im Notdienst-Großhandel bestellen.“ Zwischen 11 und 12 Uhr muss die Bestellung raus, damit der Bote sie noch am gleichen Tag erledigt. Und so wird auch dem Wochenendurlauber aus Berlin geholfen, der sein Blutdruckmedikament zuhause vergessen hat: „Der war im ärztlichen Notdienst, hat sich ein Rezept besorgt, und ich konnte das Medikament noch bestellen“, sagt der Stadt-Apotheker. Sogar wenn jemand nach 12 Uhr ein ganz bestimmtes Medikament verlangt, geht noch was: „Dann rufen wir bei den Notdienst-Apotheken im Landkreis an, ob jemand das vorrätig hat. Das heißt natürlich, dass der Kunde noch fahren muss.“

Antibiotika und Schmerzmittel sind laut Ruscheinsky-Rotter die meist verordneten Medikamente im Notdienst. Wobei das gefragte Sortiment je nach Jahreszeit etwas wechselt: „Im Sommer werden eher Antiallergika oder Arzneien für den Sonnenbrand verlangt, im Winter Erkältungsmedizin.“

Die Türglocke geht. Dieser Kunde steckt nur seine Nase über die Schwelle. „Muss ich schon Notdienst-Gebühr zahlen?“, will er wissen. Als der Apotheker ihm versichert, dass das nicht der Fall ist, kommt er näher und kauft Augentropfen.

„Mancher Kunde hat nachts schon die 2,50 Euro abgezählt in der Hand, andere wollen nicht zahlen“, berichtet Ruscheinsky-Rotter. Dabei würde doch auch jeder VW-Arbeiter Nacht- und Feiertagszuschläge bekommen. Diese Notdienstgebühr ist ein zusätzlicher Verdienst für die Apotheke. Nicht sehr lukrativ: „Es gibt auch Nächte, in denen nur vier Kunden kommen.“

Der erste Ansturm ist vorbei, vorne die Schiebetür ist geschlossen. Wer jetzt etwas braucht, muss klingeln. Für Ruscheinsky-Rotter die Gelegenheit, einmal durchzuatmen. „Da bestelle ich mir meistens was zu Essen, lese ein bisschen in der Zeitung.“ Und wenn später noch Luft ist, „gibt es immer Papierkram“: Rezepte müssen kontrolliert und dokumentiert werden, Bank- und Versicherungsformalitäten sind zu erledigen.

Neben dem Schreibtisch mit Computer im Hinterzimmer steht ein Ausziehsofa. „Vorschrift“, sagt der Apotheker. Und zumindest ein paar Stunden am Stück kann er sich auch in nahezu jedem Notdienst hinlegen. Bis vorne wieder jemand klingelt und an der Notdienst-Klappe beispielsweise nach Nasenspray fragt. „Wenn der arme Mensch vergessen hat, sich neues Spray zu kaufen, und nun keine Luft mehr bekommt, ist das ein Notfall - und genau dafür bin ich da.“

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